Gedichte für Kinder – Folge 66: Fünf unveröffentlichte Kindergedichte von Kirsten Reinhardt

Uwe-Michael Gutzschhahn präsentiert jeweils am 10. eines Monats auf DAS GEDICHT blog faszinierende Kindergedicht-Autoren mit ihren vielfältigen Spielarten der Kinderpoesie. Denn das Kindergedicht soll lebendig bleiben – damit aus jungen Gedichtlesern neugierige Erwachsene werden, die sich an die Klänge und Bilder der Poesie erinnern, statt an die Last der didaktischen Lyrikinterpretation.

 

 

Dichter

Kaffeehäusler im Separee
Nierenwärmer, Hustentee
und `ne kolossale, blasse
Geliebte in der Untertasse
Welche Wörter wähle ich
sei doch nicht so neugierig
Irgendwas wird schon entstehn
zwischen Schlürfen und Vergehn
vor Sehnsucht, Bauchweh, Darmkatarrh
Was ich schreibe, das ist wahr

Separee ist ein abgetrennter ruhiger Nebenraum in einem Café oder Gasthaus.

 

Pickel

Ein Pickel am Hals
Es ist ganz so als
wüsste er, dass es sich lohnt
da zu sein, wo er wohnt

 

Im Naturkundemuseum

Selten sieht der Ammonit,
was um ihn herum geschieht.
Wie kann das sein?
Er ist aus Stein.
Gezeiten alt, auf dem Regal
liegt er dort und langweilt sich.
Da war doch was, da war doch mal …
denkt er.
Die Langeweile, die ist fürchterlich.
Doch eines Mittwochs
er weiß nicht, wie ihm geschieht
passiert was mit dem Ammonit.
Tief drinnen, in dem Tier aus Stein,
formiern sich Töne, von allein.
Sie steigen auf, aus alter Seele
wundersame Ammoniten-Töne.
Bald singt ganz laut der Ammonit
sein ur-ur-altes Lieblingslied.
Und der Museumswärter, der das sieht?
Der flieht.

Ammoniten sind Tiere, die vor Jahrmillionen ausstarben und manchmal in Steinen eingeschlossen wurden.

 

Geburtstagsgeschenk

Ein Fahrrad wollte ich dir schenken
treu wie mein Monbijou.
Doch das Geld lief mir davon
pleite bin ich nu.
Ich kaufte Cremes gegen Falten
und Musik voll Traurigkeit
nun ist leer mein Portemonnaie
und der Reichtum weit weg, weit.
Doch halt, da ist was, das ich habe
nichts Besondres, schon gebraucht,
aber vielleicht magst du`s trotzdem haben
wenn des Abends Kälte haucht.
Darum schenke ich dir, ungelogen
meinen linken Ellenbogen.
Und dazu, du kannst es ruhig glauben
das Grünliche in meinen Augen.
Die Narbe an dem rechten Knie
was Schöneres findest Du nie.
Die Stelle über meinem Nabel
und das Loch vom linken Ohr
meinen kleinsten Fingernagel
das Haar, das ich im Bad verlor.
Dieses alles sei das deine
und dazu mein ganzes Ich
Nicht geschenkt, aber für immer
Denn ich lieb dich fürchterlich.

Monbijou ist das Fahrrad aus Kirsten Reinhardts Kinderbuch „Fennymores Reise oder Wie man Dackel im Salzmantel macht“

 

Krank im Dezember

Sitz hier rum
und lieg und lieg und lieg.
Vier Tage schon krank – ‘ne Ewigkeit.
Von draußen singt ein Kind herein
„O Tannenbaum!“
Dabei hat’s noch nicht mal geschneit.

Ich sitz hier rum
und lieg und lieg und lieg.
Am dritten Tag war ich kurz raus
und wähnte mich im Schneegestöber
doch das Ganze war bloß Staub
von der Baustelle schräg gegenöber.

 

© Kirsten Reinhardt

 

 

Kirsten Reinhardt wuchs in einem kleinen Ort in der Lüneburger Heide auf, wurde groß in Tokyo/Yokohama, studierte in Ruhe und arbeitete unter anderem als Kellnerin in einem Jazz-Club, als Milchaufschäumerin in einem Café und als Redakteurin und Kolumnistin bei der Tageszeitung taz. Ihr Debüt „Fennymores Reise oder wie man Dackel im Salzmantel macht“ wurde 2009 als unveröffentlichtes Manuskript mit dem Oldenbuger Kinder- und Jugendbuchpreis ausgezeichnet und in vier Sprachen übersetzt. Ihr jüngster Kinderroman erschien 2017 unter dem Titel „Der Kaugummigraf“. Kirsten Reinhardt schreibt Kinderbücher, Gedichte und Texte für das Theater. Sie lebt in Berlin-Wedding. Meistens merkt sie erst hinterher, dass sie sich schon wieder was für Kinder ausgedacht hat. Über das Gedichteschreiben (für Kinder) sagt sie: „Gedichte kommen einfach aus mir heraus, sobald man mich vor eine Schreibmaschine setzt – das könnt ihr gerne selbst ausprobieren. Ich mache einerseits gern viel Quatsch, andererseits bin ich extrem nachdenklich, außerdem liebe ich eklige und unpassende Dinge. Das alles zusammengerührt plus 1 Inspiration plus 1 Schreibmaschine = da passiert immer etwas.“

 

 

 

Uwe-Michael Gutzschhahn. Foto: Volker Derlath

Uwe-Michael Gutzschhahn. Foto: Volker Derlath

Uwe-Michael Gutzschhahn, Jg. 1952, lebt in München und hat an der Universität Bochum über den Lyriker Christoph Meckel promoviert. Seit 1978 hat er zahlreiche eigene Gedichtbände veröffentlicht, u. a. »Fahrradklingel« (1979), »Das Leichtsein verlieren« (1982), »Der Alltag des Fortschritts« (1996) und »Die Muße der Mäuse« (2018). Zwischen 1988 und 1991 gab er die 12-bändige Kinder-Taschenbuchreihe »RTB Gedichte« mit Texten u. a. von Ernst Jandl, Oskar Pastior, Friederike Mayröcker und Sarah Kirsch heraus. 2003 folgte die Anthologie »Ich liebe dich wie Apfelmus«, die er mit Amelie Fried zusammenstellte und die gerade in einer Neuausgabe wiederaufgelegt wurde. Sein erster eigener Kindergedichtband folgte 2012 unter dem Titel »Unsinn lässt grüßen«. Und im Herbst 2015 erschien seine große Nonsenslyrik-Anthologie »Ununterbrochen schwimmt im Meer der Hinundhering hin und her«, im Frühjahr 2018 die Anthologie »Sieben Ziegen fliegen durch die Nacht« bei dtv Junior, die aus der Reihe »Gedichte für Kinder« hervorgegangen ist.

Alle bereits erschienenen Folgen von »Gedichte für Kinder« finden Sie hier.

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