Humor in der Lyrik – Folge 50: Janosch (* 1931) „Von Panama kommt er weit her“

Die Behauptung ›Lyriker haben keinen Humor‹ gehört zu den unausrottbaren Missverständnissen. Doch gerade in dieser literarischen Gattung blüht Humor in allen Facetten. Alfons Schweiggert stellt an jedem 25. des Monats lyrischen Humor und humorvolle Lyriker in seiner Rubrik »Humor in der Lyrik« vor. Als Kolumnist von DAS GEDICHT blog will er damit Anregungen geben, Humor in der Lyrik zu entdecken und humorvolle Vertreter dieser Gattung (wieder) zu lesen.

 

„Das weiß‘de schon, dein erstes Buch verdankste mir.“ Oft hab ich diesen Satz von Janosch zu hören bekommen, als er noch in München lebte, aber auch brieflich später aus Teneriffa, von wo er mir beispielsweise mitteilte: „Lieber Alfons, da kam Dein Brief und wie die Magie so wirkt, sah ich genau um diese Zeit dein Buch im neuen Parabel Verlag auf dem Tisch oben auf liegen. Ich werde anstreben, dass wir uns bald wieder einmal treffen.“ Mein Bilderbuch, von dem hier die Rede ist, trägt den Titel „Schwarzer Mann“ und erzählt die Geschichte von der kleinen Pimpinella, die den von der Tante herbeigerufenen Kinderschreck zu einem zahmen Spielgefährten umfunktioniert. Das mittlerweile vergriffene Buch erschien 1971 auf Empfehlung von Janosch: „Das Buch muß´de machen“, sagte er dem Verleger Willi Weismann. Seither kenne ich Janosch, den Mann mit den listig blitzenden Augen, den grauen Wuschelhaaren, seinem Seehund-Schnauzer und den bunt durcheinander gewürfelten Klamotten.

Zur Welt kam er am 11. März 1931 „um 5 Uhr 25, sofern die Uhr stimmte“, wie er es formulierte, „5,5 kg Lebendgewicht, so viel wie eine gut genährte Gans“ in einem Nest an der polnischen Grenze, dem ehemals oberschlesischen Hindenburg, das heute in Polen gelegene Zabrze. „Mein Vater war Bärenfänger und -aufbinder, ich auch“, so Janosch. Über seinen eigentlichen Namen (Horst Eckert) spricht er nicht gern, wird er dadurch doch unangenehm an die überstrengen Erziehungsmethoden seiner Eltern, insbesondere die seines Vaters erinnert.

Porträt Janosch, Zeichnung von Alfons Schweiggert

Janosch, Zeichnung von Alfons Schweiggert

Janosch wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf, zunächst bei seinen Großeltern in einer Bergarbeitersiedlung, im oberschlesischen Kohlenpott, bis sich seine Eltern eine eigene Wohnung leisten konnten. Schon als Kind wünschte er sich einen Malkasten mit den Farben Gold, Silber und Rosa. Aber diese Farben gab es leider nicht. Später dann als Kinderbuchkünstler sollten diese Farben seine liebsten werden. „Gold und Silber wird aufgelegt“, schwärmt er noch heute, „Rosa mit Gelb zum Trillern gebracht. Dazu brauche ich noch Blattgrün und Blutrot – dann befällt mich die totale Magie.“

Mag auch Janoschs Kindheit immer wieder einmal magische Momente enthalten haben, vorrangig war sie von Hunger und Furcht geprägt. Der Vater, ein Berg- und Hüttenarbeiter, gelegentlich auch Händler – „er hielt Beethoven und Goethe für eine Person“ – trank und prügelte ihn oft mit der Hundepeitsche. Die Mutter, eine ängstliche, streng religiöse Frau, übertrug ihre Empfindungen auf den Jungen und die bigotte religiöse Erziehung erweckte unausrottbare Schuldgefühle in ihm. „Wenn die Kindheit nicht in Ordnung ist“, so räsonierte er später, „so ist das Leben wie ein Haus, das auf einem schlechten Fundament steht.“

Natürlich bekam Janosch auch die Auswirkungen des Dritten Reiches und des Krieges zu spüren. „Der schönste Augenblick meiner Kindheit“, bekannte er später, „war, als im Krieg unser Haus abbrannte. Da stand ich auf der Straße mit einem Koffer in der Hand und der ganze Mist war weg. Schule aus, Peitsche verbrannt, Vater im Krieg.“ Mit 13 begann er eine Schmiede- und Schlosserlehre und arbeitete kurze Zeit in einer Schmiede. Nach Kriegsende zog seine Familie in den Westen. Da sein Wunsch, Förster zu werden, nicht in Erfüllung ging, arbeitete er in der Gegend von Oldenburg in einer Textilfabrik, besuchte in Krefeld eine Textilfachschule und entwarf Stoff- und Tapetenmuster. Nach kurzem Aufenthalt in Paris ging der 22-Jährige 1953 nach München und wandte sich der Malerei zu. Als Autodidakt machte er sich selbständig und begann das Leben eines „freien Künstlers“.

1960 lernte er den Verleger Georg Lentz, „diesen teuflischen Vogel, immer zu Unfug bereit“ kennen. „Wir passten zusammen wie ein rechter und ein linker Räuberstiefel“. Unter seinem Einfluss wandte er sich dem Kinderbilderbuch zu. Lentz entdeckte als erster Janoschs Komik und brachte auch sein erstes Kinderbuch heraus: „Die Geschichte von Valek, dem Pferd“, bei dem Bild und Text noch so ungewohnt waren, dass sich dieses Buch wie auch die nächsten anfänglich nur schlecht verkauften. Hätte Georg Lentz nicht zu ihm gehalten, wäre er wieder in der Fabrik gelandet.

Erst mit der Zeit begannen Kinder und Erwachsene die phantastischen Geschichten dieses liebenswürdigen Spinners zu schätzen. Georg Lentz war es auch, der seinen Jungautor überredete, sich einen Künstlernamen zuzulegen. Janosch entschied sich „im seligen Halbrausch“ für Janosch. Und eben dieser Name passte zu ihm wie sonst keiner. Von nun an erzählte er Geschichten zu seinen Bildern, die Ausdruck einer ungewöhnlichen Weltsicht waren. Sie spricht aus jeder der Figuren und macht sie so geheimnisvoll und liebenswert. Bis heute schrieb und malte er an die 300 oder mehr Kinderbücher – jedes Jahr immer gleich mehrere -, darunter „Das Auto hier heißt Ferdinand“ (1964), „Leo Zauberfloh“ (1966), „Lukas Kümmel Zauberkünstler“ (1968), „Der Mäuse-Sheriff“ (1969), „Lari Fari Mogelzahn“ (1971) und „Janosch erzählt Grimms Märchen“ (1972). Figuren wie der Josa mit der Zauberfiedel, der Besenbinder Pistulka, Lukas Kümmel oder Onkel Poppoff machten in rasch weithin bekannt und bald war er einer der angesehensten deutschen Kinderbuchautoren. Für „Oh, wie schön ist Panama“ (1991) erhielt er den Deutschen Jugendbuchpreis. Wie alle seine Kinderbücher ist auch dieses Buch Poesie pur.

Janosch hat auch etliche Verse und Kindergedichte verfasst, die nicht nur von Kindern geliebt werden, Sie gehören längst zum allgemeinen Volksgut. Versammelt sind sie in Büchern wie „Die Maus hat rote Strümpfe an“, „Das große Buch der Kinderreime“, die Sammlung „Vielleicht ist auch alles Unsinn, was ich sage“ und „Das große Janoschbuch“. Scheinbar spontan hingeworfen, bleiben diese Gedichte und Reime doch im Gedächtnis haften, darunter kurze Verse wie: „Der Bauer und der Ziegenbock / Die sitzen unterm Rebenstock. / Sie essen Wurst und trinken Wein. / Jawohl, so muß das Leben sein.“ Aber auch klitzekleine Auszähler wie: „Ki ka ko Kartoffelsack /morgen ist ein Feiertag. / Gibt es Kuchen, musst du suchen“ oder: „Lari fari linker, / du da bist ein Stinker, /du da bist ein Luder, / lari fari Bruder, / lari fari lei – / du bist frei“.

Aber nicht nur als Kinderbuchautor wurde Janosch bekannt, sondern auch als Verfasser köstlicher Schelmenromane, die vielfach in seiner schlesischen Heimat spielen. 1970 erschien als erster Roman „Cholonek oder Der liebe Gott aus Lehm“, für den er gleich mit drei Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. Sechs weitere Romane mit schrulligen Protagonisten folgten: „Sacharin im Salat“ (1975), „Sandstrand“ (1979), „Polski Blues“ (1991), „Schäbels Frau“ (1992), „Von dem Glück, Hrdlak gekannt zu haben“ (1994) und „Gastmahl auf Gomera“ (1997). Die Bücher von Janosch wurden in ein halbes Hundert Sprachen übersetzt und erschienen in aller Welt. Seine Trickfilme, unter anderen die beliebte Fernsehserie „Janoschs Traumstunde“, wurden mit zahllosen Preisen gekrönt. Die Tiger-Bär-Freunde mit der kleinen Tigerente auf Rädern wurden durch eben diese „Traumstunde“ und durch den „Tigerentenclub“ zu berühmten Fernsehstars.

Bis 1980 lebte Janosch in seiner Wahlheimat Bayern, teils in München-Schwabing, teils in Greifenberg am Ammersee in einer kleinen Hütte mitten auf dem Land, „wo noch Schwalben nisten und Kühe grasen“, wie er mir sagte. Dann floh er allerdings vor der zentraleuropäischen menschlichen Gesellschaft und verließ Deutschland. Er fühlte sich damals krank, „Nieren, Leber, Gelenke – alles kaputt, ich stand zwischen Leben und Tod“, klagte er. „Ich hab ja schon mit 13 angefangen zu saufen.“

Bevor er abreiste, verbrannte er am Ufer des Ammersees sein ganzes Hab und Gut, die Kleider, den Hausrat und vor allem die Unterlagen fürs Finanzamt. „Ein schönes Feuer war das. Die ganze Nacht über hielt die Glut“, erinnert er sich grinsend. Und ab ging´s nach Spanien auf eine kanarische Insel im Meer, auf das warme Palmen-Eiland Teneriffa, fünf Flugstunden von Deutschland entfernt, „auf der es immer warm ist, weil ich das so will, und weil es mir da gefällt und das so gut ist. … Ich liege nun jeden Tag in meiner Hängematte und nehme mir fest vor, nichts mehr zu arbeiten. Länger als einen Monat halte ich das aber nie aus.“

Legende sind seine meist spontan geäußerten poetischen Weisheiten, köstliche Bonmots und Aphorismen. Viele Aussagen beziehen sich auf sein Leben, so etwa:

Also fliegen kann ich nicht, aber ich könnte.
Ich müsste nur wollen.
Aber ich will nicht.
Weil mein Lebensmotto ist:
nicht wollen, nicht wissen, nicht haben.

Enttäuschung ist mir eine Beglückung,
denn zuvor war ich getäuscht,
danach ist die Täuschung aufgehoben.

Du kannst auf dieser Welt nur leben,
wenn du sie zu deiner Geliebten machst.

Wenn ich’s mir recht überlege,
hat das ganze Überlegen keinen Sinn.

Der Mensch kann nichts verbergen´, – sagt Laotse –
schon wie einer über die Straße geht, ist seine Biographie –
wenn man sie nur zu lesen versteht.

Eine gute Illusion
ist besser
als eine Scheißwahrheit.

 

Poetisch sind seine Antworten auf Fragen wie die, was seine Lieblingsbeschäftigung sei:

Atmen und sein –
dasitzen und sein …
und essen
und Wein trinken.

 

Und was gehört zum perfekten Fernsehabend dazu?

Man braucht jemanden,
mit dem man sich vor den Fernseher setzen kann.
Und wenn man genau den Richtigen hat,
braucht man eigentlich gar keinen Fernseher mehr.

 

Neulich habe ich mich wieder einmal mit Janosch per E-Mail unterhalten und ihn nach seinen Lieblingsgedichten gefragt. „Gedichte von anderen Dichtern meide ich“, so Janosch, „denn sie würden mich nur verwirren. Ich würde dann so dichten wie ein Goetheoderschiller, das will ich nicht!“ Überhaupt bräuchten Menschen, wie es scheint, keine Gedichte, sonst würden sie ja mehr Bücher mit Gedichten kaufen.“ Auf meine Frage, welches seiner Gedichte er am liebsten mag, sagte er: „Mein von mir einziges geschätztes Lieblingsgedicht ist ein gedichteter Abzählreim und der heißt:

Alte Jacke
Hühnerkacke
raus!

Dieses Gedicht sei schön kurz, aussagekräftig und ausdrucksstark, es spreche das Gefühl an und sei ursprünglich. Es seien solche Verse, die sich schon in frühester Kindheit für ein Leben lang einprägen.

Längst hat Janosch sämtliche Rechte an seinen Bildern, Texten und Büchern an die „Janosch AG“ übertragen. Was er dafür bekam, ist so gut wie aufgebraucht. Reich ist er daher nicht. Auf Teneriffa lebt er recht bescheiden. „Wer fast nichts braucht, hat alles“, lautet sein Motto. Wenn einmal seine Bücher mit ihm sterben würden und ihn keiner mehr kennen würde, das wäre sein eigentlicher Traum. „Nach mir soll von mir nichts bleiben.“ Aber vorerst lebt dieser melancholische Magier noch in „einem Zustand endloser Seligkeit“ in den Tag hinein, als „praktizierender Mensch“, wie er gesteht, und „in Freiheit“, die er als großes 87-jähriges immerwährendes Kind so dringend braucht wie die Luft zum Atmen.

 

 

Alfons Schweiggert. Foto: Gerd Pfeiffer, München

Alfons Schweiggert. Foto: Gerd Pfeiffer, München

»Humor in der Lyrik« wird Ihnen von Alfons Schweiggert präsentiert. Der Münchner Schriftsteller veröffentlichte neben Erzählungen und seinem Roman »Das Buch« mehrere Lyrikbände, Biographien und Sachbücher sowie Kinder- und Jugendbücher. Nach mehrjähriger Lehrtätigkeit als Institutsrektor am Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung in München ist er seit 2010 freischaffender Autor. Schweiggert ist Präsidiumsmitglied der Schriftstellervereinigung Turmschreiber und Vorstand der »Karl Valentin-Gesellschaft«.
Alle bereits erschienenen Folgen von »Humor in der Lyrik« finden Sie hier.

 

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