Humor in der Lyrik – Folge 49: Carl Michael Bellman (1740 – 1794) „Toto cantabitur orbe!“ – „Er wird auf der ganzen Welt gesungen werden!“

Die Behauptung ›Lyriker haben keinen Humor‹ gehört zu den unausrottbaren Missverständnissen. Doch gerade in dieser literarischen Gattung blüht Humor in allen Facetten. Alfons Schweiggert stellt an jedem 25. des Monats lyrischen Humor und humorvolle Lyriker in seiner Rubrik »Humor in der Lyrik« vor. Als Kolumnist von DAS GEDICHT blog will er damit Anregungen geben, Humor in der Lyrik zu entdecken und humorvolle Vertreter dieser Gattung (wieder) zu lesen.

 

Um es gleich vorweg zu sagen, Bellmanns Vorfahren stammen aus dem deutschen Schwanewede nördlich von Bremen in Niedersachsen und hießen Bellmer. Martin Bellmer, ein Schneider, ließ sich 1660 in Stockholm nieder. Dort kam 80 Jahre später sein Urenkel zur Welt und das war der berühmte schwedische Nationaldichter Carl Michael Bellman, in dem deshalb also auch deutsches Blut fließt.
Leider ist Bellman im deutschen Sprachraum meist nur einem kleinen Kreis von Eingeweihten bekannt, auch wenn relativ früh deutschsprachige Dichter von ihm fasziniert waren und seine Texte übersetzten. 1810 schrieb beispielsweise Ernst Moritz Arndt über ihn: „Bellman ist einer der außergewöhnlichsten Menschen, die je gelebt haben. Er spielte seine Laute oder Harfe, war gern in Trinkgesellschaften und frohen Kreisen, in denen er sich oft zu bacchantischen Freuden hinreißen ließ, ohne dass man ihn eigentlich ausschweifend nennen konnte. Sein Charakter war treu, fromm und liebenswürdig. Bellman war im eigentlichen Sinn des Wortes ein Volkssänger“, dessen Motto war:

Ach, das Leben lebt sich Lyrisch –
Notabene: wenn man jung ist.
Und es duftet so verführisch –
Notabene: Wenn´s kein Dung ist.

Das Licht der Welt erblickt Carl Michael Bellmann 1740 als ältester von 15 Geschwistern wohlhabender Eltern. Der Vater arbeitet in einer Schlosskanzlei und der Großvater ist Professor für römische Rhetorik an der Universität Uppsala. Carl Michael genießt Privatunterricht und erhält dadurch eine sorgfältige Ausbildung. Instrumente faszinieren ihn von Jugend an. Am liebsten spielt er, ohne je Noten lesen zu können, auf dem Citrinchen, einer kleineren Abart der Cister mit glockenförmigem Korpus. Die Melodien seiner Lieder werden erst später von notenkundigen Musikern niedergeschrieben.
Nach dem Examen im Jahre 1758 studiert Bellman an der Akademie der Wissenschaften, gibt aber schon nach dem ersten Semester das Studium auf und betätigt sich als Angestellter bei der Reichsbank. Bald hat er wegen seines ausschweifenden Lebenswandels finanzielle Probleme, die ihn ein Leben lang begleiten. 1763 muss er vor seinen Gläubigern nach Norwegen fliehen. Auch wenn er bald nach Stockholm zurückkehren kann, seine Bankkarriere ist beendet. In den Jahren 1764 und 1767 arbeitet er in einem Manufakturbüro, dann als Generalzolldirektor und ab 1776 als Sekretär bei der Nummernlotterie. Nun wird er von König Gustaf III. sogar zum königlichen Hofsekretär ernannt. Während er das dafür ausgesetzte Gehalt kassiert, delegiert er die Arbeit lieber, um sich vermehrt Wein, Weib, Natur und Gesang widmen zu können.
Alle diese Posten hätten ihm einen ausreichenden Lebensunterhalt gesichert, hätte er nicht seinen ausschweifenden Lebenswandel fortgesetzt, wozu neben Liebesaffären auch regelmäßige Wirtshausbesuche mit Alkoholexzessen gehören. In den Wirtshäusern unterhält er die Gäste aus dem Stegreif mit seinen komischen, erotischen, aber oft auch derben Liedern, in denen er Wein und Weib verherrlicht und die von Suff und Völlerei, von Armut und Tod handeln. Dabei begleitet er sich selbst auf der Cister und dem geliebten Citrinchen oder auf der Mandoline. Nach und nach entsteht so ein Zyklus von 82 burlesken, humorvollen, aber auch wehmütigen Liedern, ein jedes eine kleine Komödie oder Tragödie. Sie erscheinen 1790 in seinem Buch „Fredmans Episteln“, in parodistischer Anlehnung nach den „Episteln des Apostel Paulus“ benannt. Die Helden der Lieder sind meist stadtbekannte Originale, darunter Säufer, Strich- und Schankmädchen, Rokoko-Gammler, Wirtinnen, aber auch biedere Stockholmer Bürger und Käuze. Er nimmt das Gesellschaftsleben der höheren Klassen auf die Schippe, macht sich über das Hofzeremoniell lustig und verschont auch nicht die Kirche. Dem „Begräbnis des Branntweinbrenners und Ordensritters Lundholm“ widmet er folgenden Trauersong:

Die Glocke winselt monoton.
Sie tönt für einen Bacchussohn,
Für Ritter Lundholm — stadtbekannt.
Noch hängen die Blicke
an Galaperücke
Und Ordensband.

Der Glocke Ruf die Gruft beschwört.
Schlaf, alter Lundholm, ungestört!
Cupido summt im Humus dein.
Nie wird bis zur Rüste,
die einstmals dich küßte.
mehr nüchtern sein.

Dein Morgen war noch branntweinklar.
Dein Mittag schon die Dämmrung war.
Dein Zinken: Sonnenuntergang
So prall und so deftig.
zyklamenrot-kräftig
jahrzehntelang.

Bisweilen finden auch mythologische Gestalten Eingang in seine Lieder, so der Weingott Bacchus, die Liebesgöttin Venus oder der Fährmann Charon, der an den Tod erinnert. Etliche davon sind Bibelparodien. Berühmt ist etwa sein Lied „Gubbe Noah“, das mit den Zeilen beginnt:

Vater Noah, Vater Noah
war ein Ehrenmann
verließ die Archenkiste,
pflanzte in der Wüste
Beerenwein, ja vielen Wein,
ja das hat er getan.

Aus der Arche, aus der Arche
stieg er unbeschwert.
Kaufte zur Genüge,
Flaschen sich und Krüge
um zu Saufen, um zu saufen
auf der neuen Erd.

Die Zuhörer, darunter auch König Gustav III., applaudieren aber auch seinen Liedern über die Natur und von blauen Nächten im Grünen, über das Leben und die Sorgen des einfachen Volkes. Bald schon wird Bellman von seinen Zeitgenossen und vom König nach dem berühmten Dichtersänger der griechischen Antike als „Schwedischer Anakreon“ bezeichnet.

Blast, Musikanten! das Waldhorn soll schmettern.
Blast und verschluckt nicht den Priem.
Hier, zwischen Bottichen, Kisten und Brettern
wird man erst richtig intim.

Blast, ihr Halunken! bringt Stimmung ins Haus!
Dann gibts auch Prilleken, Bockbier und Liebe.
Nun mach schon du Rübe, du Tasse, du trübe,
und steck die Trompete zum Fenster hinaus!

 

Carl Michael Bellman, Federzeichnung von Johan Tobias Sergel, ca. 1790

Carl Michael Bellman Federzeichnung von Johan Tobias Sergel, ca. 1790 ©Wikipedia

 

Nun gründet Bellman den „Bacchus Orden“, in dem nur Mitglied werden kann, wer bereits zweimal besinnungslos im Rinnstein gelegen hat, gemäß dem Motto:

Wie treue Lieb ich haß’ und verachte,
Laßt mich damit in Ruh.
Im Rinnstein lieg ich rülpsend und betrachte
Meine alten Schuh.
Schlafrock zerrissen,
Halstuch beschissen,
Hemd kohlrabenschwarz.
Haare putzwollen,
Knöchel geschwollen,
Im Gelenke knarrts.
Auf der Haut Rotz und Lauf,
Hilft mir keiner auf? – Flöte—
Hilft mir keiner auf?“

1791 veröffentlicht Bellman „Fredmans Gesänge“, eine Sammlung von 65 Trinkliedern, Gesellschaftssatiren und Couplets mit den skurrilen Riten des Bacchusordens, darunter immer wieder auch Naturschilderungen.
1792 fällt König Gustav III. einem Attentat zum Opfer. Bellman verliert mit ihm seinen Finanzier und Gönner und wird von den Gläubigern mit Prozessen überschüttet. 1794 steckt man ihn für zwei Monate ins Schuldgefängnis, wodurch sich seine Lungentuberkulose so verschlimmert, dass er 1795 schließlich stirbt. Für sein Leben und seinen Tod galt ihm das Motto:

Bacchus und Freia,
die wollen wir loben,
in Lüsten zu toben,
die Gurgel erproben.
Wir sterben in Liebe
und leben in Wein.

Seine letzte Ruhestätte findet Bellman auf dem Stockholmer Clara-Kirchhof, direkt am Hauptbahnhof. Dort steht jedenfalls sein Grabstein, doch wo die Gebeine des in einem Massengrab verscharrten Poeten wirklich liegen, das weiß niemand.
Carl Michael Bellman war der erste schwedische Humorist, der mit seinen skurrilen Liedern über das Leben im Rinnstein und in der Kneipe seine Mitmenschen begeisterte, ungeniert auch die Prostitution besang und sich über die Bibel lustig machte. Neben seinen Liedern verfasste er Gelegenheitsgedichte, kleine Schauspiele und Satiren. An die 1800 Texte sind von ihm überliefert. Auf dem Titelblatt der 1790 erschienenen Erstausgabe von „Fredmans Episteln“ ist eine Büste Bellmans abgebildet unter der die Worte stehen: „Toto cantabitur orbe“ – „Er wird in der ganzen Welt gesungen werden“. Diese Prophezeiung erfüllte sich, denn noch heute ist der Dichter beliebt.
Die erste deutschsprachige Übersetzung seiner Liedtexte erschien 1856. Seither machten sich etliche deutsche Autoren an die Übertragung seiner Werke, darunter Carl Zuckmayer, Fritz Graßhoff und H.C. Artmann. Viele Sänger versuchten sich auch an der Interpretation seiner Lieder, so etwa Hannes Wader, Manfred Krug und Dieter Süverkrüp. In Stockholm aber feiert man bis heute alle Jahre wieder am 26. Juli den „Bellmans-Tag“ mit einem Volksfest. Da leben alle auf, um – mit den Worten Zuckmayers – „zu singen, zu lieben, zu träumen“. Sie saufen, „weil uns das Leben freut, nicht weil es uns leid ist. Und warum freut uns das Leben? Weil wir saufen natürlich.“

 

Alfons Schweiggert. Foto: Gerd Pfeiffer, München

Alfons Schweiggert. Foto: Gerd Pfeiffer, München

»Humor in der Lyrik« wird Ihnen von Alfons Schweiggert präsentiert. Der Münchner Schriftsteller veröffentlichte neben Erzählungen und seinem Roman »Das Buch« mehrere Lyrikbände, Biographien und Sachbücher sowie Kinder- und Jugendbücher. Nach mehrjähriger Lehrtätigkeit als Institutsrektor am Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung in München ist er seit 2010 freischaffender Autor. Schweiggert ist Präsidiumsmitglied der Schriftstellervereinigung Turmschreiber und Vorstand der »Karl Valentin-Gesellschaft«.
Alle bereits erschienenen Folgen von »Humor in der Lyrik« finden Sie hier.

 

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