Humor in der Lyrik – Folge 54: Peter Handke (*1942) – Der Humorverweigerer

Die Behauptung ›Lyriker haben keinen Humor‹ gehört zu den unausrottbaren Missverständnissen. Doch gerade in dieser literarischen Gattung blüht Humor in allen Facetten. Alfons Schweiggert stellt an jedem 25. des Monats lyrischen Humor und humorvolle Lyriker in seiner Rubrik »Humor in der Lyrik« vor. Als Kolumnist von DAS GEDICHT blog will er damit Anregungen geben, Humor in der Lyrik zu entdecken und humorvolle Vertreter dieser Gattung (wieder) zu lesen.

 

Handke verweigert sich dem Witz und dem Humor. „Ich lache zu viel“, sagt er. Wer einen Witz in seinem Werk finde, unterliege einem Irrtum, sagt er. Es wäre ein nicht gewollter Witz und damit kein Witz, sondern nur ein witzähnlicher Text ohne eigentlichen Witzcharakter. „Humor“, so Handke in einem Interview, „ist nach Goethe ein Zeichen der abnehmenden Kunst.“ Auf die Frage, ob er Humor nicht möge, antwortete er: „Nicht in der Literatur. Bei Stifter gibt es keinen Humor, erst recht keine Ironie.“ Und so spricht er auch sich jegliches Talent für Witz ab. Gleichwohl bezeichnet er es als seinen Ehrgeiz im Alter, „die Heiterkeit zu steigern“.

 

Peter Handke gezeichnet von Alfons Schweiggert

Peter Handke – forever young! Zeichnung: Alfons Schweiggert

 

In einem Gespräch mit Peter Kümmel (DIE ZEIT) erklärt er, dass er nicht gefährdet sei, Witze zu machen. Er höre zwar einem guten Witz zu, könne aber selbst keine Witze erzählen. Doch dann bricht es aus ihm heraus: „Ich habe einen einzigen Witz selber erfunden, aber über den lacht niemand. Ich lache da immer selber drüber, wie die schlechten Witzeerzähler.

1966 mischt Handke, noch völlig unbekannt, beim Treffen der Gruppe 47 in Princeton/USA die ehrwürdigen Mitglieder auf, indem er ihre Literatur als läppisch beschimpft. Sie hänseln ihn als „Mädchen mit Ostereigesicht“. Günter Grass schnappt sich Handkes blaues Mützchen und schreibt grinsend auf den Rand „Ich bin der Größte!“ Dafür hält sich der Newcomer tatsächlich, wenn er lässig, cool, selbstsicher auftritt. Beim Sprechstück „Publikumsbeschimpfung“, das ihn zum Literatenstar hochkatapultiert, johlen 1966 die Zuschauer noch. „Ihr Maulhelden, ihr Hurrapatrioten, ihr Proleten, ihr Katzbuckler, ihr Versager, ihr Nullen, ihr Geschmeiß“, so ergießt sich eine eineinhalbstündige pausenlose Schimpfkanonade ins Publikum. Für viele auch ein Skandal. Nach Jahren mit erfolgreichen Romanen, Erzählungen, Hörspielen und Dramen kommt der Bruch. Handke will nur noch für sich schreiben, zelebriert die Einsamkeit. Auch wenn sich viele gähnend von ihm abwenden, er weiß: „Meine Bücher sind für mich das reinste Lesevergnügen. Wenn ich sie lese wird mir die Brust weit, und ich denke, das ist aber schön geschrieben, das kann er, das hat er gut gemacht.“

„Mit Handke“, schrieb Thomas Thelen am 26. Mai 2019 in der Aachener Zeitung, „wird ein völlig humorloser Schriftstellertyp aussterben, […]. Das ist es am Ende vielleicht, was ihn zu Lebzeiten so anziehend macht.“

Noch zu Lebzeiten verkauft Handke dem Österreichischen Literaturarchiv der Nationalbibliothek seinen „Vorlass“ – als Gegenstück zum noch nicht existierenden „Nachlass“ – und seine Tagebücher dem Deutschen Literaturarchiv Marbach. Seinem Nachtbuch „Ein Jahr aus der Nacht gesprochen“ – ein Gegenstück zu einem Tagebuch – bescheinigt die Kritik, dass es gut in der Hand liege, ohne das obligatorische „Buchdeckelgeschwafel“ auskomme, aber sonst wenig biete. Genau 365 Splittersätze aus den Traumnächten des Dichters, großzügig auf 216 Seiten verteilt, ohne Erklärung. „Er hat die Hand in den Fluß der Träume gesteckt und sie trocken wieder herausgezogen“, heißt es, und das ist nicht gelogen. Ein Buch mit Blitzeinfällen, mit Kalauern und überkandideltem Humor, heiter-todernst, miss-gelungen, surreal mit Sätzen wie: „Wie schreibt sich ‚Bondy‘?“ – „Wie Bondy“ Oder „Der Papst weiß sicher, daß er verdammt ist.“ Oder: „Ich werde ab Herbst in Graz Luftwissenschaft studieren. Rufen Sie mich an!“

Und so einer will keinen Humor haben? Aber natürlich hat Handke Humor, nimmt er doch die Sprache beim Wort, verblüfft dabei sich und andere und taucht immer wieder genüsslich in die Abgründe der Existenz. In seinem ersten Gedichtband von 1968 mit dem Titel: „Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt“, ist das Gedicht „Die Aufstellung des 1. FC Nürnberg vom 27.1.1968“ enthalten, das man Gymnasiasten gerne zur Interpretation vorlegt.

Dieses Gedicht bezog sich auf ein Spiel des 1. FC Nürnberg am 27. 1. 1968 in der ersten Hauptrunde des DFB-Pokals gegen Bayer Leverkusen, den damaligen Tabellenführer der Regionalliga West, das Nürnberg mit 2:0 gewann. Die Spieler der damaligen Meistermannschaft in spe wurden durch Handkes Gedicht, eigentlich ein Heldengesang, unsterblich. Handke schuf damit ein Epitaph, eine Ehrentafel, durch die alle Spieler auch dann noch existieren werden, wenn sie längst gestorben sind. In diesem Gedicht findet man auch noch das altehrwürdige und inzwischen längst überholte Spielsystem: vor dem Torhüter zwei Verteidiger, dahinter drei Mittelläufer und vorne die Phalanx der fünf Stürmer, die Tore zu schießen hatten.

Zu Handkes 70. Geburtstag erschien sein Buch mit dem Titel „Versuch über den Stillen Ort“, eine Mischung aus Essay und Erzählung, in dem Handke dem Klosett eine poetische Aura verleiht und die Toilette als Stätte der Erkenntnis erkundet. Die Aborte sind ihm im Sinne des lateinischen Wortes „aboriri“, was soviel wie ver- oder entschwinden heißt, wichtige Rückzugsorte, auf denen der Mensch nicht nur den Blicken der anderen, sondern sich selbst entschwinden kann und zu ungewöhnlichen und durchaus auch humorvollen Erkenntnissen fähig ist.

„Es war an der Schwelle zwischen der Kindheit und dem Heranwachsendenalter, daß der Stille Ort mir etwas zu bedeuten begann über das Übliche oder Gewohnte hinaus“, so beginnt Handke den Reigen seiner Meditationen über die „stillen Örtchen“. Es ist ein Mäandern zwischen eigenen Phantasien und denen anderer, Erinnerungen blitzen auf und Assoziationen, Erfahrungen und Wunschträume werden mitgeteilt. Handkes Gedankenstrom umkreist den Beichtstuhl und das Krankenzimmer im Internat ebenso als Orte der „Stille“ wie die Waschräume der juristischen Fakultät an der Universität Graz, aber auch Flugzeug- und Eisenbahntoiletten. Macht sich der Autor, indem er „die Toilette, den Abtritt, den Abort“ zu einem Platz der Besinnung erhebt, an dem man höhere Einsichten gewinnen kann, nur einen Jux? Humor ist jedenfalls auch im Spiel und eine Portion Selbstironie, und sogar zu lachen gibt es etwas, so bei einer Waschraum-Begegnung und bei einer Auflistung kurioser Toiletten-Unfälle. Und schließlich verschmilzt der Eindruck des Aborts im Großvaterhaus mit dem der „Tempeltoilette im japanischen Nara“, dem Inbild des „Stillen Ortes“, denn nur „Draußen“ ist „Verstummen. Verstummtheit. Sprachloswerden. Sprachlosigkeit. Sprache verlieren. Sprachverlust”, weshalb Handke zu guter Letzt: „Ich muß kurz verschwinden!” murmelt und der lauten Welt draußen entschwindet, bevor es dann „auf und zurück zu den andern“ geht, „vielsilbig, voll von der Redelust.“

Aber dem Witzeverweigerer Handke verraten, dass auch er Humor hat, das sollte man unterlassen.

 

 

Alfons Schweiggert. Foto: Gerd Pfeiffer, München

Alfons Schweiggert. Foto: Gerd Pfeiffer, München

»Humor in der Lyrik« wird Ihnen von Alfons Schweiggert präsentiert. Der Münchner Schriftsteller veröffentlichte neben Erzählungen und seinem Roman »Das Buch« mehrere Lyrikbände, Biographien und Sachbücher sowie Kinder- und Jugendbücher. Nach mehrjähriger Lehrtätigkeit als Institutsrektor am Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung in München ist er seit 2010 freischaffender Autor. Schweiggert ist Präsidiumsmitglied der Schriftstellervereinigung Turmschreiber und Vorstand der »Karl Valentin-Gesellschaft«.
Alle bereits erschienenen Folgen von »Humor in der Lyrik« finden Sie hier.

 

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