Gedichte für Kinder – Folge 73: Sieben unveröffentlichte Gedichte von Nikola Richter

Uwe-Michael Gutzschhahn präsentiert jeweils am 10. eines Monats auf DAS GEDICHT blog faszinierende Kindergedicht-Autoren mit ihren vielfältigen Spielarten der Kinderpoesie. Denn das Kindergedicht soll lebendig bleiben – damit aus jungen Gedichtlesern neugierige Erwachsene werden, die sich an die Klänge und Bilder der Poesie erinnern, statt an die Last der didaktischen Lyrikinterpretation.

 

 

Heuballen

Stroh sieht so lecker aus.
Ich würde es gerne essen.
Oder fressen.
Reinbeißen.
Mich so richtig verbeißen.
Ich wäre so gern eine Kuh.
Heu fressen. Immerzu.

 

 

Darm

In meinem Bauch
leben wichtige Viecher,
die schieben das,
was ich heute
esse und trinke,
hin und her. Es sind
24-Stunden-Arbeiter.
Einer sitzt am Steuerpult,
er bedient alle Maschinen.
Die Reste werden braun angemalt,
zu kleinen Schnüren geformt
und schließlich ganz gemütlich
aus mir herausgefahren.

 

 

Das tote Tier

Wir fanden es am Strand vor einem Jahr,
es lag so da, man sah es kaum, am Meeressaum.
Auch die Möwen hielten Abstand, es war noch klein.
Warum lag es da, warum musste das sein?

Im nächsten Jahr fuhren wir wieder ans Meer
und da war es noch immer, das Skelett im Sand.
Wie ein Puzzle vom Wind verstreut.
Wir rätselten, was für ein Tier das wohl war.
Für eine Robbe: zu groß.
Für ein Schwein: zu klein.
Für einen Hund: zu viele Flossen.
Für einen Fisch: zu viele Knochen.
Wir überlegten täglich und stets,
also,
es war ein
Ferkelseehundkrebs.

 

 

Haare sind das Gras auf meiner Haut

Haut ist wie Erde.
Haare sind das Gras auf meiner Haut.
Leberflecke sind Berge.
Pickelchen auch.
Bestimmt rennen irgendwelche Minileute
wie Ameisen auf mir hin und her.
Für sie bin ich die Welt.
Wie es ihnen auf mir wohl gefällt?

 

 

Die zitternde Biene

Können Blätter frieren?
Können Bienen zittern?
Können Farben sprechen?
Können Blumen lachen?
Können Gurken rennen?
Können Schurken flennen?
Können Engel pupsen?
Können Zahlen schubsen?
Vielleicht eines Tages, aber jetzt
noch nicht,
nur in diesem Gedicht.

 

 

Karussell

Der Himmel dreht sich mit den Wolken.
Er ist ein Wolken-Karussell.
Mal langsam und dann wieder schnell.
Ein Karussell für Tropfen.
Für Träume.
Für Stürme.
Für Bäume.
Für alle Menschen,
die ihren Kopf nach oben drehen
und in den hellen Himmel sehen.

 

 

Wer hat die Sonne gemacht

Wer hat eigentlich die Sonne gemacht.
Wo kommt sie her, wer hat sie angemacht.
Und was passiert, wenn sie nicht mehr ist.
Wird es bei uns für immer dunkel?
Oder drumherum riesiges Sternengefunkel?
Wird der Mond dann schwarz?
Und die Erde kalt?
Sind wir dann alt?
Oder gar nicht mehr da?

 

© Nikola Richter

 

 

Nikola Richter, geboren 1976 in Bremen, lebt in Berlin und leitet den literarischen Verlag mikrotext für neue Narrative und Texte mit Haltung. Sie denkt sich seit ihrer komplett internetfreien Jugend in den 1980er Jahren eigene Texte aus. Damals schrieb sie mit Bleistift und die Reinschrift wurde dann mühsam und voller Konzentration Wort für Wort mit Tintenfass und Feder auf weiße Blätter übertragen. Das ist ihr mittlerweile etwas zu umständlich, aber schön war es! Von ihr sind auch einige Bücher (für Erwachsene) erschienen, etwa die Lyrikbände die do-re-mi-maschine und roaming oder der Kurzgeschichtenband Schluss machen auf einer Insel. Vor ein paar Jahren fing sie an, Alltags- und Lebensbeobachtungen ihrer beiden Kinder auf kleinen Zetteln festzuhalten, manchmal auch in ihr Smartphone hineinzutippen, und diese Ideen als Kern der Gedichte zu verwenden. Denn wer kennt die besten Themen für Kindergedichte, wenn nicht die Kinder selbst? Langsam wächst das Manuskript, und falls ein Buch daraus wird, möchte sie mit Tinte und Füller Widmungen hineinschreiben.

 

Uwe-Michael Gutzschhahn

 

 

Uwe-Michael Gutzschhahn. Foto: Volker Derlath

Uwe-Michael Gutzschhahn. Foto: Volker Derlath

Uwe-Michael Gutzschhahn, Jg. 1952, lebt in München und hat an der Universität Bochum über den Lyriker Christoph Meckel promoviert. Seit 1978 hat er zahlreiche eigene Gedichtbände veröffentlicht, u. a. »Fahrradklingel« (1979), »Das Leichtsein verlieren« (1982), »Der Alltag des Fortschritts« (1996) und »Die Muße der Mäuse« (2018). Zwischen 1988 und 1991 gab er die 12-bändige Kinder-Taschenbuchreihe »RTB Gedichte« mit Texten u. a. von Ernst Jandl, Oskar Pastior, Friederike Mayröcker und Sarah Kirsch heraus. 2003 folgte die Anthologie »Ich liebe dich wie Apfelmus«, die er mit Amelie Fried zusammenstellte und die gerade in einer Neuausgabe wiederaufgelegt wurde. Sein erster eigener Kindergedichtband folgte 2012 unter dem Titel »Unsinn lässt grüßen«. Und im Herbst 2015 erschien seine große Nonsenslyrik-Anthologie »Ununterbrochen schwimmt im Meer der Hinundhering hin und her«, im Frühjahr 2018 die Anthologie »Sieben Ziegen fliegen durch die Nacht« bei dtv Junior, die aus der Reihe »Gedichte für Kinder« hervorgegangen ist.

Alle bereits erschienenen Folgen von »Gedichte für Kinder« finden Sie hier.

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