Gedichte für Kinder – Folge 74: Sieben Kindergedichte von Gerd Herholz

Uwe-Michael Gutzschhahn präsentiert jeweils am 10. eines Monats auf DAS GEDICHT blog faszinierende Kindergedicht-Autoren mit ihren vielfältigen Spielarten der Kinderpoesie. Denn das Kindergedicht soll lebendig bleiben – damit aus jungen Gedichtlesern neugierige Erwachsene werden, die sich an die Klänge und Bilder der Poesie erinnern, statt an die Last der didaktischen Lyrikinterpretation.

 

 

Noch Fragen?

Hör mal, Ronny!
Willst du endlich mit mir gehen
oder hier nur weiter stehn
und ein bisschen Däumchen drehn?

Halt lieber mir die Hand hin
vielleicht wär auch ein Kuss drin …
auf die Wange, woll’n mal sehn
schließlich werd ich übermorgen zehn!

Ich find dich echt noch süßer als mein Pony,
du sollst ja auch schon zwölf sein.
Selbst meine Mutter sagt „Der Ronny
is voll funny. Aber geht der nicht mit Annie?“
Du hast die Wahl!

Verhau für mich den blöden Jonathan,
dann kommt die Zicke Annie dran!
Danach spendier mir Kino und Kakao!
Jetzt weißt du’s also ganz genau:
SO verwöhnt man eine Frau.

 

 

Oh weh!

Oooh!
Oho!
Oha!
O ja!

O ne!
Oje!
O weh …

 

 

Wunschworte

Aller Anfang soll leicht sein

Wer den Schaden hat
dem soll der Meister vom Himmel fallen

Wer nicht hören kann
soll fühlen dürfen

Den Tag sollte man
vor dem Abend loben

Es komme
ein Glück selten allein
und
am Ende
alles Gute
doch von unten

 

 

Märchen

Es war einmal
ein böser böser König
und
wenn er …
dann
war‘s schlimm genug
und
wenn er nicht …
dann war‘s auch nicht besser
und
wenn er nicht grad sterben ließ
dann
leb ich heute noch
und
sag:
Es war einmal
ein böser böser König
und
wenn der nicht gestorben ist
dann
stirbt er
jetzt

 

 

Der Lehrer

Der Lehrer ist ein Wolf
der frisst Kreide
bevor es schellt
und spricht mit verstellter Stimme

Montags bis freitags
verschluckt er die Geißlein

Mit ihrem Blut
schreibt er rot
an den Rand meines Heftes

(Nichts rumpelt und pumpelt
in seinem Kopf)

 

 

Da liegt Dornröschen

und schläft.
Der Prinz
– noch ganz Frosch –
(nur aus Versehen
hier hineingeraten)
kann es nicht wecken.
Wirf du ihn
gegen die Wand
und mach
den Märchen
ein Ende!

 

 

Schneegestöber

Dicke weiße Flocken
wollen mich nach draußen locken:

Komm! Komm! Klopft es an das Fenster
Wir werden mit dir Schlitten fahren
und führ’n dich dann aufs dünne Eis.

Ne, ne, ne! Ihr Taggespenster!
Weil mir vor euch ein bisschen graut
wart‘ ich lieber, bis es taut.

 

 

© Gerd Herholz

 

 

Gerd Herholz wurde in Duisburg geboren und lebt heute in Gelsenkirchen. Der gelernte Lehrer arbeitete in der Stadtteilkulturarbeit und als Literaturvermittler, heute ist er freier Autor, Blogger und Journalist. Bei Bühnenprogrammen tritt er mit seinen Gedichten und Geschichten gemeinsam mit dem Musiker Eckard Koltermann auf. Zurzeit arbeitet er an so etwas wie einem Roman. Eigentlich schreibe ich nicht für Kinder, sagt er, sondern viel lieber als Kind, auch als einer, der großes Kind geblieben ist oder sich an mich als kleines Kind erinnert. Ich hatte da einen inspirierenden Großvater, der immerzu reimte, selbst, wenn er mich gütig ermahnte. „Gerhard, lass die Faxen, dieser Blumentopf soll wachsen!“ Als Junge in einer Familie ohne Bücher las ich erst spät, dann aber viel, zuerst die 250 Perry Rhodan-Hefte meines Bruders. Und schrieb irgendwann auch, vor allem mir den Kummer von der Seele. Aber ich habe auch gern gelacht, habe selbst Stimmen imitiert und damit die Familie unterhalten. Die Lust an Wortwitz, Wortverdrehungen, Verballhornungen war wohl auch Protest gegen große Spracharmut um mich herum. Man muss sich schon selbst etwas einfallen lassen, Fantasie haben, wenn man zumindest Abenteuer im Kopf erleben will. Und sich gegen Zumutungen wehren. Einer meiner Schreibschüler, Klaus Namesnik, hat einmal gesagt: „Ich verhaue gern, aber mit Buchstaben.“ Ein schöner Satz.

 

 

Uwe-Michael Gutzschhahn

 

 

Uwe-Michael Gutzschhahn. Foto: Volker Derlath

Uwe-Michael Gutzschhahn. Foto: Volker Derlath

Uwe-Michael Gutzschhahn, Jg. 1952, lebt in München und hat an der Universität Bochum über den Lyriker Christoph Meckel promoviert. Seit 1978 hat er zahlreiche eigene Gedichtbände veröffentlicht, u. a. »Fahrradklingel« (1979), »Das Leichtsein verlieren« (1982), »Der Alltag des Fortschritts« (1996) und »Die Muße der Mäuse« (2018). Zwischen 1988 und 1991 gab er die 12-bändige Kinder-Taschenbuchreihe »RTB Gedichte« mit Texten u. a. von Ernst Jandl, Oskar Pastior, Friederike Mayröcker und Sarah Kirsch heraus. 2003 folgte die Anthologie »Ich liebe dich wie Apfelmus«, die er mit Amelie Fried zusammenstellte und die gerade in einer Neuausgabe wiederaufgelegt wurde. Sein erster eigener Kindergedichtband folgte 2012 unter dem Titel »Unsinn lässt grüßen«. Und im Herbst 2015 erschien seine große Nonsenslyrik-Anthologie »Ununterbrochen schwimmt im Meer der Hinundhering hin und her«, im Frühjahr 2018 die Anthologie »Sieben Ziegen fliegen durch die Nacht« bei dtv Junior, die aus der Reihe »Gedichte für Kinder« hervorgegangen ist.

Alle bereits erschienenen Folgen von »Gedichte für Kinder« finden Sie hier.

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