Humor in der Lyrik – Folge 42: Georg Christoph Lichtenberg (1742 – 1799): Übersprudelnd vor Einfällen

Die Behauptung ›Lyriker haben keinen Humor‹ gehört zu den unausrottbaren Missverständnissen. Doch gerade in dieser literarischen Gattung blüht Humor in allen Facetten. Alfons Schweiggert stellt an jedem 25. des Monats lyrischen Humor und humorvolle Lyriker in seiner Rubrik »Humor in der Lyrik« vor. Als Kolumnist von DAS GEDICHT blog will er damit Anregungen geben, Humor in der Lyrik zu entdecken und humorvolle Vertreter dieser Gattung (wieder) zu lesen.

 

Er sah witzig aus, war unansehnlich, kleinwüchsig, mit einem Buckel auf dem Rücken, krummen Füßen und einem sehr dicken Kopf. »Seine eigene Figur lacht ihn aus«, spöttelte er über sich selbst. Aber geistig war er ein Intelligenzbolzen sondergleichen. Das Studium der Mathematik, Astronomie und Naturgeschichte war für ihn ein Klacks.

Geboren als 17. und letztes Kind eines protestantischen Pfarrers, wird er »wegen großer Schwächlichkeit« noch am selben Tag getauft. Schon früh leidet er an einer Wirbelsäulenverkrümmung, die ihm mit den Jahren einen Buckel beschert, der ihm das Atmen erschwert und zu einer Lungeninsuffizienz führt.

Als 24-jähriger begann er seine blitzgescheiten Einfälle festzuhalten. »Die Kaufleute haben ihr Waste book (Sudelbuch, glaube ich im Deutschen)«, notierte er, »darin tragen sie von Tag zu Tag alles ein, was sie kaufen und verkaufen, alles untereinander, ohne Ordnung … Dies verdient nachgeahmt zu werden. Es ist ein Buch, worin ich alles einschreibe, so wie ich es sehe, oder wie es mir meine Gedanken eingeben.« Seine Sudelbücher bieten eine ganze »Milchstraße von Einfällen« mit über 8000 Notizen, darunter Wort- und Gedan­kenspiele, Aphorismen, Reflexi­o­nen und Satiren. Sie sind bis heute mit den darin notierten köstlichen Bemerkungen über Gott und die Welt Bonmot-Fundgrube ersten Ranges.

 

Es gibt wirklich sehr viele Menschen,
die bloß lesen,
damit sie nicht denken dürfen.

***

Wie gehts, sagte ein Blinder
zu einem Lahmen. –
Wie Sie sehen, antwortete der Lahme.

***

Vom Wahrsagen lässt sich
wohl leben,
aber nicht vom Wahrheit sagen.

 

Und auch zahlreiche Gedichte finden sich in seinem Werk wie dieses:

 

Der Seelenarzt zu N. an seine Gemeinde

Den ganzen Tag, hör’ ich, sei unter euch die Frage:
Ob ich auch selbst das tue, was ich sage?
Nein! – Ich als Seelenarzt treib’s, wie’s ein Doktor treibt:
Kein Doktor in der Welt verschluckt, was er verschreibt.

 

Aber auch wegen seiner astronomischen Forschungen hat Lichtenberg in Fachkreisen bald einen guten Namen. 1770 beeindruckt er bei einem Englandaufenthalt König Georg III. derart, dass dieser einen Brief an die Universität Göttingen schreibt, worauf Lichtenberg nach seiner Rückkehr zum Philosophieprofessor ernannt wird mit einem Jahresgehalt von 200 Talern. Später erhält er auch noch den Lehrstuhl für Mathematik, Astronomie und Experimentalphysik. Doch in Göttingen fühlt er sich beengt. Der Bürgerschaft sind seine physikalischen Freiluftexperimente wie Drachensteigenlassen bei Gewitter oder krachende Gasballonexplosionen äußerst suspekt. Und so zieht es ihn 1774 erneut nach England, wo er Gelehrte, Bibliotheken, Museen und Opern besucht.

Ebenso gern, wie er ein Glas Wein nach dem anderen leert, macht er auch ein Kind nach dem anderen. Als 35-jähriger hat er ein Verhältnis mit dem 12-jährigen Blumenmädchen Maria Dorothea Stechard, deren früher Tod im Alter von 17 Jahren ihn verzweifeln lässt. Rettung bringt ihm die 23-jährige Erdbeerverkäuferin Margarethe Elisabeth Keller, in die er sich verliebt und die ihm acht Kinder schenkt. Sein Tageslauf wird von reichlich Alkohol begleitet, wobei er nach durchlesener Nacht erst spät aus den Federn kommt.

Als er im Alter von 57 Jahren stirbt, sind seine letzten Worte: »Glauben Sie ja nicht, dass sie von mir jetzt sogenannte letzte Worte zu hören bekommen.«

Lichtenberg war kinder- und weinreich, vor allem aber gebührt ihm als einem geist- und witzreichen Genie unter den deutschen Dichtern ein Ehrenplatz. Er hatte, wie dies Tucholsky ausdrückte, »ein Maulwerk wie ein Dreschflegel« und einen »Geist wie ein Florett«, dem Sprüche wie diese entquollen:

 

Die Arzneikunst machet
künstliche Krankheiten,
bloß um die natürlichen
damit zu heilen.

***

Ein Buch ist ein Spiegel,
aus dem kein Apostel herausgucken kann,
wenn ein Affe hineinblickt.

***

Die Fliege,
die nicht geklappt sein will,
setzt sich am sichersten
auf die Klappe selbst.

 

Seine poetischen Aphorismen sind allesamt auch Meisterwerke aphoristischer Lyrik, eine Mischung aus Menschen- und Weltkenntnis, aus Spott und Ironie – auch Selbst­ironie –, aus Me­lan­cholie und Humanität, wie dies sonst in der deut­­schen Philosophie kaum zu finden ist.

 

Der Amerikaner,
der Kolumbus zuerst entdeckte,
machte eine böse Entdeckung.

***

Ich fürchte,
unsere allzu sorgfältige Erziehung
liefert uns nur Zwergobst.

***

Ich kann freilich nicht sagen,
ob es besser werden wird, wenn es anders wird.
Aber so viel kann ich sagen:
es muss anders werden, wenn es gut werden soll.

 

Viele seiner Aphorismen wirken auf den menschlichen Geist wie kleine Blitzeinschläge. Er selbst fürchtete sich übrigens vor Gewittern, weshalb er auch an der Entwicklung des Blitzableiters, den er »Furchtableiter« nannte, mitwirkte. Ihm war klar, ein Blitzableiter ist nur dann sinnvoll ist, wenn er tief in die Erde hineinragt und möglichst bis zu einer Wasser füh­renden Schicht führt. Oder noch besser, wenn er das ganze Gebäude umschließt.

 

Alfons Schweiggert. Foto: Gerd Pfeiffer, München

Alfons Schweiggert. Foto: Gerd Pfeiffer, München

»Humor in der Lyrik« wird Ihnen von Alfons Schweiggert präsentiert. Der Münchner Schriftsteller veröffentlichte neben Erzählungen und seinem Roman »Das Buch« mehrere Lyrikbände, Biographien und Sachbücher sowie Kinder- und Jugendbücher. Nach mehrjähriger Lehrtätigkeit als Institutsrektor am Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung in München ist er seit 2010 freischaffender Autor. Schweiggert ist Präsidiumsmitglied der Schriftstellervereinigung Turmschreiber und Vorstand der »Karl Valentin-Gesellschaft«.
Alle bereits erschienenen Folgen von »Humor in der Lyrik« finden Sie hier.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.