Im babylonischen Süden der Lyrik – Folge 26: SEISMISCHES TRIPTYCHON: ›LAS RUINAS DE MÉXICO – DIE RUINEN VON MEXIKO‹ (JOSÉ EMILIO PACHECO)«

Tobias Burghardt flaniert jeweils am 5. eines Monats auf DAS GEDICHT blog durch die südlichen Gefilde der Weltpoesie. In der Rubrik »Im babylonischen Süden der Lyrik« werden Sprachgemarkungen überschritten und aktuelle Räume der poetischen Peripherien, die innovative Mittelpunkte bilden, vorgestellt.

 

Von bestürzender Aktualität ist der apokalyptische Zyklus »Las ruinas de México« (Die Ruinen von Mexiko), den der mexikanische Dichter José Emilio Pacheco (1939-2014) nach dem großen Erdbeben von Mexiko-Stadt 1985 schrieb und aus dem hier ein kleines Triptychon des Innehaltens folgt. Die aktuelle Katastrophe vom 19. September 2017, auf den Tag genau 32 Jahre später, beschreibt der mexikanische Dichter Homero Aridjis in seinem LRB blog »The Girl Who Wasn’t There«.

Angesichts der globalen Umwelt- bis Nuklearproblematik sind seit etlichen Jahren verstärkt auftretende Vulkantätigkeiten und Erd- sowie Seebeben zu verzeichnen – wie die verheerenden Katastrophen in Mexiko, Chile, Peru, Ecuador, Kolumbien, Haiti, bei den Salomonen, in der Türkei, in Samoa, Italien, Griechenland, Pakistan, im Iran, in Nepal, Marokko, im Kongo, in Neuseeland, China, Japan, Indonesien, Myanmar, an der US-Ostküste, in Süd- und Nordkorea et cetera perge perge. Als würde unser Planet vielleicht nicht grummeln und alsdann antworten?

Noch anders gesagt, in den präzisen Worten des mexikanischen Lyrikers, Essayisten und Literaturnobelpreisträgers Octavio Paz: »Die Gedichte von Jose Emilio Pacheco schreiben sich nicht in die Welt der Natur ein, sondern in die der Kultur, und innerhalb dieser in ihre Hälfte aus Schatten. Jedes seiner Gedichte ist eine Hommage an das Nein; für ihn ist die Zeit die treibende Kraft der universellen Zerstörung und die Geschichte eine Ruinenlandschaft. Pacheco rühmt den Sieg der Natur (des Regens) über die Kultur (die Stadt). Aber transfiguriert er sie nicht, während er sie rühmt, verwandelt er sie nicht in das Wort oder, wie er sagt, in ›schnelle Musik, Kontrapunkt von Wind und Wasser‹?« (»Vuelta«, Heft 29, April 1979)
 

José Emilio Pacheco
LAS RUINAS DE MÉXICO
(Elegía del retorno)

I
1

Absurda es la materia que se desploma,
la penetrada de vacío, la hueca.
No: la materia no se destruye,
la forma que le damos se pulveriza,
nuestras obras se hacen añicos.
 

II

10

Con qué facilidad en los poemas de antes hablábamos
del polvo, la ceniza, el desastre y la muerte.
Ahora que están aquí ya no hay palabras
capaces de expresar qué significan
el polvo, la ceniza, el desastre y la muerte.
 

V

12

Con piedras de las ruinas ¿vamos a hacer
otra ciudad, otro país, otra vida?
De otra manera seguirá el derrumbe.
 

José Emilio Pacheco
DIE RUINEN VON MEXIKO
(Elegie der Wiederkehr)

I

1

Sinnlos ist die Materie, die einstürzt,
die von der Leere durchdrungene, hohle.
Nein: die Materie wird nicht zerstört,
die Form, die wir ihr geben, wird Staub,
unsere Werke werden Schutt und Splitter.
 

II

10

Mit welcher Leichtigkeit sprachen wir in früheren Gedichten
vom Staub, von der Asche, der Katastrophe und dem Tod.
Da sie nun hier sind, gibt es keine Wörter mehr,
die ausdrücken könnten, was der Staub,
die Asche, die Katastrophe und der Tod bedeuten.
 

V

12

Werden wir mit den Steinen der Ruinen
eine andere Stadt, ein anderes Land, ein anderes Leben schaffen?
Anderenfalls wird der Zerfall weitergehen.
 

Übertragen von Juana & Tobias Burghardt
 

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Tobias Burghardt. Foto: privat

Tobias Burghardt. Foto: privat

Tobias Burghardt (Jahrgang 1961) ist Lyriker, Übersetzer und Verleger der Stuttgarter Edition Delta (www.edition-delta.de). Er veröffentlichte mehrere Lyrikbände, darunter seine Fluss-Trilogie und zuletzt »Septembererde & August-Alphabet« (2010). Seine Gedichte wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und Einzeltitel erschienen in Argentinien, im Irak, in Japan, Portugal, Serbien, Schweden und Venezuela. Er ist Mitbegründer und Koordinator des »Babylon Festivals für Internationale Kulturen & Künste«, das seit 2012 jährlich in Babylon und Bagdad stattfindet. Mit seiner Frau Juana Burghardt überträgt er lateinamerikanische Lyrik, katalanische Poesie, lusophone Lyrik und spanische Poesie. Sie sind Herausgeber und Übersetzer der Werkreihe von Miquel Martí i Pol, aus der Pep Guardiola im Sommer 2015 im Literaturhaus München las, und seit Herbst 2014 der Stuttgarter Juarroz-Werkausgabe, dem wir das GEDICHT-Motto »Ein Gedicht rettet einen Tag« (Roberto Juarroz) verdanken. Im Frühjahr 2017 wurden beide für ihr jeweiliges poetisches Werk und ihr gemeinsames literarisches Engagement zwischen den Kulturen und Sprachen mit dem Internationalen KATHAK-Literaturpreis in der südasiatischen Metropole Dhaka, Bangladesch, ausgezeichnet. Tobias Burghardt war GEDICHT-Redakteur der ersten Stunde und organisierte immer wieder wunderbare Sonderteile mit lateinamerikanischer Poesie für unsere Zeitschrift DAS GEDICHT.
Alle bereits erschienenen Folgen von »Im babylonischen Süden der Lyrik« finden Sie hier.

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