Humor in der Lyrik – Folge 58: Joseph Ferdinand Gould (1889 – 1957) – Autor ohne Werk

Die Behauptung ›Lyriker haben keinen Humor‹ gehört zu den unausrottbaren Missverständnissen. Doch gerade in dieser literarischen Gattung blüht Humor in allen Facetten. Alfons Schweiggert stellt an jedem 25. des Monats lyrischen Humor und humorvolle Lyriker in seiner Rubrik »Humor in der Lyrik« vor. Als Kolumnist von DAS GEDICHT blog will er damit Anregungen geben, Humor in der Lyrik zu entdecken und humorvolle Vertreter dieser Gattung (wieder) zu lesen.

 

Zur Welt kommt er in Norwood, einem kleinen Vorort von Boston, Joe Gould, einer der skurrilsten Autoren der Literaturgeschichte. Schon als Kind fällt er durch seinen Schreibzwang auf. In seinem Zimmer kritzelt Joe alle Wände und sogar den Boden voll. Ist er womöglich ein Autist? Obwohl er in der Schule schlechte Leistungen bringt, besucht er die Harvard-Universität, weil seine Familie will, dass er Arzt wird. Schließlich sind nicht nur sein Vater, sondern auch sein Großvater Ärzte. Doch Joe bricht sein Studium bald ab, wandert zu Fuß nach Kanada und hält sich in North Dakota auf. 1911 schließt der 22-Jährige sein Studium doch noch an der Harvard Universität ab, aber Arzt wird er nicht. Stattdessen zieht er 1916 nach New York und verbringt dort die nächsten Jahrzehnte als Lebenskünstler und obdachloser Stadtstreicher, unterbrochen von Aufenthalten in psychiatrischen Kliniken. Gerne liest er Beatnik-Gedichte und rezitiert selbsterfundene absurde Gedichte.

1942 begegnet der 53-Jährige, völlig heruntergekommen und ungepflegt, dem Reporter Joseph Mitchell und beginnt zu schreien und zu krächzen. Mitchell glaubt, einen Verrückten vor sich zu haben. Doch Joe erklärt ihm, er unterhalte sich nur mit den Möwen, deren Sprache er beherrsche. Außerdem schreibe er seit Jahren an einer mündlich überlieferten Geschichte der Menschheit, an „The oral History of our Time“. Aus dem Stegreif rezitiert er daraus lange Passagen. Dieses Buch sei das längste Buch der Welt, behauptet er. Es umfasse schon mehr als eine Million Wörter und sei bereits jetzt zwölfmal umfangreicher als die Bibel. Würde man die von ihm vollgeschriebenen Hefte aufeinander legen, ergäbe das einen Stapel, der größer als er selbst mit seinen 1,67 Metern sei. Sein Buch enthielte mehr Wahrheit als alle anderen Werke der Weltliteratur zusammen. „Für mich ist meine Dichtung Strick und Schafott, Bett und Speise, Frau und Flittchen, Wunde und das Salz darin, Whisky und Aspirin, Fels und Erlösung. Sie ist das einzige. Nichts anderes zählt.“

Mitchell ist von diesem Unikum fasziniert und hält Gould, über den er schon 1942 einen Artikel schreibt, für ein Genie. Titel: „Professor Seagull“ – „Professor Seemöwe“. Und schlagartig wird Gould in New York unter diesem Namen bekannt, der Mann, der mit Seemöwen spricht. In der „Minetta Tavern“ und in anderen Bars im Village oder auf Partys erhält er bald kostenlose Mahlzeiten und lockt im Gegenzug Besucher an, die ihm auch Spenden zukommen lassen. Mit seinen möwenartig flatternden Armbewegungen begeistert er die Leute, wobei er schreiend, krächzend und kreischend hin und her hüpft und sich als die Möwensprache beherrschendes Genie produziert. Longfellows „Hiawatha“ habe er schon in die Sprache der Seemöwen übersetzt, behauptet er, aber auch amerikanische Gedichte, was sich dann so anhört: „Chratap´at wongs wing kong who howls cling king loans who howls hoods chartap´at ho.“ Vor allem aber arbeite er an seiner „Mündlich überlieferten Geschichte unserer Zeit“. Ständig scheint er sich Notizen zu machen über das, was er auf den Straßen in New York City so alles aufschnappt, dumme und kluge Gespräche, die er erlauscht, Amüsantes und Ordinäres, doch in Wahrheit wiederholt er nur bereits notierte triviale Ereignisse stets aufs Neue. Außerdem notiert er in Schulhefte einige Gedichte, die sich ebenfalls ständig wiederholen.

 

An Joe Gould

Nichts hast Du geschrieben, kein Werk von Dir ist geblieben,
doch bleibst Du unvergessen, Du bist ein Dichter gewesen.
Du, ein Poet des Nichts, hast uns Nichts gegeben.
Nur großen Dichtern gelingt, mit Nichts auf ewig zu leben.

© Porträt und Gedicht von Alfons Schweiggert

 

Auch wenn Gould zu berühmten Schriftstellern wie Ezra Pound Kontakt hat, der von ihm beeindruckt ist, und viele Kritiker und Romanciers kennt, die ebenfalls für den Joe Gould Fund spenden, so gibt es doch vor allem vier Menschen, die ihm etwas bedeuten. Neben seinem Entdecker Joseph Mitchell ist Vivian Marquie, Besitzerin einer Kunstgalerie, eine enge Freundin von ihm. Sie versorgt ihn mit abgelegten Kleidungsstücken von Bekannten, verwaltet außerdem die Zuwendungen einer anonymen Wohltäterin für Joes Miete und unterstützt den Joe Gould Fund ebenfalls mit Spenden.

Goulds bester Freund ist der Schriftsteller Edward Estlin Cummings, einer der meist gelesenen Dichter in den Vereinigten Staaten, dessen Texte hinsichtlich ihrer Form, Zeichensetzung, Schreibweise und Syntax radikale Experimente darstellen, womit er eine neue eigenwillige Form der Poesie entwickelt. Das ist ganz nach Joes Geschmack.

Das groteskeste Bild von Joe Gould malt 1933 die mit ihm befreundete Malerin Alice Neel. Sie stellt ihn als nackten, dürren, grinsenden Mann mit drei übereinander angeordneten Penissen zwischen zwei nackten Männern dar. Gould scheint das Porträt zu gefallen. „Ein Bild“, sagt er, „bedeutet mir nichts als Bild. Ich sehe in ihm stets nur den Ausdruck des Künstlers, der es gemalt hat.“ Heute ist dieses Bild im berühmten Whitney-Museum ausgestellt.

Nachdem in einigen Magazinen unbedeutende Bruchstücke seiner „Oral History“ erschienen sind, bekunden Verleger ihr Interesse, Goulds Werk zu drucken. Auch Joseph Mitchell will endlich einmal eine überzeugende Auswahl daraus lesen. Doch Joe weigert sich und erfindet fortwährend neue Ausreden, warum das nicht möglich sei. Überhaupt dürfe sein Werk erst posthum erscheinen, weil nur die Nachwelt imstande sei, seine Genialität zu begreifen. Jetzt beginnt Mitchell an Joes ominösem Mammutwerk zu zweifeln und ist schließlich überzeugt, dass es überhaupt nicht existiert.

1952 bricht Gould auf der Straße zusammen und wird ins Columbus Hospital, dann ins Bellevue und schließlich ins Pilgrim State Hospital auf Long Island, New York, gebracht. Dort stirbt er im Sommer 1957 im Alter von 68 Jahren an Arteriosklerose und Altersschwäche. Nach der Beerdigung suchen Freunde sofort nach dem Manuskript der „Oral History“. Doch sie finden nur ein unbedeutendes Gedicht, ein Aufsatzfragment und ein paar Bettelbriefe, sonst nichts. Sieben Jahre nach Goulds Tod erscheint 1964 Joseph Mitchells Buch „Joe Gould’s Secret“ (Joe Goulds Geheimnis) und wird im Jahr 2000 unter dem gleichen Titel sogar verfilmt.

Doch was ist nun Goulds Geheimnis? Ganz einfach, dass überhaupt kein Werk von ihm existiert, weder Lyrik noch Prosa und auch nicht „The oral History of our Time“. Alles war nur Bluff. Doch war es das wirklich oder war es nicht doch mehr, was Joe hinterließ?

„Oft setzt ein einziger toter Dichter nach seinem Tod eine ganze Industrie in Gang“, urteilte der Autor Michael Korth. „Millionen von Professoren, Computerspezialisten, Studienräten, Gabelstaplerfahrern, Volksschullehrern, Illustratoren, Redakteuren, Computerfilmern, Lektoren, Theaternachtwächtern, Druckern, Buchbindern, Buchhändlern, Journalisten, Auslieferern, Schauspielern, Sängern, Medienmanagern, Kulturpolitikern, sogar ganze Städte leben von den Verrückten, die zu Lebzeiten oft als Nullen galten.“ Joe Gould, dieses menschgewordene Gedicht, ist mit seinem nicht existenten Werk jedenfalls längst unsterblich geworden.

 

 

 

Alfons Schweiggert. Foto: Gerd Pfeiffer, München

Alfons Schweiggert. Foto: Gerd Pfeiffer, München

»Humor in der Lyrik« wird Ihnen von Alfons Schweiggert präsentiert. Der Münchner Schriftsteller veröffentlichte neben Erzählungen und seinem Roman »Das Buch« mehrere Lyrikbände, Biographien und Sachbücher sowie Kinder- und Jugendbücher. Nach mehrjähriger Lehrtätigkeit als Institutsrektor am Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung in München ist er seit 2010 freischaffender Autor. Schweiggert ist Präsidiumsmitglied der Schriftstellervereinigung Turmschreiber und Vorstand der »Karl Valentin-Gesellschaft«.
Alle bereits erschienenen Folgen von »Humor in der Lyrik« finden Sie hier.

 

Ein Kommentar

  • Thilo Mandelkow

    Wieder sehr interessant! Kleine Frage(n) meinerseits: In der Überschrift steht, er starb 1957, im Text dann, dass er 1952 erst zusammenbrach und dann ebenfalls 1952 starb und fünf Jahre nach seinem Tode 1957 John Mitchells Buch über ihn herauskam. Wann ist er jetzt gestorben: 1952 oder 1957? Und ist das Buch über ihn dann 1962 herausgebracht worden?
    Vielen Dank auf jeden Fall abermals für diesen interessanten Artikel!

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