Im babylonischen Süden der Lyrik – Folge 21: »›LA POESÍA CONTRA LA MUERTE – DIE POESIE GEGEN DEN TOD‹ – DER BOLIVIANISCHE DICHTER PEDRO SHIMOSE«

Tobias Burghardt flaniert jeweils am 5. eines Monats auf DAS GEDICHT blog durch die südlichen Gefilde der Weltpoesie. In der Rubrik »Im babylonischen Süden der Lyrik« werden Sprachgemarkungen überschritten und aktuelle Räume der poetischen Peripherien, die innovative Mittelpunkte bilden, vorgestellt.

 

Im amazonischen Tiefland der Geschichtenerzähler verbrachte Pedro Shimose seine Kindheit und Jugend. Sein Vater war aus Asien als Eisenbahnpionier in den peruanischen Westen ausgewandert, gründete schießlich eine Familie in den bolivianischen Tropen und ließ sich als Bauer in jener fruchtbaren Region von Riberalta am Zusammenfluss des Río Beni und Madre de Dios nieder. Die weitverzweigten familiären Wurzeln des Dichters sind indigen-europäisch-japanischer Herkunft.

Der bolivianische Dichter Pedro Shimose (Delta-Archiv, Stuttgart)

Der bolivianische Dichter Pedro Shimose (Delta-Archiv, Stuttgart)

Pedro Shimose studierte und arbeitete an der Universidad San Andrés der bolivianischen Hauptstadt La Paz zu den bewegten Zeiten Che Guevaras und machte sich als engagierter Autor, erfolgreicher Liedtexter und leidenschaftlicher Feuilletonist einen guten Namen. Ein Militärputsch zwang ihn – wie etliche andere Intellektuelle, Künstler und Schriftsteller Boliviens – ins politische Exil. Er ging Anfang der siebziger Jahre nach Madrid, wo er seine andalusische Frau Rosario kennenlernte und heiratete. Jahrzehntelang arbeitete er am Institut für Iberoamerikanischen Kooperation ICI. Seit den neunziger Jahren konnte er sein entferntes Land wieder regelmäßig besuchen und dort erneut Bücher und Zeitungskolumnen veröffentlichen. Pedro Shimose ist Mitglied der Bolivianischen Akademie für Sprache und Dichtung sowie der Spanischen Vereinigung für Kunstkritiker. Der Dichter, Essayist, Erzähler, Literaturwissenschaftler und Journalist wurde 1972 mit dem kubanischen Poesiepreis »Casa de las Américas« und 1999 mit dem Kulturpreis Boliviens für sein vielseitiges schriftstellerisches Werk geehrt.
 

Pedro Shimose

DO NOT DISTURB

Todos los hoteles son iguales.
Todas las cafeterías son iguales.
Todos los aeropuertos son iguales.
Todos los pubs, todas las discotecas.
(hablas
y nadie te escucha.
Preguntas
y nadie sabe nada.
Entras en un bar y nadie te responde.
En las gasolineras ves fantasmas,
oyes risas
que llegan
de no se sabe dónde.
El tiempo se esconde
en los salones,
en los pasillos y los callejones;
por los ascensores
de cristal
bajan y suben los colores,
mientras la música ambiental
recorre los restaurantes.
Da igual
antes
o después («Hola, ¿qué tal?»)
Te pierdes entre tanta noche.
En una habitación
suena el teléfono
y una grabación
repite
que nadie
quiere
vernos.
 

Pedro Shimose

DO NOT DISTURB

Alle Hotels sind gleich.
Alle Cafeterías sind gleich.
Alle Flughäfen sind gleich.
Alle Pubs, alle Diskotheken
(du sprichst
und keiner hört dich.
Du fragst
und niemand weiß etwas).
Du gehst in eine Bar und keiner antwortet dir.
An den Tankstellen siehst du Gespenster,
hörst Gelächter,
von dem man nicht weiß,
woher es kommt.
Die Zeit versteckt sich
in den Sälen,
in den Gängen und Gassen;
in den gläsernen
Fahrstühlen
bewegen sich die Farben auf und nieder,
während die Hintergrundmusik
durch die Restaurants strömt.
Es ist gleich,
davor
oder danach (»Hallo. Wie geht’s?«)
Du verlierst dich vor lauter Nacht.
In einem Zimmer
klingelt das Telefon,
und eine Aufzeichnung
wiederholt,
das niemand
uns sehen
möchte.
 

Übertragen von Juana & Tobias Burghardt
 

Auf dem Umschlag seiner »Maquiavelischen Überlegungen« (Reflexiones maquiavélicas) befindet sich eine amüsante »Einleitung zur Sache«: »Dieses Gedicht / ist Teil eines Buches, / von dem 500 Exemplare / aufgelegt werden. // Von diesen 500 Exemplaren / werden 50 verschenkt, // davon / 5 gelesen, // von diesen / wird nur 1 / verstanden. // Die Mühe lohnt sich.«

Pedro Shimose kennt sich in Sachen Lyrik aus und weiß, dass jene mühseligen Geschenke an die Aufmerksamen keineswegs den Mechanismen des Marktes gehorchen, zumal sie sich allein auf menschliche Werte beschränken, die unverkäuflich sind. Also lohnt sich die ganze Mühsal allemal. Er ist der erste bolivianische Dichter, von dem zwei Einzeltitel in englischer und deutscher Übersetzung vorliegen. Pedro Shimose gehört zu den zeitgenössischen Hauptvertretern der bolivianischen Poesie im internationalen Kontext und zu den herausragenden lateinamerikanischen Dichtern seiner Generation. Seine Gedichte wurden in zehn europäische Sprachen sowie ins Arabische und Japanisch übersetzt. Manchmal stellt er einzelne Begriffe und Sätze aus den indigenen Sprachen Aymara und Quechua in seine Verse, um den Ausdruck authentisch zu verorten. Seine facettenreiche Poesie zeichnet sich durch feinsinnige Ironie aus, die zwischen tropischer Fabulierlust und andiner Wortkargheit hin- und herpendelt – und mittels derer die humanen Abgründe sowie auch manche Desillusionen der großen sozialen Utopien Lateinamerikas erträglicher werden.
 

Pedro Shimose

LA POESÍA CONTRA LA MUERTE

Runa yndio niscap Machoncuna naripa
pacha quill casta yachan mancarca chayca …
(Si los indios de la antigüedad hubieran sabido escribir,
la vida de todos ellos, en todas partes, no se habría perdido …)
Dioses y hombres de Huarochiri

Profanaste mi huaca,
mis cenizas
son exhibidas en tus museos,
mis vasijas de barro
son vendidas en tus grandes almacenes,
mi sangre es derramada en tus palacios,

mi oro,
mi música,
mis danzas,
por el agua se fueron congelando fuegos,
me he quedado sin nada,
hasta mi nombre fue borrado de la casa de la niebla,
pero me quedó
la piedra y su silencio:
cuatro mil años,
4.000 años,
tatita.

Mis huesos son medidos en tus universidades
¿cuándo mediré yo los tuyos, huiracocha?
 

Pedro Shimose

DIE POESIE GEGEN DEN TOD

(Wenn die Indios des Altertums hätten schreiben können,
wäre ihr ganzes Leben nicht überall verloren gegangen …)
Götter und Menschen von Huarochiri

Du hast meinen Grabhügel entehrt,
meine Aschenreste
sind in deinen Museen ausgestellt,
meine Lehmkrüge
werden in deinen Geschäften verkauft,
mein Blut ist in deinen Palästen vergossen worden,

mein Gold,
meine Musik,
meine Tänze,
sie vereisten auf dem Wasser die Feuer,
mir ist nichts mehr geblieben,
selbst mein Name wurde vom Haus des Nebels gestrichen,
aber mir blieb
der Stein und seine Stille:
viertausend Jahre,
4.000 Jahre,
Väterchen.

Meine Knochen werden in deinen Hochschulen ausgewertet.
Wann werde ich deine auswerten, fremder Herr?
 

Übertragen von Juana & Tobias Burghardt
 

 

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Tobias Burghardt. Foto: privat

Tobias Burghardt. Foto: privat

Tobias Burghardt (Jahrgang 1961) ist Lyriker, Übersetzer und Verleger der Stuttgarter Edition Delta (www.edition-delta.de). Er veröffentlichte mehrere Lyrikbände, darunter seine Fluss-Trilogie und zuletzt »Septembererde & August-Alphabet« (2010). Seine Gedichte wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und Einzeltitel erschienen in Argentinien, im Irak, in Japan, Portugal, Serbien, Schweden und Venezuela. Er ist Mitbegründer und Koordinator des »Babylon Festivals für Internationale Kulturen & Künste«, das seit 2012 jährlich in Babylon und Bagdad stattfindet. Mit seiner Frau Juana Burghardt überträgt er lateinamerikanische Lyrik, katalanische Poesie, lusophone Lyrik und spanische Poesie. Sie sind Herausgeber und Übersetzer der Werkreihe von Miquel Martí i Pol, aus der Pep Guardiola im Sommer 2015 im Literaturhaus München las, und seit Herbst 2014 der Stuttgarter Juarroz-Werkausgabe, dem wir das GEDICHT-Motto »Ein Gedicht rettet einen Tag« (Roberto Juarroz) verdanken. Im Frühjahr 2017 wurden beide für ihr jeweiliges poetisches Werk und ihr gemeinsames literarisches Engagement zwischen den Kulturen und Sprachen mit dem Internationalen KATHAK-Literaturpreis in der südasiatischen Metropole Dhaka, Bangladesch, ausgezeichnet. Tobias Burghardt war GEDICHT-Redakteur der ersten Stunde und organisierte immer wieder wunderbare Sonderteile mit lateinamerikanischer Poesie für unsere Zeitschrift DAS GEDICHT.
Alle bereits erschienenen Folgen von »Im babylonischen Süden der Lyrik« finden Sie hier.

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