Humor in der Lyrik – Folge 43: Fred Denger (1920 – 1983): »Mich gibt’s in Wahrheit nicht. Ich bin die Rebellion!«

Die Behauptung ›Lyriker haben keinen Humor‹ gehört zu den unausrottbaren Missverständnissen. Doch gerade in dieser literarischen Gattung blüht Humor in allen Facetten. Alfons Schweiggert stellt an jedem 25. des Monats lyrischen Humor und humorvolle Lyriker in seiner Rubrik »Humor in der Lyrik« vor. Als Kolumnist von DAS GEDICHT blog will er damit Anregungen geben, Humor in der Lyrik zu entdecken und humorvolle Vertreter dieser Gattung (wieder) zu lesen.

 

Muss man den kennen? Ja, dieser Dichter verdient es durchaus, beachtet zu werden, obwohl er heute schon fast vergessen ist.

»12. Juni 1920. Pünktlich um zwölf Uhr komme ich in Darmstadt zur Welt«, berichtet Fred Denger in seinen Lebenserinnerungen. »Ich schreie. Und mein Vater brüllt meine Mutter an: »Der ist lauter als das Glockenspiel der Schlosskirche.« Ein Freund der Familie, Sternbilddeuter muss in der Tat eine Koryphäe gewesen sein. Alles ist eingetroffen: Oft bin ich zu beachtlichen Geldsummen gekommen und habe sie wieder verjubelt. Die Sparkassenmoral »haste was, biste was«, hat mich von jeher angekotzt. Immer wieder greife ich zu den Sternen. Entweder kann ich sie nicht erreichen oder ich verbrenne mir die Finger daran. Und in dem Horoskop stand, dass ich sehr oft heiraten und viele Kinder zeugen würde.«

1936 leiht sich der 16 jährige von einem Schulkameraden das Motorrad und fährt damit von Darmstadt nach Berlin zur Olympiade. Auf der Rückfahrt, kommt es zu einem Unfall. Er liegt lange im Krankenhaus. Sein Bein bleibt steif und er humpelt. Später verliert er, angeblich beim Russisch-Roulette, ein Auge und nach einem misslungenen Suizid aus enttäuschter Liebe bleibt ihm auch noch eine verkrüppelte Hand. Doch geschickt überspielt er seine Behinderungen. Er bewegt sich gewandt und schnell. Er sieht gut aus wie ein Model, 1,82 groß, von kräftiger Statur. Vom vielen Rauchen und Trinken hat er eine rauchige Stimme. Seine Gestik und Mimik sind bewegt und lebhaft. Er kann herrlich lachen, auch über sich selbst, wird aber ebenso schnell wütend, wenn ihm was nicht passt.

»Ich liebe den Skandal!«, schreibt er. »Ich pfeif auf die Sitte / Und pfeif auf Ruhm und Ehr / Ich pfeif auf die Gesetze / Mich gibt ́s in Wahrheit nicht/ Ich bin die Rebellion!«

Nach dem Abitur betätigt sich Denger als Schauspieler und Kabarettist, dann während des Zweiten Weltkriegs als Mitglied der Widerstandsgruppe »Onkel Emil«, so benannt nach dem Warnruf, der bei drohender Gefahr verwendet wird. Erst nach Ende des Krieges wird der Ruf zum Namen dieser wenig bekannten Widerstandgruppe, zu der zwei Ärzte, ein Konditor und seine Frau und eben Fred Denger gehören.

Nach dem Krieg beginnt Denger zu schreiben und macht mit dem Nachkriegsdrama »Wir heißen euch hoffen«, einer typischen Trümmerliteratur, auf sich aufmerksam. Die Uraufführung 1946 in den Ruinen Berlins am Deutschen Theater ist ein voller Erfolg. »Ein neuer Schiller«, lobt die Züricher Weltwoche. »Ein neuer Büchner? « fragt ein anderes Blatt. In dem Stück setzt er sich mit der verlorenen Jugend seiner Generation auseinander und geißelt die Mitläufer des Dritten Reiches ebenso wie die Nachkriegsopportunisten und Wendehälse.

Ein weiteres Schauspiel mit dem Titel »Langusten« (1957) – ein Ein-Personenstück – macht ihn über Nacht bekannt. Es gilt als Klassiker des Volkstheaters. Die berühmte 80 jährige Schauspielerin Tilla Durieux tritt mit dem Einpersonenstück über 3000mal auf deutschen Bühnen auf und feiert damit ihren größten Erfolg. Das Stück hat das einsame, unerfüllte Leben der Putzfrau Marie Bornemann zum Thema. Zu ihrem 60. Geburtstag wünscht sie sich, einmal in ihrem Leben Langusten essen zu können. Wenigstens einmal will sie etwas Besonderes kosten dürfen. Eine Tragödie mit hintergründiger Heiterkeit. Eine detailgenaue Schilderung eines tristen Alltags, der von rigiden gesellschaftlichen Gesetzen und Konventionen bestimmt ist.

Fred Denger
Porträtskizze von Alfons Schweiggert

Denger schreibt auch zahlreiche Drehbücher zu erfolgreichen deutschen Kinoproduktionen, so zu einigen deutschen Karl-May- und Edgar-Wallace-Filmen. Insgesamt weist seine Filmografie vierundzwanzig Titel auf, darunter wie Denger ganz offen gesteht: »Matratzentango, Sex Träume Report. Hexen geschändet und zu Tode gequält. Ehemänner Report. Fluchtweg St. Pauli. Siegfried und das sagenhafte Liebesleben der Nibelungen. O mei, haben die Ostfriesen Riesen. Das ist alles der Lohn der Sünde. Seinen Frust ertränkt er immer wieder im Alkohol, macht alle Bars und Kneipen Berlins unsicher und wird zur berühmten Säuferlegende. »Ich habe den Schutzengel der Kinder und der Trinker. Sonst läge ich jetzt schon auf dem Friedhof«, gesteht er und reimt:

Ich hab weder Gut noch Geld / Nur Schulden hab ich in der Welt / Es möchte kein Hund so länger leben / Drum hab ich mich dem Suff ergeben;

Bald hat Denger als Verfasser von Illustrierten-Romanen und Drehbuch-Dutzendware seinen guten Ruf allerdings verspielt.

Auch als Bänkelsänger und Lyriker wendet sich Denger an die Öffentlichkeit. Nachts springt er manchmal aus dem Bett und schreibt Verse an die Wand. 1974 erscheint sein Gedichtband »Sei selber die Laterne. Gedichte – Gesänge – Geschrei von Fred Denger«, der heute leider nur noch antiquarisch erhältlich ist.

Darin finden sich Zeilen wie diese: Darin finden sich Verse wie diese: »Du streichelst meine Seele / Dir schmeichelst mein Gedicht / Du liebst, was ich erzähle – / Mich nicht.«

Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit betätigt sich Denger während seines Lebens aber auch als Tierpfleger und trotz seiner Behinderungen als Zirkusartist, Raubtierpfleger und Fernfahrer. Immer wieder nimmt er Neues in Angriff und ist fortwährend als Gründer aktiv. So gründet er diverse Kabaretts in München, Westberlin und Hamburg. Doch mit allem geht er regelmäßig auch pleite: »Mich ruft kein Büro, mich entlohnt auch kein Chef / Ich hungre nach eignem Ermessen / Ich kenne das Leihhaus schon aus dem FF / Man hat mich mal wieder vergessen.«

Schon 1948 hatte Denger in seinem Stück »Bikini« auf die Gefahren hingewiesen, die auch bei friedlicher Nutzung von Nuklearenergie vorhanden sind. Damals wurde er belacht. In den Siebziger Jahren schreibt er vermehrt gegen den Missbrauch der Atomkraft und die Bedrohung des Weltfriedens und engagiert sich in der »Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg« gegen die Atommüllanlagen in Gorleben und Dragahn. Er gründet den Widerstandschor »Singendes Wendland« und singt gemeinsam mit anderen selbst gedichtete Lieder gegen den »WAAnsinn«. 1981 veröffentlicht er in seinem eigenen Verlag »Summa Summarum« die burleske Tragödie »Der Babylonische Bohrturm oder Die Erde hat keinen Notausgang«. Und zwischendurch fallen ihm Verse ein wie diese: »Prosit auf die fetten Schieber / Und ihr stinkendes Gebeine / Mir ist jeder Penner lieber / Prost, dass ihm die Sonne scheine.«

Neben all den vielen Aktivitäten hat er aber auch noch Zeit, zwölfmal zu heiraten. »Wenn Denger nicht schreibt, säuft er«, heißt es, » und wenn er nicht säuft, heiratet er.« Und er selbst erklärt das damit, dass er sein Tierkreiszeichen Zwilling sei: »Das ist der Zwil in mir. Der Zwil ist der Edle, Anständige, Kämpferische. Aber dann gibt’s auch noch den Ling: uih, das ist vielleicht ein Schweinehund!« Mit seinem blendenden Aussehen und seinem umwerfenden Charme gibt er jeder Frau das Gefühl, er könne ihr die ganze Welt zu Füßen legen. »Ich wollte immer klare Verhältnisse mit Frauen«, betont er, »und nicht nur ein Verhältnis«. Und alle seine Geliebten bleiben ihm mit ihren Duftnoten in Erinnerung: Eine riecht nach Maiglöckchen, die andere nach Erbswurst, die dritte verströmt einen Pferdeduft, die vierte riecht immer »frisch gewaschen« usw.

Zwölf Ehen sind es, die Fred Denger in die Schlagzeilen bringen. Eine heiratet er gleich zweimal hintereinander und eine seiner Ehefrauen ist die eigene Schwiegertochter, die Exfrau seines Sohnes Atz-Maria, wodurch Jao, der gemeinsame Sohn von Barbara und Atz-Maria, nun sein Enkel- und Stiefsohn in einem wird. Zwischen der vierten und der fünften Ehe gibt es eine Frau, die Denger aber wegen des fehlenden Scheidungsurteils mit der vorhergehenden nicht offiziell heiraten kann, weshalb sie als Ehefrau Nummer »Vierkommafünf« auf seiner Liste steht. Aus den Ehen gingen mehrere Kinder hervor, insgesamt sollen es neun gewesen sein, doch die Dunkelziffer könnte höher liegen. Die letzten Kinder mussten alle mit »F« anfangen, Frederick, Florence, Florian.

Vor seinem Tod will er zum 13. Mal heiraten, eine adoptierte Prinzessin von Anhalt, doch ließ er das dann bleiben. Unter dem Titel »Zwölf Ehen sind kein Pappenstiel« bringt er gegen Ende seines Lebens seine Lebenserinnerungen zu Papier. Es erscheint im Playboy Verlag. Mit den Kolportage-Honoraren kann Denger nicht nur seine Sauftouren, sondern auch die Scheidungen finanzieren, die ihn angeblich zwei Millionen Mark gekostet haben. Sicherheitshalber gründen seine Ex-Frauen einen »Verein der Denger-Geschädigten“. Doch das nimmt er amüsiert zur Kenntnis, ist er sich doch sicher: »Bestimmt war ich nie ein trauriger Hintern / Oder ein Schreibtisch im Rathaus, Tür 3 / Ich war auch kein Daunenbett zum Überwintern / Oder einmal ein Feldwebelschrei.

Nicht nur Theaterstücke verfasst Denger, sondern auch 13 Romane, darunter »Tuch in fremden Betten« (1950) und »Der gottverdammte Jahrgang« (1951) sowie zahlreiche Kurzgeschichten, Reiseberichte und Gerichtsreportagen, die er meist unter Pseudonym veröffentlicht.

Kurz vor seinem Tod hüllt er sich in eine Mönchskutte, lässt sich einen Bart wachsen, vergräbt sich in München im Keller seiner Villa und schreibt einen Bestseller, der 1982 unter dem Titel »Der große Boss« erscheint. Es ist dies eine freie freche Bearbeitung des Alten Testaments der Bibel. Den Erfolg des Buches erlebt er nicht mehr. Im Harzer Hotel eines Freundes quartiert er sich nach der Frankfurter Buchmesse ein, um an dem Folgeband von »Der Große Boss« zu schreiben. Das Buch soll den Titel »Der Juniorchef« erhalten und eine saloppe Version des Neuen Testaments werden. Doch am 30. Oktober 1983 stürzt er angetrunken die Treppe hinab und verletzt sich tödlich.
Seinen Grabspruch hat er längst verfasst. Er lautet: »Prosit auf den Rinnsteinsänger. Er soff und starb und hieß Fred Denger.«

 

Alfons Schweiggert. Foto: Gerd Pfeiffer, München

Alfons Schweiggert. Foto: Gerd Pfeiffer, München

»Humor in der Lyrik« wird Ihnen von Alfons Schweiggert präsentiert. Der Münchner Schriftsteller veröffentlichte neben Erzählungen und seinem Roman »Das Buch« mehrere Lyrikbände, Biographien und Sachbücher sowie Kinder- und Jugendbücher. Nach mehrjähriger Lehrtätigkeit als Institutsrektor am Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung in München ist er seit 2010 freischaffender Autor. Schweiggert ist Präsidiumsmitglied der Schriftstellervereinigung Turmschreiber und Vorstand der »Karl Valentin-Gesellschaft«.
Alle bereits erschienenen Folgen von »Humor in der Lyrik« finden Sie hier.

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