»Gedichte mit Tradition – Neue Blätter am Stammbaum der Poesie«: eine fortlaufende Online-Anthologie, zusammengestellt von Jan-Eike Hornauer
Sandra Blume
Nachtgedanken
Rückkehr nach Haus
Bei Nacht.
Der Ofen noch warm.
Licht angemacht.
Licht ausgemacht.
Ins Bett geschlüpft,
Deinem Atem gelauscht.
Noch lang gewacht.
© Sandra Blume, Marksuhl
+ Zum Original
Das Vorbild für »Nachtgedanken« ist das titellose Gedicht von Samuel Beckett, das so beginnt: »Rückkehr / bei Nacht«. Sandra Blume bleibt dem Original in Sprache, Tonfall und Stil sehr nah, übernimmt gar Teile des Vorbilds und setzt sie behutsam neu zusammen. Zugleich aber weicht sie auch radikal vom Vorbild ab, und zwar nicht nur weil sie einen Titel verwendet und dem Gedicht dafür, anders als Beckett, keine Vorrede voranstellt. Sondern vor allem weil das lyrische Ich hier in eine grundlegend andere Situation gerät: Anstatt ins Allein- und Für-sich-Sein in der Weite der Nacht kehrt es hier ins Aufgehobensein einer Paarbeziehung zurück.
Hinsichtlich des Formalen ist noch anzumerken: Wie auch schon das Original des großen Iren locker das Stilmittel des Endreims mitwirken lässt, so geschieht dies ebenfalls in »Nachtgedanken«. Dadurch dass hier das Reimwort nicht gewechselt sowie das Reimen verstärkt eingesetzt wird, zeigt sich das harmonisch Fließende dieser Verse, ihres Inhalts (Becketts Poem ist zwar auch dem harmonischen Fluss zugeneigt, im Vergleich jedoch noch deutlich verspielter, auch ins Absurde verweisend und stockender) so wirklungsvoll wie dezent unterstrichen.
+ Zur Autorin
Sandra Blume, 1976 in Eisenach geboren, lebt heute in Marksuhl und arbeitet als Pressereferentin des Wartburgkreises, als freie Texterin und als Theaterdramaturgin. Außerdem widmet sich Blume, die Geschichte, Kulturwissenschaften und Journalistik studiert hat, leidenschaftlich dem Schreiben sowie, als Herausgeberin und Sprecherin, Verbreiten von Gedichten. Ihren poetischen Blick setzt sie überdies im Medium der Fotografie ein und um. Für DAS GEDICHT blog hat sie 2017 die Online-Anthologie »Lyrik rettet den Montag« zusammengestellt und eingesprochen, die vorwiegend Klassiker aufbereitet. Derzeit publiziert Sandra Blume hier die Reihe »Das flüchtige Schöne einfangen« mit Beiträgen zeitgenössischer Poeten. Ihre Gedichte veröffentlicht sie in Anthologien (u. a. in »Herzweise. 100 Gedichte der Gegenwart«, hg. v. Hannah Buchholz und Ángel María Perezáno, Verlag in der Lindenstraße 2017) sowie – gemeinsam mit ihren Fotos – auf ihrem Blog »Herzhüpfen«. 2018 hat sie zudem den mit ihren Gedichten und Fotografien gestalteten Wandkalender »Beginnende Tage« für 2019 herausgebracht.
»Gedichte mit Tradition« im Archiv
Zu dieser Reihe: »Gedichte mit Tradition – Neue Blätter am Stammbaum der Poesie« ist eine Online-Sammlung zeitgenössischer Poeme, die zentral auf ein bedeutendes Werk referieren, ob nun ernsthaft oder humoristisch, sich verbeugend oder kritisch. Jeden zweiten Freitag erscheint eine neue Folge der von Jan-Eike Hornauer herausgegebenen Open-End-Anthologie. Alle bereits geposteten Folgen finden Sie hier.