Gedichte für Kinder – Folge 65: Sieben Kindergedichte von Jan Kaiser

Uwe-Michael Gutzschhahn präsentiert jeweils am 10. eines Monats auf DAS GEDICHT blog faszinierende Kindergedicht-Autoren mit ihren vielfältigen Spielarten der Kinderpoesie. Denn das Kindergedicht soll lebendig bleiben – damit aus jungen Gedichtlesern neugierige Erwachsene werden, die sich an die Klänge und Bilder der Poesie erinnern, statt an die Last der didaktischen Lyrikinterpretation.

 

 

Wattwurms Erwachen

Mitten in der dunklen Nacht
ist Wattwurm Alfons aufgewacht.
Das Watt lag still, er fragte sich:
„Herrjemine, was weckte mich?

War es des Mondes trübes Licht?
Nee, das war es sicher nicht.
War es des Leuchtturmwärters Singen?
Das wird kaum bis hier draußen dringen.
War es der Deich mit seinen Schafen?
Nein, dabei kann ich prima schlafen.
War es der Nordseekrabbenschrei?
Quatsch, der wär‘ mir einerlei.
Oder der Ruf des Kabeljaus?
Ach, ich glaub, den schließ ich aus.
Vielleicht ist ‘ne Scholle am Verrecken?
Iwo, das würd‘ mich niemals wecken.
Dann war es obendrein der Butt?
Der macht den Schlaf mir nicht kaputt.
So keift der Aal des Nachts durchs Watt?
Ach was, den überhör ich glatt.
Oder der Hummer, der oft stöhnt?
Nein, daran hab‘ ich mich gewöhnt.

Es war nicht Dorsch, auch Flunder nicht,
und ich bin müde im Gesicht.
Drum wird’s wohl Liebeskummer sein!“

Dacht sich der Wattwurm …

… und schlief ein.

 

 

 

Auf des höchsten Berges Gipfel

Auf des höchsten Berges Gipfel,
über jeder Tanne Wipfel,
dort, wo nicht mal Geier kreisen,
wohin selbst Götter furchtvoll weisen,
wo sogar der Eisbär friert
und immer nur der Frost regiert,
wo seit über tausend Jahren
Schnee und Eis bestimmend waren
und es auch im Sommer kälter
als in jedem Kühlbehälter,
steht – entgegen meinem Rat –
ein Münzgeldkaffeeautomat!

Ich glaube kaum, dass viele Kunden
jemals den Weg dorthin gefunden.
Doch, was hilft es jetzt bereuen?
Wer einmal dort ist, wird sich freuen.
Gesetzt den Fall, er hat es klein:

Der Automat nimmt keinen Schein.

 

 

 

Der stolze Beutelwolf

Der Beutelwolf, das stolze Tier,
steht mit kühnem Blick vor mir.
Doch schweigt er nur, wenn ich ihn frage,
was er in seinem Beutel trage.

Drum fang ich an herumzuraten:
„Ist es vielleicht Sauerbraten
oder eine Kuckucksuhr?“
Der Beutelwolf, er lächelt nur.
Ich tippe weiter: „Schwarzwaldschinken?“
Das Tier beginnt schon abzuwinken.
„Pommes oder Tennissocken?“
Der Wolf lässt sich kein Wort entlocken.
„Knete? Lego? Hefezopf?“
Das Mistvieh schüttelt stur den Kopf.
„Katzenstreu? Jamaika-Rum?“
Verflixt! Der Beutelbalg bleibt stumm.

Fast wage ich, hinein zu äugen,
um mich selbst zu überzeugen.
Doch bin ich höflich und gescheit
und respektier die Eitelkeit.
Ich geh und schaue nicht hinein.

(Was wird schon drin gewesen sein!)

 

 

Mein Freund

Im Walde tief, da steht ein Baum,
so hoch als wie ein Berg.
Man sieht von ihm den Wipfel kaum
und fühlt sich fast als Zwerg.

Ich steige gern in diesen Baum
und schaue dann nach oben.
In seinem weiten, grünen Raum
fühl‘ ich mich aufgehoben.

So sitz ich heute wieder hier
und schreibe dies Gedicht.
Da hockt sie plötzlich neben mir
und schaut mir ins Gesicht.

Eine Eule, braun und rund,
so groß wohl wie ein Topf.
Sie zwinkert mit den Augen und
wackelt mit dem Kopf.

So sitzen wir nun auf dem Ast
und schweigen im Verein.
Mir ist es so, wir könnten fast
beste Freunde sein.

Doch plötzlich hebt sie sich hinfort
und gleitet in den Wald.
Auch ich verlasse diesen Ort,
mir ist auf einmal kalt.

Man sieht mich jeden Tag seitdem
zu diesem Baume gehen.
Doch hab‘ ich nie und nimmermehr
die Eule dort gesehen.

 

 

Der Funkelwicht

In diesem Loch, da wohnt ein Wicht,
der hasst nichts so wie Sonnenlicht.
Drum sitzt er immer dort im Dunkeln,
seht ihr seine Augen funkeln?

Nein? Ihr seht die Augen nicht?
Moment einmal: Wo ist der Wicht?

Hilfe! Achtung! Wicht gesucht!
Wer ihn geraubt, der sei verflucht,
dem drohen Prügel und noch mehr,
zum Beispiel …

… ach … da sitzt doch wer!
Oh, wie schön: Es ist der Wicht!
Gestohlen ist er also nicht.
Stattdessen hockt er dort im Dunkeln,
seht ihr jetzt die Augen funkeln?

Wieder nein?

Verdammter Mist!
Ob der Wicht gestorben ist?
Klappe zu? Und Schicht im Schacht?

Halt!

Er hat sie aufgemacht,
seine Augen dort im Dunkeln,
seht ihr sie jetzt bitte funkeln?

Ja?
Na endlich!

 

 

Igel, bei Gewitter unsichtbar

Blitze zuckten, Donner grollten,
und durch das dunkle Dickicht rollten
zwei Igeltiere: Ralf und Reiner,
doch gesehen hat sie keiner.

 

 

 

Die erfolglose Zecke

Die Zecke hing am Blatt im Wald,
auf dass sie sich ein Opfer krallt.

Im Unterholz erklang ein Schnaufen:
Es kam die Wildsau angelaufen.

Die Zecke dachte: „Jetzt geht’s los!“
Sie gab sich einen kleinen Stoß,

und voller Anmut schwebte sie
hinunter Richtung Borstenvieh.

Doch grade als sie auf dem Schwein
landen wollte, fiel dem ein,

mit nicht minder lautem Schnaufen
zu wenden und zurückzulaufen.

Weshalb die Zecke, sehr grazil,
vorbei und auf den Boden fiel.

Dort hörte man sie leise fluchen
und den Weg nach Hause suchen.

Die wilde Sau jedoch entwich
heim zu Ferk und Eberich.

 

© Jan Kaiser

 

 

Jan Kaiser ist Jurist. Er war bis 2012 als Richter im Lüneburgischen tätig. Seitdem konzentriert er sich auf die Juristenausbildung und bereitet bundesweit Referendare auf das Staatsexamen vor. Schreiben ist für ihn der schönste Ausgleich zum trockenen Brot der Rechtsprechung, wobei er zunächst fast nur Lyrik für Erwachsene, allerdings meistens Nonsensgedichte schrieb, die er unter anderem in der taz, der Süddeutschen Zeitung, im Hörfunkprogramm des WDR sowie in diversen Anthologien veröffentlichte. 2003 erschien dann der Gedichtband „Wie Schwech und Pefel – Liebeslustundlachgedichte“. Neuerdings hat er auch Freude an der Kinderliteratur entdeckt. 2018 und 2019 veröffentlichte er zwei Bilderbücher: „Hase Hartmann“ und „Das dauert noch ein bisschen“. Kindergedichte zu schreiben erfüllt ihn mit einem besonderen inneren Brummen: Locker leicht oder auch mal ernst, lang oder kurz, vorne gereimt oder hinten gereimt, über Menschen oder Tiere, lustig oder auch einmal etwas traurig, dabei immer mitten aus dem Leben, so wie es ist oder wie man es sich eben vorstellt, das gefällt ihm. Er lebt mit seiner Familie im Breisgau. Das gefällt ihm auch.

 

 

 

Uwe-Michael Gutzschhahn. Foto: Volker Derlath

Uwe-Michael Gutzschhahn. Foto: Volker Derlath

Uwe-Michael Gutzschhahn, Jg. 1952, lebt in München und hat an der Universität Bochum über den Lyriker Christoph Meckel promoviert. Seit 1978 hat er zahlreiche eigene Gedichtbände veröffentlicht, u. a. »Fahrradklingel« (1979), »Das Leichtsein verlieren« (1982), »Der Alltag des Fortschritts« (1996) und »Die Muße der Mäuse« (2018). Zwischen 1988 und 1991 gab er die 12-bändige Kinder-Taschenbuchreihe »RTB Gedichte« mit Texten u. a. von Ernst Jandl, Oskar Pastior, Friederike Mayröcker und Sarah Kirsch heraus. 2003 folgte die Anthologie »Ich liebe dich wie Apfelmus«, die er mit Amelie Fried zusammenstellte und die gerade in einer Neuausgabe wiederaufgelegt wurde. Sein erster eigener Kindergedichtband folgte 2012 unter dem Titel »Unsinn lässt grüßen«. Und im Herbst 2015 erschien seine große Nonsenslyrik-Anthologie »Ununterbrochen schwimmt im Meer der Hinundhering hin und her«, im Frühjahr 2018 die Anthologie »Sieben Ziegen fliegen durch die Nacht« bei dtv Junior, die aus der Reihe »Gedichte für Kinder« hervorgegangen ist.

Alle bereits erschienenen Folgen von »Gedichte für Kinder« finden Sie hier.

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