Humor in der Lyrik – Folge 59: Friedrich Rückert (1788 – 1866), Weltpoet aus Franken

Die Behauptung ›Lyriker haben keinen Humor‹ gehört zu den unausrottbaren Missverständnissen. Doch gerade in dieser literarischen Gattung blüht Humor in allen Facetten. Alfons Schweiggert stellt an jedem 25. des Monats lyrischen Humor und humorvolle Lyriker in seiner Rubrik »Humor in der Lyrik« vor. Als Kolumnist von DAS GEDICHT blog will er damit Anregungen geben, Humor in der Lyrik zu entdecken und humorvolle Vertreter dieser Gattung (wieder) zu lesen.

 

Schon äußerlich war der Sohn eines Dorfamtmanns mit zwei Metern Körpergröße, mit seinen schwarzen Locken und ständig schwarzer Kleidung eine imposante Erscheinung. Eine Zeitgenossin nannte ihn einen der „längsten, hässlichsten Menschen, die ich je gesehen; er ist sich bewusst, die rohesten, ungezogensten Manieren zu haben.“ Doch andrerseits war er „sehr gutherzig und sittlich und will keinen beleidigen.“
Friedrich Rückert war lebenslang Franke, der seine Herkunft nie verleugnete, auch wenn ihn der Name seiner Geburtsstadt störte, wie er in einem Gedicht schrieb:

Kann man eine Stadt erbauen,
Um den Namen dann
Ihr zu geben, den mit Grauen
Man nur singen kann?
Hättest Mainfurt, hättest Weinfurt,
Weil du führest Wein,
Heißen können, aber Schweinfurt,
Schweinfurt sollt´ es sein!

 

Obwohl sich Rückert die meiste Zeit seines Lebens in Franken aufhält, fühlt er sich im Geiste – wie er betonte – als „Weltpoet“. Kaum hat er die Schweinfurter Lateinschule abgeschlossen, studiert er in Würzburg, Heidelberg und Jena Jura, griechische Mythologie und Naturphilosophie. Seine Tätigkeit als Dozent in Jena und als Gymnasiallehrer in Hanau währt nur kurz, da ihn der Umgang mit den nicht sonderlich begabten Studenten und den engstirnigen Kleinstadtprofessoren wenig befriedigt. Lieber legt er eine schöpferische Pause ein, zieht sich nach Würzburg als Privatgelehrter zurück und pendelte zwischen Würzburg, Hildburghausen und seinem Elternhaus in Ebern hin und her.
Spaß hat er an fremden Sprachen, die ihm nur so zufliegen. Kaum befasst er sich mit einer, beherrscht er sie auch schon. Insgesamt sollen es 44 Sprachen gewesen sein, die er sprach, neben Englisch, Griechisch und Russisch, auch Albanisch, Hebräisch, Aramäisch, Tatarisch, Kurdisch, Lettisch, Maltesisch usw. Seine Überzeugung war:

Mit jeder Sprache mehr, die du erlernst, befreist
Du einen bis daher in dir gebundnen Geist,
Der jetzo thätig wird mit eigner Denkverbindung
Dir aufschließt unbekannt geweßne Weltempfindung.

Wie schnell Rückert sich eine Sprache aneignete, zeigt folgende überlieferte Geschichte. Da soll er zwei Missionaren für ihren Einsatz in Südindien das dort übliche Tamulisch beibringen. Er sagt zu, obwohl er diese Sprache gar nicht beherrscht, weshalb er um einige Wochen Zeit bittet. Danach bringt er den erstaunten Missionaren die tamulische Sprache bei.
1814 erregen seine „Geharnischten Sonette“, die sich gegen Napoleons Herrschaft und seine Besatzung richten, Aufsehen. In dem humorvollen Gedicht „Der Papagei“ schildert er die Schlacht von Waterloo aus Sicht eines sprechenden Papageis, der geschockt vom Knall der Kanonen nur noch ein krächzendes „Bum“ von sich geben kann.

 

Der Papagei

Das war die Schlacht von Waterloo,
Die Schlacht von Bellalliangs,
Die Klang so laut, die Klang so froh,
So ungestümen Klangs.

Das war die Schlacht von Waterloo,
Die Schlacht von Bellalliangs,
Da klangs doch nur dem Britten froh,
Nur froh dem Deutschen klangs.

Es wohnt ein Franzmann nah dabei,
Dem klingt es noch im Ohr,
Der hat auch einen Papagei,
Der sprach so laut zuvor.

Der Papagei sprach mancherlei,
Französisch Tag und Nacht,
So laut noch sprach der Papagei,
Am Tage vor der Schlacht.

Und als die Schlacht so laut nun sprach,
Da schwieg der Papagei,
Und als er wieder sprach hernach,
Sprach er nur einerlei.

Der Franzmann sprach: Bonjour, mein Matz!
Der Papagei sprach: Bum!
Der Franzmann sprach: Bon soir, mein Schatz!
Der Papagei sprach: Bum!

Bonjour, mein Matz!
Bum.
Bon soir, mein Schatz!
Bum.

Und weißt du weiter nichts als Bum,
So bleibe lieber stumm!
Der Papagei blieb doch nicht stumm,
Der Papagei sprach: Bum;

Und weißt du weiter nichts als Bum,
Den Hals dreh ich dir um!
Bum. Da dreht er den Hals ihm um,
Und er sprach sterbend: Bum!

Nun ist der Franzmann doch nicht frei;
Noch ruft in jeder Nacht
Ihm sein erwürgter Papagei
Den Nachhall von der Schlacht.

 

Der Schweinfurter Dichter Friedrich Rückert beim Lesen der „Gartenlaube“, Zeichnung um 1860

Der Schweinfurter Dichter Friedrich Rückert beim Lesen der „Gartenlaube“, Zeichnung um 1860, die in der „Gartenlaube“ erschien.

 

Ab 1815 betreut Rückert in Stuttgart als Redakteur im „Cotta´schen Morgenblatt für gebildete Stände“ den poetischen Teil. Nach zwei Jahren hat er von der Artikelschreiberei aber wieder genug und er reist Ende 1817 nach Italien, wo er deutsche Künstler kennen lernt. Auf dem Rückweg macht er Ende 1819 in Wien die Bekanntschaft des Orientalisten Joseph von Hammer-Purgstall, der in ihm die Begeisterung für die unerforschte orientalische Literatur weckt. Jetzt kommt Rückerts außergewöhnliches Sprachgefühl und Übersetzertalent zum Tragen und er übersetzt Teile des „Korans“ und der „Hamasa“, der ältesten arabischen Volkslieder. Damit stößt er beim gebildeten Publikum auf großes Interesse. Daneben gibt er seinen großen Gedichtband „Öestliche Rosen“ heraus.

Wenn Rückert nicht Sprachen lernt oder unbekannte orientalische Dichtungen übersetzt, reimt er unablässig eigene Gedichte und lässt Gedichtsammlung auf Gedichtsammlung erscheinen. Kein Tag vergeht, ohne zu dichten. Auf die Frage: „Mußt du denn immer dichten?“ gesteht er: „Ja, das muss ich, denn ich denke nie, ohne zu dichten, und dichte nie, ohne zu denken.“ Natürlich kommt in vielen seiner Gedichte auch der Humor nicht zu kurz:

 

Aufgegebene Endreime

Auf dem Berg ein Baum steht astlos,
Auf dem Meer ein Schiff geht mastlos.
Zwischen Berg und Meere lieget
Ein verlaßnes Gasthaus gastlos.
Zwischen Gasthaus, Meer und Berge
Schweift ein irrer Wandrer rastlos.
Baum des Lebens, deine Krone
Welke! denn dein Stamm ist bastlos.
Ei, wenn du der Lust verlustig
Giengest, bist du auch der Last los.

 

In seinem Gedicht über die Stadt Königshofen amüsiert er sich über die Tatsache, dass dort nur ein Stadttor existiert, weshalb ein Wanderer, der die Welt erkunden will, stattdessen wieder in seine Heimat zurückwandert. Das Gedicht schließt mit der Erkenntnis:

Wenn man mich nun zur Rede stellt,
wo ich gewesen in der Welt?
Setze ich mich hintern Ofen,
und sage: in Königshofen.

 

Mehr als 10.000 Gedichte, von denen rund 50 von Clara Schumann, Robert Schumann und weiteren Komponisten vertont wurden, verfasste Rückert in seinem Leben. In ihnen verbindet er die Schicksalshaftigkeit des Lebens- und Weltenlaufs mit einer Portion Leichtigkeit und einer Prise Humor so auch in etlichen Vierzeilern:

 

Ende August 51

Dir wünsch‘ ich unsers Kätzchen Sinn,
Wenn dich der Weltlauf plagt:
Es nimmt für Spiel u. Scherz es hin,
Wenn man es Stößt und jagt.

***
Durch Schaden wird man klug,
Sagen die klugen Leute.
Schaden litt ich genug,
Doch bin ich ein Tor noch heute.

***
Auf dem Lehnstuhl der Poesie
Und dem Lehrstuhl der Philologie
Wollt ich sitzen zugleich;
Ich habe mich, das seh ich jetzt,
Zwischen zwei Stühlen niedergesetzt,
Und sitze da nicht weich.

 

Ende 1821 heiratet der 33 jährige Luise Wiethaus-Fischer aus Coburg. Von den zehn Kindern, die das Paar bekommt, sterben Luise und Ernst, die er besonders liebt, an Scharlach. Ihnen widmet er seine „Kindertodtenlieder“ einen Zyklus von 428 Gedichten, die teilweise von Clara Schumann und Gustav Mahler vertont werden. 1826 wird der 38 jährige auf den Lehrstuhl für Orientalistik in Erlangen berufen und verbringt die Sommer auf dem Landgut seines reichen Schwiegervaters. 1841 holt ihn König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen an die Uni Berlin, wo er sich als Landkind aber nicht heimisch fühlt, weshalb er sich dort bis 1848 mit häufigen Unterbrechungen aufhält. Laut Vertrag muss er glücklicherweise nur im Wintersemester Vorlesungen halten und kann das restliche halbe Jahr auf seinem geliebten Landgut bei Coburg verbringen, wo er sich ab 1848 auch zur Ruhe setzt. Im Alter von 77 Jahren endet das Leben Friedrich Rückerts.
Übrigens, darf sich ein Franke über die deutschesten Deutschen lustig machen? Ein Friedrich Rückert hat nicht lange gefragt, sondern es einfach getan. Fast scheint es, als hätte er schon vor rund 200 Jahren von manchen Deutschen von heute eine Vision gehabt.

 

Grammatische Deutschheit

Neulich deutschten auf deutsch vier deutsche Deutschlinge deutschend,
Sich überdeutschend am Deutsch, welcher der deutscheste sei.
Vier deutschnamig benannt: Deutsch, Deutscherig, Deutscherling, Deutschdich;
Selbst so hatten zu deutsch sie sich die Namen gedeutscht.
Jetzt wettdeutschten sie, deutschend in grammatikalischer Deutschheit,
Deutscheren Komparativ, deutschesten Superlativ.
„Ich bin deutscher als deutsch.“ „Ich deutscherer.“ „Deutschester bin ich.“
„Ich bin der Deutschereste oder der Deutschestere.“
Drauf durch Komparativ und Superlativ fortdeutschend,
Deutschten sie auf bis zum – Deutschesteresteresten;
Bis sie vor komparativistisch- und superlativistischer Deutschung
Den Positiv von deutsch hatten vergessen zuletzt.

 

 

 

Alfons Schweiggert. Foto: Gerd Pfeiffer, München

Alfons Schweiggert. Foto: Gerd Pfeiffer, München

»Humor in der Lyrik« wird Ihnen von Alfons Schweiggert präsentiert. Der Münchner Schriftsteller veröffentlichte neben Erzählungen und seinem Roman »Das Buch« mehrere Lyrikbände, Biographien und Sachbücher sowie Kinder- und Jugendbücher. Nach mehrjähriger Lehrtätigkeit als Institutsrektor am Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung in München ist er seit 2010 freischaffender Autor. Schweiggert ist Präsidiumsmitglied der Schriftstellervereinigung Turmschreiber und Vorstand der »Karl Valentin-Gesellschaft«.
Alle bereits erschienenen Folgen von »Humor in der Lyrik« finden Sie hier.

 

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