Humor in der Lyrik – Folge 41: Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791): Nicht nur genialer Ton-, sondern auch Wortschöpfer

Die Behauptung ›Lyriker haben keinen Humor‹ gehört zu den unausrottbaren Missverständnissen. Doch gerade in dieser literarischen Gattung blüht Humor in allen Facetten. Alfons Schweiggert stellt an jedem 25. des Monats lyrischen Humor und humorvolle Lyriker in seiner Rubrik »Humor in der Lyrik« vor. Als Kolumnist von DAS GEDICHT blog will er damit Anregungen geben, Humor in der Lyrik zu entdecken und humorvolle Vertreter dieser Gattung (wieder) zu lesen.

Dass Wolfgang Amadeus Mozart zauberhafte Musik komponiert hat, weiß jeder. Doch dass er auch eine ausgeprägte poetische Ader hatte, ist weniger bekannt. Mozart war ein lebensfroher Sinnenmensch mit Spaß am derben Humor, der sich die Freude am Wortwitz lebenslang bewahrte. Vor allem in den neun erhaltenen Briefen an seine zwei Jahre jüngere Cousine Maria Anna Thekla Mozart, die er »Bäsle« oder »Bäsle Häsle« nennt, zeigen dies recht anschaulich. Der 21 Jährige lernt die 19 jährige im Herbst 1777 in Augsburg kennen, wo das Bäsle mit seiner Mutter lebt. Beide verstehen sich prächtig, techtelmechteln miteinander und schreiben sich Briefe, von denen nur die Mozarts erhalten sind. Köstlich ist, was der Komponist in diesen Briefen an verwirrenden erotisch-obszönen Ausbrüchen so alles von sich gibt. Mal reimt er, mal mault er nach oder spottet darauf los, erfindet Wortspielereien, präsentiert seine Gedanken völlig ungeniert und scheut dabei auch nicht vor Schweinkram zurück. Dabei sind diese heute immer noch verrufenen Schreiben umwerfend skurril wie etwa das vom 5. November 1777, aus dem nur ein paar Ausschnitte zitiert seien:
 

»Allerliebstes bäsle häsle!

lch habe dero mir so werthes schreiben richtig erhalten falten, und daraus ersehen drehen, daß der H: vetter retter, die fr: baaß has, und sie wie, recht wohl auf sind hind; wir sind auch gott lob und danck recht gesund hund. ich habe heüt den brief schief, von meinem Papa haha, auch richtig in meine klauen bekommen strommen. Ich hoffe sie werden auch meinen brief trief, welchen ich ihnen aus Mannheim geschrieben, erhalten haben schaben. desto besser, besser desto! Nun aber etwas gescheüdes. […]
sie schreiben noch ferners, ja, sie lassen sich heraus, sie geben sich blos, sie lassen sich verlauten, sie machen mir zu wissen, sie erklären sich, sie deüten mir an, sie benachrichtigen mir, sie machen mir kund, sie geben deütlich am tage, sie verlangen, sie begehren, sie wünschen, sie wollen, sie mögen, sie befehlen, daß Ich ihnen auch mein Portrait schicken soll schroll. Eh bien, ich werde es ihnen gewis schicken schlicken. Oui, par ma la foi, ich scheiss dir auf d‘ nasen, so, rinds dir auf d’koi. appropós. haben sie den spuni cuni fait auch? […]
Nu Nu; schon recht. Es leben alle die, die – die -die — wie heist es weiter? — iezt wünsch ich eine gute nacht, scheissen sie ins bett daß es kracht; schlafens gesund, reckens den arsch zum mund, ich gehe izt nach schlaraffen, und thue ein wenig schlaffen.
Mein arsch brennt mich wie feüer! was muß das nicht bedeüten! — vielleicht will dreck heraus? – ja ja, dreck, ich kenne dich, sehe dich, und schmecke dich […]
ein Compliment von mir an die 2 Madselles freysinger schreiben, warum nicht? — Curios! warum nicht? — und die Jüngere, nämlich die frl: Josepha bitte ich halt recht um verzeyhung, warum nicht? – warum sollte ich sie nicht um verzeyhung bitten? — Curios! – ich wüste nicht warum nicht? — Ich bitte sie halt recht sehr um verzeyhung, daß ich ihr bishero die versprochene sonata noch nicht geschickt habe, aber ich werde sie, so bald es möglich ist übersenden. warum nicht? — was — warum nicht? — warum soll ich sie nicht schicken? – warum soll ich sie nicht übersenden? — warum nicht? — Curios! ich wüste nicht warum nicht? — Nu, also, diesen gefallen werden sie mir thun; — warum nicht? — warum sollen sie mirs nicht thun? — warum nicht, Curios! […]
iezt muß ich ihnen eine trauerige geschichte erzehlen, die sich jezt den augenblick erreignet hat. wie ich an besten an dem brief schreibe, so höre ich etwas auf der gasse. ich höre auf zu schreiben — stehe auf, gehe zum fenster — und – höre nichts mehr– ich seze mich wieder, fange abermahl an zu schreiben — ich schrelbe kaum 10 worte so höre ich wieder etwas — ich stehe wieder auf — wie ich aufstehe, so höre ich nur noch etwas ganz schwach — aber ich schmecke so was angebrandtes — wo ich hingehe, so stinckt es. wenn ich zum fenster hinaus sehe so verliert sich der geruch, sehe ich wieder herein, so nimmt der geruch wieder zu – – endlich sagt Meine Mama zu mir: was wette ich, du hast einen gehen lassen? – – ich glaube nicht Mama. ja ja, es ist gewis so. Ich mache die Probe, thue den ersten finger im arsch und dann zur Nase, und — Ecce Provatum est, die Mama hatte recht. Nun leben sie recht wohl, ich küsse sie 10000mahl und bin wie allzeit der alte junge Sauschwanz
Wolfgang Amadé Rosenkranz.«
 

Was das Bäsle ihrem Cousin darauf geantwortet hat, ist nicht bekannt, aber sicher dürfte ihre Antwort alles andere als brav ausgefallen sein. Immer wieder befasst sich Mozart in den Briefen an seine verehrte Cousine mit seinem Verdauungstrakt, so auch in seinem 3. Brief vom 13. Nov. 1877, aus dem diese deftige Stelle stammt:

» … Verzeihen sie mir meine schlechte schrift, die feder ist schon alt, ich scheisse schon wircklich bald 22 jahr aus den nemlichen loch, und ist doch noch nicht verissen! – und hab schon so oft geschissen — und mit den Zähnen den dreck ab-bissen. […]

Nun muß ich schliessen, wie es auch so ist, denn ich bin noch nicht angezogen, und wir essen iezt gleich, damit wir hernach wieder scheissen, wie es auch so ist; haben sie mich noch immer so lieb, wie ich sie, so werden wir niemahlen aufhören uns zu lieben ….«

Und im 5. Bäsle- Brief vom 28. Februar 1878 findet sich die zotige Toccata:
 

dreck. dreck! – – dreck!- o dreck! –
o süsses wort! – dreck! – schmeck! –
auch schön!
– dreck, schmeck! – dreck! – leck –
o charmante! – dreck, leck! –
das freüet mich! –
dreck, schmeck und leck! –
schmeck dreck, und leck dreck!

 

Solche Zweideutigkeiten unterzeichnete Mozart mal als »edler von hochenthal«, als »franz v: Nasenblut« oder auch als der »allzeit alte junge Sauschwanz«. Und auch sexuelle Bezüge fehlten nicht. »Warum«, so fragte Mozart im November 1777 sein Bäsle, »sollen sie mirs nicht thun? warum nicht, Curios! ich thue ihnens ja auch, wenn sie wollen, warum nicht?« Was mit »es« und was mit »thun« gemeint ist, lässt sich denken. Seiner Schwester sendet der Komponist zur Hochzeit den folgenden kleinen gereimten Rat, der vergleichsweise recht brav formuliert ist.
 

W. A. Mozart. Silberstiftzeichnung, Dorothea Stock, 1789

W. A. Mozart. Silberstiftzeichnung, Dorothea Stock, 1789

Kleiner Rat

Du wirst im Ehstand viel erfahren,
Was dir ein halbes Rätsel war;
Bald wirst du aus Erfahrung wissen,
Wie Eva einst hat handeln müssen,
Daß sie hernach den Kain gebar.

Doch, Schwester, diese Ehstandspflichten
Wirst du von Herzen gern verrichten,
Denn glaube mir, sie sind nicht schwer.
Doch jede Sache hat zwo Seiten:
Der Ehstand bringt zwar viele Freuden,
Allein auch Kummer bringet er.

Drum, wenn dein Mann dir finstre Mienen,
Die du nicht glaubest zu verdienen,
In seiner übeln Laune macht,
So denke, das ist Männergrille,
Und sag: Herr, es gescheh dein Wille
Bei Tag, und meiner in der Nacht.
 

Lange Zeit wurde um Mozarts Bäsle Briefe ein Geheimnis gemacht. Mozarts Witwe Constanze verbot den Abdruck und ihr zweiter Ehemann, der Mozart-Biograph Nissen, verheimlichte die »kindischen und gemeinen Späße«. Auch spätere Autoren vertuschten die unschicklichen Briefstellen mit ihrer zügellosen Verbalerotik. Erst später präsentierte man diese Seite ganz offen, war man sich doch endlich klar, dass über Körperfunktionen, insbesondere den regelmäßigen Stuhlgang, die Gesellschaft damals ganz selbstverständlich sprach und der Unterleib als Thema mit Variationen durchaus standes- und zeitgemäß war, weshalb auch Mozart mit seinen Derbheiten nicht weiter auffiel. Die Fäkalsprache lässt sich auch in seiner Familie nachweisen. So schreibt Mozarts Vater Leopold einmal, dass »der Arsch den Kopf curieren soll« und die Ruhr eine »sehr böse« Krankheit ist, »wenn es die Leute beym Kopf und beim Arsch angreift«. Selbst seiner Mutter berichtet Mozart 1778 ungeniert: »Gefurzt wird allzeit auf die Nacht / und immer so, daß es schön kracht«, und fügt folgende Verszeilen hinzu: »Wir beleidigen doch nicht Gott mit unserm Scheißen / Auch noch weniger, wenn wir in dreck nein beißen.«

Heute deuten Mozarts Spracheigenheiten darauf hin, dass er womöglich am Tourette-Syndrom litt, einer psychischen Störung mit Tics, wozu das Grimassenschneiden und Grunzen ebenso gehört wie das Ausstoßen schmutziger Worte. Bekannt ist längst auch der Zusammenhang zwischen psychischer Erkrankung und Kreativität, so dass das Tourette-Syndrom nicht nur Mozarts schnelle Auffassungsgabe und seine Zuckungen erklärt, sondern ebenso seine große Ruhe beim Klavierspiel, denn Tourette-Leidende vermögen ihre Tics bei automatisierten Bewegungen durchaus zu unterdrücken.

Besonders bekannt ist Mozarts vierstimmiger Kanon »Bona nox«, der als »obszöner Kanon in A-Dur« lange Zeit zensiert war.
 

Bona nox!
bist a rechta Ochs;
bona notte,
liebe Lotte;
bonne nuit
pfui, pfui;
good night, good night,
heut müßma noch weit;
gute Nacht, gute Nacht,
scheiß ins Bett daß’ kracht;
gute Nacht, schlaf fei g’sund
und reck’ den Arsch zum Mund.
 

An den brieflichen Derbheiten ihres Sohnes nahmen also weder die Eltern noch das Bäsle Anstoß, die aber auch folgende »zärtliche Ode« erhielt.
 

Eine zärtliche Ode!

Dein süsses Bild, O Bäschen,
schwebt stets um meinen Blick
allein in trüben Zähren
daß du – es selbst nicht bist.
Ich sehe es wenn der abend
mir dämmert, wenn der Mond
mir glänzt, seh ichs und – weine
daß du – es selbst nicht bist.
Bey Jenen Tahles Blumen
die ich ihr lesen will,
bey Jenen Myrtenzweigen
die ich ihr flechten will
beschwör ich dich Erscheinung S: V:
auf, und verwandle dich
verwandle dich, Erscheinung
und werd – O Bäschen selbst P: T:

finis coronat opus, Edler v: Sauschwanz.
 

Alles, was Mozart in Worte fasst, wird ihm zum Klang, mit dem er spielt, in den er sich verliert. Er ist der Dichter, der Worte in unendlichen Variationen von Tönen, Melodien und Rhythmen, zu Musik werden lässt und etwa auf den mit ihm befreundeten Tenor Johann Nepomuk Peierl, über dessen wunderliche Wortaussprache er sich mokierte, spontan den folgenden Kanon aufs Paper warf.
 

O du Eselhafter Peierl!
O du Peirlischer Esel!
du bist so faul als wie ein Gaul,
der weder Kopf noch Haxen hat
Mit dir nicht gar nichts anzufangen;
ich seh dich noch am Galgen hangen.
du bist so faul, Du dummer Gaul,
du dummer Peierl bist so faul als wie ein Gaul.
O lieber Freund, ich bitte dich,
O lieber Freund, ich bitte dich,
o leck, o leck, mich o leck mich doch geschwind,
geschwind im Arsch.
Ach, lieber Freund, verzeihe mir
den Arsch, den Arsch petschier ich dir.
Peierl! Nepomuk! Peierl! verzeihe mir!
 

»Ich kann nicht poetisch schreiben: ich bin kein Dichter«, schreibt Mozart am 8. November 1777 an seinen Vater. »Ich kann die Redensarten nicht so künstlich einteilen, daß sie Schatten und Licht geben: ich bin kein Maler. Ich kann sogar durchs Deuten und durch Pantomime meine Gesinnungen und Gedanken nicht ausdrücken: ich bin kein Tänzer. Ich kann es aber durch Töne: ich bin ein Musikus.«

Wenn sich Mozart auch für keinen Dichter hielt, als beachtlicher, grotesker und humorvoller Wortspieler darf er allemal gelten.

 

Alfons Schweiggert. Foto: Gerd Pfeiffer, München

Alfons Schweiggert. Foto: Gerd Pfeiffer, München

»Humor in der Lyrik« wird Ihnen von Alfons Schweiggert präsentiert. Der Münchner Schriftsteller veröffentlichte neben Erzählungen und seinem Roman »Das Buch« mehrere Lyrikbände, Biographien und Sachbücher sowie Kinder- und Jugendbücher. Nach mehrjähriger Lehrtätigkeit als Institutsrektor am Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung in München ist er seit 2010 freischaffender Autor. Schweiggert ist Präsidiumsmitglied der Schriftstellervereinigung Turmschreiber und Vorstand der »Karl Valentin-Gesellschaft«.
Alle bereits erschienenen Folgen von »Humor in der Lyrik« finden Sie hier.

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