Humor in der Lyrik – Folge 45: Peter Altenberg (1859 – 1919): Der Kaffeehaus-Diogenes

Die Behauptung ›Lyriker haben keinen Humor‹ gehört zu den unausrottbaren Missverständnissen. Doch gerade in dieser literarischen Gattung blüht Humor in allen Facetten. Alfons Schweiggert stellt an jedem 25. des Monats lyrischen Humor und humorvolle Lyriker in seiner Rubrik »Humor in der Lyrik« vor. Als Kolumnist von DAS GEDICHT blog will er damit Anregungen geben, Humor in der Lyrik zu entdecken und humorvolle Vertreter dieser Gattung (wieder) zu lesen.

 

Hineingeboren in eine wohlhabende jüdische Kaufmannsfamilie in Wien, schickt der Vater ihn und seine Brüder ins Akade­mische Gymnasium, um den Burschen den Start in die Oberklasse der K.-u.-k.­-Monarchie zu erleichtern. Doch das Abitur schafft Peter Altenberg (der eigentlich Richard Engländer heißt) nur auf den zweiten Anlauf, was auch nicht verwundert, wenn man liest, was ihm zum Thema eines Aufsatzes mit dem Titel »Einfluß der Entdeckung Amerikas auf die Kultur Europas« einfällt. Nachdem er sich sein Hirn zermartert hat, schreibt er nur ein Wort auf das Blatt Papier: »Erdäpfel«. Wer so präzise formulieren kann, für den, so meint jedenfalls Vater Altenberg, kommt als Studienfach nur Jura in Frage. Doch lieber als in Studiensälen bei trögen Vorlesungen treibt sich Peter in Kaffeehäusern herum.

Dann erfolgt ein Wechsel ins Studienfach Medizin, wofür der Kontakt zu einem Stubenmädchen bereits im zarten Alter von 14 Jahren in ihm das Interesse geweckt hatte. Seither, so gesteht er, war »mein Leben der unerhörten Begeisterung für Gottes Kunstwerk ›Frauenleib‹ ge­widmet! Mein armseliges Zimmer­chen ist fast austapeziert mit Aktstu­dien von vollendeter Form. Alle befin­den sich in eichenen Rahmen, mit Unterschriften. Über dem Bild einer 15-Jährigen steht geschrieben: »Schönheit ist Tu­gend«. Seither treibt er sich auf der Suche nach feschn Madln in Wien herum, was dem Vater so gar nicht passt, weshalb er seinen Sohn zu einer Buchhandelslehre nach Stuttgart schickt, in der Hoffnung, dass sich der immer älter werdende Bub nun endlich dem Ernst des Lebens zuwendet, was Peter allerdings auf seine Weise tut: »Mit 23 liebte ich ein wunderbares 13 jähriges Mäd­chen …« Die Buchhandelslehre, die er als weniger wunderbar empfindet, bricht er deshalb ab. Er findet endlich seinen Lebensrhythmus: spät ins Bett, bis spät in den Vormittag hinein schlafen und danach mit Spezln debattierend im Kaffeehaus hocken. Der Vater fragt sich nun, ob sein Peter noch normal ist. Doch ein kluger Arzt beruhigt ihn, indem er seinem eigenwilligen Sohn lediglich eine Überempfindlichkeit des Nerven­systems bescheinigt und ihm ein »Müßiggängerdimplom« ausstellt, indem er urteilt, Peter sei fürs normale Berufsleben halt völlig ungeeignet, weshalb er auch nicht zu einer geregelten Arbeit gezwungen werden dürfe. Als Therapie schlägt der Doktor zu Peters Freude regelmäßige Aufenthalte in Wiener Cafés vor – im Café Griensteidl, Café Central usw. –, die er in der folgenden Hymne auch enthusiastisch besingt:

 

Du hast Sorgen, sei es diese, sei es jene
– – –  ins Kaffeehaus!
Sie kann, aus irgend­einem, wenn auch
noch so plausiblen Grund, nicht zu dir kommen
– – –  ins Kaffeehaus!
[…]
Du hast 400 Kronen Ge­halt und gibst 500 aus
– – –  Kaffeehaus!
Du bist korrekt sparsam und gönnst dir nichts
– – –  Kaffeehaus!
Du bist Be­amter und wärest gern Arzt geworden
– – – Kaffeehaus!
Du findest Keine, die dir paßt
– – – Kaffeehaus!
Du haßt und verachtest die Menschen
und kannst sie dennoch nicht missen
– – – Kaffeehaus!
Man kreditiert dir nirgends mehr
– – – Kaffeehaus
Du stehst in­nerlich vor dem Selbstmord
– – –  Kaffee­haus!

 

Um weitere derartige Gedanken ausbrüten zu können, wohnt Peter Altenberg, der kein Nestflüchter sein will, wieder bei den Eltern in einem kleinen Zimmer, wo er sich mehr und mehr dem Schreiben kleiner Prosaskizzen widmet und das auch mit Erfolg. Karl Kraus, vielleicht war es auch Hermann Bahr, empfiehlt Altenbergs Manuskript von »Wie ich es sehe« an den Berliner Verlag S. Fischer. Nun trennt sich der Privatier und angehende Frührentner Altenberg von seiner Familie und leistet sich eine kleine Kammer im Wiener »Gra­ben-Hotel«, wo er zunehmend Aufmerksamkeit erregt, wie er berichtet: »Ich saß im 34. Jahre meines gottlosen Lebens […] im Cafe Central. Ich schrieb […] meine Skizze ›Lokale Chronik‹. Da traten Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal, Felix Salten, Richard Beer-Hofmann, Hermann Bahr ein.« Und alle interessieren sich für seine Texte. Hermann Bahr wünscht sich von ihm Beiträge für die neugegründete Wochenzeitung »Die Zeit«, und Karl Kraus für die »Fackel«. Seine impressionistische Kurzprosa und seine Prosagedichte fangen Augenblicke ein. Sie schildern die Atmosphäre zwischenmenschlicher Begegnungen mit unfreiwillig komischen Stellen.

 

Ljuba

Die da nicht kommen an Deinen Tisch,
Die sind klüger als ich!
Die schützen sich!
Ich aber, gleich der Motte im Lichte,
mache meinen Selbsterhaltungs-Trieb zu nichte!
Ich will lieber in Licht und Hitze sterben,
als gesichert um Anna oder Grete werben!
Die da nicht kommen an Deinen Tisch,
Die sind dümmer als ich!
Sie schützen sich!

 

Weil die Texte aber zu wenig Honorar einbringen und ihn sein Bruder, der bankrott ist, nicht mehr unterstützen kann, kann er sich kaum noch etwas leisten. Er berichtet: »Ich trage seit 14 Tagen das Ideal der Fußbekleidung, Sanda­len aus Lindenholz, gesund und billig. Der Fuß glaubt jetzt, er wäre 50 Jahre lang ›eingesargt‹ gewesen, abgesperrt von Luft, eingekerkert! Viele glauben, ich tue es, um aufzufallen.« Altenberg läuft nun notgedrungen im Winter in Sommerkleidung und ohne Unterwäsche herum. Um seine Finanzen aufzubessern, versucht er sich als Modeschmuck-Designer. Er bastelt Ketten und Broschen, die er »P.A. Colliers« nennt und meldet dafür bei der Handelskam­mer Musterschutz an. Mit seinen Preziosen zieht er durch Cafés und Bars und sucht seine Ware zu verkaufen. Vom Erlös spendet er 20 Pro­zent der Kriegsblindenfürsorge. Bald ist er ein stadtbekanntes Wiener Original.

 

Peter Altenberg. Portrait von Gustav Jagerspacher, 1909

Peter Altenberg. Portrait von Gustav Jagerspacher, 1909

Das Schreiben gibt er aber nicht auf und begeistert immer mehr Menschen, darunter auch Schriftstellerkollegen wie Alban Berg, Egon Friedell oder Alfred Loos. Nach und nach erscheinen 13 Bücher im S. Fischer-Verlag in Berlin. »Wie schreibe ich denn?!«, so fragt sich Altenberg und gesteht: »Ganz frei, ganz ohne Bedenken. Nie weiß ich mein Thema vorher, nie denke ich nach. Ich nehme Papier und schreibe. Sogar den Titel schreibe ich so hin und hoffe, es wird sich schon etwas machen, was mit dem Titel in Zusammenhang steht. Man muß sich auf sich verlassen, sich nicht Gewalt antun, sich entsetzlich frei ausleben lassen, hinfliegen. Was dabei herauskommt, ist sicher das, was tief in mir war. Kommt nichts heraus, so war eben nichts wirklich und tief darin und das macht dann auch nichts.«
 

Liebeserklärung

Oh, Max, ich möchte für dich alles, alles sein, oh Max!
Aber wenn ich dann endlich für dich wirklich alles wäre,
würde mir dieser Zustand des Für-dich-alles-sein
allmählich langweilig werden!
Weshalb?! Weil du nur ein Max bist!
Vielleicht sogar nur ein Maxl.
Dich erringen, ist vorläufig meine reelle
unentrinnbare Sehnsucht. Was kann ich dafür?!
Aber weshalb ich gerade dich gewinnen muß?!
Wahrscheinlich, weil ich dich noch nicht gewonnen habe!
Denn hätt’ ich dich, so hätt’ ich dich nicht mehr!
Drum, Maxl, pardon, Max, lasse dich von mir gewinnen!
Je schneller es geschieht,
desto schneller bist du mich armes Mistvieh los!

 

Zahllos sind die von Altenberg überlieferten Aphorismen und Bonmots:
 

Gott denkt in den Genies,
träumt in den Dichtern
und schläft in den übrigen Menschen.

***

Die Liebe ist nichts anderes
als ein Seiltanz von Amateuren
ohne Balancierstange und Netz.

***

›Wohnlich‹ ist der Dachs-Bau,
der Bienen-Korb,
der Ameisen-Haufen,
aber nicht die modernen Wohnungen.

 

Rilke, der »Gedichte in Prosa« eigentlich ablehnt, hält Altenberg für einen Meister des sogenannten Prosagedichts. Ein Altenbergsches Prosagedicht darf nach Rilkes Urteil sogar »buchlang, vielleicht sogar zwei Bücher lang« sein. »Sein Stoffkreis ist nämlich«, so Rilke, »verhältnismäßig eng und jeder seiner leisen Berichte ist eben diese Form ganz natürlich.«

 

Liebesleute

Streit, Streit, und Streit – – –.
Und aus dem trüben Streite, dem erbitterten,
kristallisiert sich allmählich die klare Erkenntnis,
daß nicht Alles stimme bei diesen zwei scheinbar Zusammgestimmten!
Und infolgedessen ist Streit der Beginn,
der allerdings merkwürdige Beginn einer neuen schöneren
echteren wirklicheren dauernden Beziehung
als sie bisher gewesen!
Dieser, solcher Streit vertreibt düstere bedenkliche schwere Wolken,
bringt Licht!
Nicht jeder Streit ist Streit – – –
es gibt auch einen Streit, der direkt ewigen Frieden bringt!

 

Zu Altenbergs engsten Freunden gehört leider auch der Schnaps. Alkohol und Schlaftabletten  zerrütten nach und nach seine Nerven. Nach Entzie­hungskuren stürzt er immer wieder ab. Schließlich leidet er unter hypochondrischer Para­noia und wird mehrmals in die Nerven­heilanstalt eingeliefert. Erst nach einem öffentlichen Spendenaufruf von Karl Kraus und Adolf Loos kann sich der Alkoholkranke eine Sommerreise nach Venedig leisten – zumindest gehen damals alle davon aus –, doch vom Alkohol kommt er nicht mehr los. Zu Beginn des Jahres 1919 stirbt Altenberg und findet seine letzte Ruhestätte auf dem Wiener Zentralfriedhof. Nach seinem Tode sorgt er für eine große Überraschung: In seinem seinem Testa­ment vermacht er über 100.000 Kronen – auf heute umgerechnet mehr als 100.000 Euro – der Kinderschutz­- und Rettungsgesellschaft. Woher er das viele Geld hatte und wie lange er es schon besaß, ist bis heute ungeklärt. Manche vermuten, dass er diese Summe im Lauf seines Lebens zusammengeschnorrt hatte. Noch heute sitzt der Dichter in seinem geliebten Café Central gleich rechts am Eingang, wenn es sich auch nur um einen Dummy aus Papp­maché handelt. Kein geringerer als Karl Kraus verfasste über Peter Altenberg den folgenden Nachruf:

 

Wer lebte unter diesem Pseudonyme? Ein Mensch, den ich vor einem Dichter rühme.
Man las ihn früh und man erkannt’ ihn später, den hohen Altenberg, den höhern Peter.
Ein größrer Mann stand hinter großem Werk, und niemals hielt er hinterm Altenberg
mit seinem Herzen; trug es auf der Hand und brachte es durch Leben, Liebe, Land.
Und wie er zu uns rief und zu uns schwieg, vor uns versank und in Ekstase stieg,
mit seiner Wahrheit unsre Lüge trog, und wie er uns voranlief, uns entflog,
wie er sich überschlug und wie er litt: er nahm uns alle allerwegen mit!
Er gab sich weg und war sich selbst nur treu. Die alte Welt, von ihm ersehn, war neu.
Wie er es sah, von fern und in der Nähe, so schien, so war es, als ob Gott es sähe.
Und zwischen Einerseits und Anderseits war aller Wunder wechselvoller Reiz,
und welchen Lebens Fülle, Geist und Art so zwischen Kinderblick und Greisenbart!
Wie er es sah und wie er es drum glaubte, und über sich zu lachen uns erlaubte:
sein Paradoxon war nur unsre Welt, just zwischen ihrem Wert und ihrem Geld;
und was er uns zu seinem Tod vermachte, sind Tränen, die er übers Leben lachte.
Er schaut uns an. Noch auf dem Katafalk ist es der Blick von dem gerührten Schalk.
Dies Auge sah den Herzen auf den Grund und fühlte Schmerz und Liebe mit dem Hund.
Es sah empor zum Tier, zur Magd, zum Kind. Ihm waren alle Sterne wohlgesinnt.
Vergebens bot er euch das Leben an. Er gab das Wort. Ihr glaubt nur den Roman.
Ihr seid Papier; er war ein Element, dess Zorn und Güte keine Grenzen kennt.
Er konnte toben; ihr jedoch seid stumm. Ein Narr verließ die Welt, und sie bleibt dumm.
Wie wurde mir in seiner Nähe warm. Ein Bettler ging von uns. Wie sind wir arm.

 

Alfons Schweiggert. Foto: Gerd Pfeiffer, München

Alfons Schweiggert. Foto: Gerd Pfeiffer, München

»Humor in der Lyrik« wird Ihnen von Alfons Schweiggert präsentiert. Der Münchner Schriftsteller veröffentlichte neben Erzählungen und seinem Roman »Das Buch« mehrere Lyrikbände, Biographien und Sachbücher sowie Kinder- und Jugendbücher. Nach mehrjähriger Lehrtätigkeit als Institutsrektor am Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung in München ist er seit 2010 freischaffender Autor. Schweiggert ist Präsidiumsmitglied der Schriftstellervereinigung Turmschreiber und Vorstand der »Karl Valentin-Gesellschaft«.
Alle bereits erschienenen Folgen von »Humor in der Lyrik« finden Sie hier.

 
 
 

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