Im babylonischen Süden der Lyrik – Folge 24: »TALKING ABOUT BANGLA POETRY: RABINDRANATH TAGORE AND HIS ›STRAY BIRDS‹ – DREIUNDZWANZIG ›STREUNENDE VÖGEL‹«

Tobias Burghardt flaniert jeweils am 5. eines Monats auf DAS GEDICHT blog durch die südlichen Gefilde der Weltpoesie. In der Rubrik »Im babylonischen Süden der Lyrik« werden Sprachgemarkungen überschritten und aktuelle Räume der poetischen Peripherien, die innovative Mittelpunkte bilden, vorgestellt.

 

Der Dichter Rabindranath Tagore verbrachte zehn schöpferische Jahre in Bangladesch, wo er an drei verschiedenen Orten – Shilaidah, Sahjadpur und Patishar – die familiären Landgüter als Genossenschaften mit Mikrofinanzierung und ruralen Entwicklungsprojekten (Schulen, Krankenhäuser, Verkehrswege) verwaltete sowie zahlreiche Gedichte, Kurzprosa, Theaterstücke, Essays und Übersetzungen verfasste. So schrieb er beispielsweise in einem Brief an eine seiner Nichten: »Hier (in Sahjadpur) fühle ich mehr inspiriert zu schreiben als anderswo.« Seine dortigen Wohnhäuser wurden späterhin zu Gedenkmuseen. In Bangladesch wird Tagore auch heute sehr verehrt, viel gelesen und seine Lieder werden gerne gesungen, siehe auch »Im babylonischen Süden der Lyrik« Folge 20.

Vor einhunderteins Jahren schrieb Tagore auf zwei Sommerreisen – Japan und USA – die poetische Sammlung »Stray Birds« (Streunende Vögel), die er sowohl in seiner Muttersprache Bangla als auch in seiner Parallelversion auf Englisch verfasste. Er veröffentlichte das Buch im Verlag The Macmillan Company, New York 1916, und widmete es dem befreundeten Seidenhändler und Kunstsammler Hara Tomitarō, besser bekannt als Sankei Hara aus Yokohama.

1913 wurde Tagore als erster asiatischer Nobelpreisträger für Literatur geehrt; seine Dankesrede hielt er acht Jahre später in Stockholm. Tagore war damals sowohl in Deutschland als auch in Spanien noch kaum bekannt. Der Verleger Kurt Wolff beauftragte Übersetzungen seiner Werke (u.a. wollte er Rilke dafür gewinnen, Tagore ins Deutsche zu übersetzen) und veröffentlichte sie alsbald in Deutschland. In Spanien hingegen verlief die Initiative umgekehrt: Die junge katalanisch-puertoricanische Autorin Zenobia Cambrubí Aymar übersetzte zu jener Zeit erste Gedichte aus seinem englischsprachigen Band »The Crescent Moon« (Der zunehmende Mond), der 1913 erschienen war, und zeigte sie dem andalusischen Dichter Juan Ramón Jiménez in Madrid, der sie dazu ermunterte, diesen Gedichtband vollständig zu übersetzen. Ihr Kennenlernen wurde zur Freundschaft. Ein Madrider Verlag war bald gefunden: Imprenta Clásica Española. Am 31. Juli 1915 erschien dort ihre spanische Tagore-Übertragung unter dem Titel »La luna nueva« und wurde ein großer Erfolg. Die Erstauflage war schnell vergriffen. Bereits im Oktober 1915 kam die zweite Auflage in Spanien heraus. Die freundschaftliche Beziehung sollte zur Liebe des Lebens werden. Am 2. März 1916 heirateten Juan Ramón und Zenobia in der St. Stephen Church in New York. Zenobia übersetzte als nächstes die eingangs erwähnte Sammlung mit mehr als 300 poetischen Aphorismen aus dem Englischen ins Spanische. (In den folgenden vier Jahrzehnten sollten weitere 26 Werke von Tagore in ihrer spanischen Übersetzung dazukommen.) Juan Ramón wirkte stets daran stilistisch mit. Als klangvollen Titel einigten sie sich hierbei auf „Pájaros perdidos« (Verirrte Vögel).

Aus beiden Fassungen (Englisch und Spanisch) habe ich dreiundzwanzig »Streunende Vögel« von Tagore bzw. »Thakur«, wie er auf Bangla eigentlich heißt, ausgewählt, ins Deutsche übersetzt und hier als babylonische Augustlektüre zusammengestellt. Die englische Parallelfassung des bengalischen Dichters folgt weiter unten. Einzelne Sommervögel kommen zum Fenstersims, singen und fliegen davon.
 

Rabindranath Tagore
DREIUNDZWANZIG »STREUNENDE VÖGEL«

2

Schar kleiner Weltenstreuner, hinterlasst eure Fußspuren in meinen Worten.

34

Das trockene Flussbett findet keinen Dank für sein Gestern.

35

Der Vogel wünscht sich, Wolke zu sein. Die Wolke, Vogel.

36

Der Wasserfall singt: »Ich finde mein Lied, wenn ich meine Freiheit finde.«

43

Der Fisch im Wasser ist stumm, das Tier auf der Erde geräuschvoll und der Vogel in der Luft ein Sänger,
aber in sich trägt der Mensch die Stille des Meeres, das Geräusch der Erde und die Musik der Luft.

57

Wir sind der Größe näher, wenn wir groß in Demut sind.

59

Fürchtet euch nie vor den Augenblicken, so singt die Stimme des Immerwährenden.

69

»Ich gebe freudig all mein Wasser«, singt der Wasserfall, »wenngleich ein wenig davon dem Durstigen genügt.«

71

Die Axt des Holzfällers bat den Baum um ihren Schaft.
Der Baum gab ihn.

76

Der Dichter Wind geht hinaus über das Meer und durch den Wald auf der Suche nach seiner eigenen Stimme.

77

Jedes Kind kommt mit der Botschaft, dass Gott vom Menschen noch nicht entmutigt ist.

95

Schweig still, mein Herz, diese großen Bäume sind Andachten.

103

Wurzeln sind die Zweige unter der Erde.
Zweige sind Wurzeln in der Luft.

133

Das Blatt, wenn es liebt, wird Blume.
Die Blume, wenn sie aufblickt, Frucht.

165

Gedanken ziehen in meinen Geist wie Entenscharen in den Himmel.
Ich höre die Stimme ihrer Flügel.

182

Ich bin wie der Weg in der Nacht und lausche den Schritten ihrer Erinnerung leise.

188

Dunkelheit wandert in das Licht hinein, doch Blindheit in den Tod.

204

Das Lied fühlt das Unendliche in der Luft, das Gemälde auf der Erde, das Gedicht in der Luft und auf der Erde;
denn seine Worte tragen Bedeutung, die schreitet, und Musik, die sich aufschwingt.

245

Das Lied des Vogels ist der Widerhall des Morgenlichts – zurück von der Erde.

279

Wir leben in dieser Welt, wenn wir sie lieben.

305

Gottes Stille lässt die Gedanken des Menschen zu Worten reifen.

306

Ewiger Wanderer, du wirst Spuren deiner Schritte quer durch meine Lieder finden!

326

Lass dies mein letztes Wort sein, dass ich deiner Liebe vertraue.
 

Rabindranath Tagore
STRAY BIRDS

2

O TROUPE of little vagrants of the world, leave your footprints in my words.

34

THE dry river-bed finds no thanks for its past.

35

THE bird wishes it were a cloud. The cloud wishes it were a bird.

36

THE waterfall sings, »I find my song, when I find my freedom.«

43

THE fish in the water is silent, the animal on the earth is noisy, the bird in the air is singing,
But Man has in him the silence of the sea, the noise of the earth and the music of the air.

57

WE come nearest to the great when we are great in humility.

59

NEVER be afraid of the moments–thus sings the voice of the everlasting.

69

»I GIVE my whole water in joy,« sings the waterfall, »though little of it is enough for the thirsty.«

71

THE woodcutter‘s axe begged for its handle from the tree.
The tree gave it.

76

THE poet wind is out over the sea and the forest to seek his own voice.

77

EVERY child comes with the message that God is not yet discouraged of man.

95

BE still, my heart, these great trees are prayers.

103

ROOTS are the branches down in the earth.
Branches are roots in the air.

133

THE leaf becomes flower when it loves.
The flower becomes fruit when it worships.

165

THOUGHTS pass in my mind like flocks of ducks in the sky.
I hear the voice of their wings.

182

I AM like the road in the night listening to the footfalls of its memories in silence.

188

DARKNESS travels towards light, but blindness towards death.

204

THE song feels the infinite in the air, the picture in the earth, the poem in the air and the earth;
For its words have meaning that walks and music that soars.

245

THE bird-song is the echo of the morning light back from the earth.

279

WE live in this world when we love it.

305

GOD‘s silence ripens man‘s thoughts into speech.

306

THOU wilt find, Eternal Traveller, marks of thy footsteps across my songs.

326

LET this be my last word, that I trust in thy love.
 

Im Umfeld von Tagore gab es natürlich auch andere herausragende Dichter wie Michael Madhusudan Dutta, Kazi Nazrul Islam oder Jibanananda Das, um nur wenige zu nennen, die allesamt außerhalb kaum bekannt wurden. Das lag zuallererst an fehlenden Übersetzungen, denn Bangladesch ist ein Land der Dichter und Denker.
 

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Tobias Burghardt. Foto: privat

Tobias Burghardt. Foto: privat

Tobias Burghardt (Jahrgang 1961) ist Lyriker, Übersetzer und Verleger der Stuttgarter Edition Delta (www.edition-delta.de). Er veröffentlichte mehrere Lyrikbände, darunter seine Fluss-Trilogie und zuletzt »Septembererde & August-Alphabet« (2010). Seine Gedichte wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und Einzeltitel erschienen in Argentinien, im Irak, in Japan, Portugal, Serbien, Schweden und Venezuela. Er ist Mitbegründer und Koordinator des »Babylon Festivals für Internationale Kulturen & Künste«, das seit 2012 jährlich in Babylon und Bagdad stattfindet. Mit seiner Frau Juana Burghardt überträgt er lateinamerikanische Lyrik, katalanische Poesie, lusophone Lyrik und spanische Poesie. Sie sind Herausgeber und Übersetzer der Werkreihe von Miquel Martí i Pol, aus der Pep Guardiola im Sommer 2015 im Literaturhaus München las, und seit Herbst 2014 der Stuttgarter Juarroz-Werkausgabe, dem wir das GEDICHT-Motto »Ein Gedicht rettet einen Tag« (Roberto Juarroz) verdanken. Im Frühjahr 2017 wurden beide für ihr jeweiliges poetisches Werk und ihr gemeinsames literarisches Engagement zwischen den Kulturen und Sprachen mit dem Internationalen KATHAK-Literaturpreis in der südasiatischen Metropole Dhaka, Bangladesch, ausgezeichnet. Tobias Burghardt war GEDICHT-Redakteur der ersten Stunde und organisierte immer wieder wunderbare Sonderteile mit lateinamerikanischer Poesie für unsere Zeitschrift DAS GEDICHT.
Alle bereits erschienenen Folgen von »Im babylonischen Süden der Lyrik« finden Sie hier.

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