Im babylonischen Süden der Lyrik – Folge 34: »›#PORROCAYHUSSEIN‹: ADDENDA ZU ⴰⵙⴼⵉ ASFI 2018 (FOLGE 33) – FÜR JUAN MANUEL ROCA«

Tobias Burghardt flaniert jeweils am 5. eines Monats auf DAS GEDICHT blog durch die südlichen Gefilde der Weltpoesie. In der Rubrik »Im babylonischen Süden der Lyrik« werden Sprachgemarkungen überschritten und aktuelle Räume der poetischen Peripherien, die innovative Mittelpunkte bilden, vorgestellt.

 

Tobias Burghardt

MONOLOG DER FLUCHT IN DIE PHÖNIZISCHE GROTTE

für Juan Manuel Roca

Das Wasser schreibt in den Felsen
die Erinnerungen eines Auges, das nichts sieht,
sein Gedächtnis der Erde.
Alles bleibt weiter eins, allein wir
kommen und gehen wie die Wellen der Gezeiten
im Spiegel, der uns sein luftiges Antlitz zeigt,
das wir selbig sind.
Wir schauen so ungläubig wie vor tausend
blinden und unbekannten Jahren:
Hier steht es gezeichnet in Stein.
 

Meerseitiger Eingang in die phönizische Grotte bei Tanger, auch Höhle des Herkules (Herakles) genannt (Foto Tobias Burghardt)

Meerseitiger Eingang in die phönizische Grotte bei Tanger, auch Höhle des Herkules (Herakles) genannt (Foto Tobias Burghardt)


 

Tobias Burghardt

MONÓLOGO DE LA FUGA A LA GRUTA FENICIA

a Juan Manuel Roca

El agua inscribe en la roca
los recuerdos de un ojo que nada ve,
su memoria de la tierra.
Todo sigue siendo uno, sólo nosotros
vamos y venimos como las olas de la marea
en el espejo que nos enseña su airosa faz
que somos nosotros mismos.
Miramos tan incrédulos que hace mil
ciegos e ignotos años:
Aquí está trazado en piedra.
 

Innerhalb der phönizischen Grotte bei Tanger (Foto Tobias Burghardt)

Innerhalb der phönizischen Grotte bei Tanger (Foto Tobias Burghardt)


 

ADDENDA ZU ⴰⵙⴼⵉ ASFI 2018
#PorRocaYHussein

Am 3. April 2018 besuchten wir die phönizische Grotte bei Tanger, die mich unmittelbar ansprach und tief beeindruckte, mit den anderen Dichtern des VI. Internationalen Poesiefestivals von Safi, siehe auch »Im babylonischen Süden der Lyrik« Folge 33, darunter der kolumbianische Lyriker Juan Manuel Roca und der in Afrin gebürtige kurdische Exil-Dichter aus Bonn Hussein Habasch. Erste drei Verse entstanden noch in Tanger und ein wenig mehr als eine Woche darauf widmete ich Juan Manuel Roca das zweisprachige Gedicht »Monolog der Flucht in die phönizische Grotte« (Monólogo de la fuga a la gruta fenicia).

Genau einen Monat später, am 13. Mai 2018, veröffentlichte Juan Manuel Roca in der mexikanischen Zeitung »La Jornada Semanal« seine Eindrücke und Erlebnisse der Marokko-Reise im Frühling unter dem Titel »Marruecos: de paraísos y serpientes« (Marokko: von Paradiesen und Schlangen), in denen er u.a. über die lebensbedrohlichen und absurden Verleumdungen im Vorfeld der Festivalvorbereitungen zu Asfi berichtete, angeblich »von der FARC und dem Medellín-Kartell bezahlt« zu sein – seitens einer einschlägigen Literaturclique aus Sinaloa, die sich um Alí Calderón und Mario Bojórquez als »Círculo de Poesía« bezeichnet. Der Literaturskandal begann, hohe Wellen zu schlagen und weite Kreise zu ziehen.

Der mexikanische Dichter und Essayist José Ángel Leyva, der die internationale Poesiezeitschrift »LA OTRA« in Mexiko-Stadt herausgibt, versammelte allmählich bisherige und aktuelle Dokumente und Nachrichten zum Literaturskandal von Sinaloa.

Am 15. Mai 2018 gaben Víctor Rojas, Peter Nyberg, Magnus Grehn, Colm Ó Ciarnáin und Anette Höglund, die Organisatoren des »Internationell Poesifestival Jönköping län«, Schweden, bekannt, ihr »POESIFEST« im nächsten September zu Ehren des großen lateinamerikanischen Dichters Juan Manuel Roca zu veranstalten. Zu den eingeladenen Dichtern gehört u.a. der schwedische Lyriker und Übersetzer Lasse Söderberg, siehe auch »Im babylonischen Süden der Lyrik« Folge 12.
 

Poesifest 2018 Jönköping län (Foto Internationell Poesifestival Jönköping län, Schweden)

Poesifest 2018 Jönköping län (Foto Internationell Poesifestival Jönköping län, Schweden)


 

Am 17. Mai 2018 warnte Human Rights Memory, eine NGO aus Bogotá, vor jenen äußerst gefährlichen Anschuldigungen, die völlig haltlos sind und jeglicher Grundlage entbehren, zumal Juan Manuel Roca seit Jahrzehnten als kontinuierlicher Kritiker der darüber hinaus gegenseitig verfeindeten kolumbianischen Gruppierungen – einerseits die Guerilla, andererseits das Drogenkartell – bekannt ist und geschätzt wird. Weitere Verunglimpfungen, die gerade auch in Sinaloa lebensgefährlich sind, wurden zudem gegen Hussein Habasch geäußert. Geradezu rüpelhaft, prahlerisch und völlig uneinsichtig wiederholten Mario Bojórquez am 17. Mai 2018 und Alí Calderón am 21. Mai 2018 ihre bodenlosen, bedrohlichen und hasserfüllten Anschuldigungen gegen beide auf ihrer weitreichenden »Círculo de Poesía«-Webseite und über Twitter.

Am 19. Mai 2018 erläuterte Carlos Aguasaco, der kolumbianische Dichter und Literaturprofessor der City University of New York, in seinem Live-Video »Poesía y circunstancias extraliterarias: el caso de Juan Manuel Roca« (Poesie und außerliterarische Umstände: der Fall Juan Manuel Roca) die wesentliche Punkte des internationalen Literaturskandals von Sinaloa.

Der marokkanische Dichter und Übersetzer Khalid Raissouni resümierte am Abend des 19. Mai 2018 die konfliktiven Zusammenhänge aus der Sicht der Festivalorganisation von Safi und verwahrte sich gegen jede Form der böswilligen Schädigung des guten Rufes und Ansehens des geehrten Dichters Juan Manuel Roca und der rassistischen Beschimpfungen gegenüber Hussein Habasch.

Am 22. Mai 2018 folgte das solidarische Statement des marokkanischen Dichters und Festivalleiters Abdelhaq Mifrani im Namen der Stiftung für Kultur und Kunst »Al-Kalima« (arabisch: Das Wort) aus Marrakesch zur Verteidigung der Poesie und ihrer Werte, der vor deren »gang poetry conflicts« nachdrücklich warnt.

In der knappen Zwischenzeit zogen mehrere lateinamerikanische Autorinnen und Autoren die Abdruckgenehmigung ihrer Texte bei »Círculo de Poesía« umgehend zurück – aus Solidarität mit den diffamierten Kollegen und als klare Ablehnung gegen den ehrlosen, unethischen und verleumderischen Umgangston mit renommierten Dichtern wie Juan Manuel Roca und Hussein Habasch.

Am 24. Mai 2018 starteten wir als ihre Dichterfreunde sowie Übersetzer und deutsche Verleger von Juan Manuel Roca eine weltweite Petition auf der Internet-Plattform »change.org« aus San Francisco, in welcher der Redaktionsbeirat des »Círculo de Poesía« mit seinen assoziierten Verlagen Ediciones Valparaíso (USA, Mexiko, Mittelamerika, Kolumbien und Spanien) und Editorial Visor Libros (Madrid) um kollegiale Stellungnahmen gebeten sowie die beiden genannten Hauptverantwortlichen – Alí Calderón und Mario Bojórquez – dazu aufgefordert werden, ihre ungeheuerlichen, letalen und ehrverletzenden Verleumdungen gegen Juan Manuel Roca und Hussein Habasch öffentlich sichtbar und dauerhaft zurückzunehmen, um noch weiteren Schaden womöglich abzuwenden.

Die Petition des Stuttgarter Literaturverlages Edition Delta » Petición de retractación pública en favor de los poetas Juan Manuel Roca y Hussein Habasch« ist mit den Hashtags #PorRocaYHussein #PorLaPoesía #LeamosARoca #LeamosAHusseinHabasch versehen und hat in den ersten drei Tagen mehr als 750 UnterstützerInnen aus 35 Ländern der fünf Kontinente erreicht.

Am 2. Juni 2018 fand eine vielbeachtete Marathonlesung zu Ehren von Juan Manuel Roca und Hussein Habasch statt.

Ausnahmsweise möchte ich an dieser Stelle alle sehr herzlich dazu einladen, sich dieser nicht nur für Lateinamerika und Spanien wichtigen Petition zum Schutz des Lebens, der Würde und Integrität der Dichter Juan Manuel Roca und Hussein Habasch sowie der Poesie an sich allüberall anzuschließen.
 

Juan Manuel Roca (Foto: José Ángel Leyva)

Juan Manuel Roca (Foto: José Ángel Leyva)

Die Petition »Petición de retractación pública en favor de los poetas Juan Manuel Roca y Hussein Habasch« der Edition Delta lesen und unterschreiben

 

Tobias Burghardt. Foto: privat

Tobias Burghardt. Foto: privat

Tobias Burghardt (Jahrgang 1961) ist Lyriker, Übersetzer und Verleger der Stuttgarter Edition Delta (www.edition-delta.de). Er veröffentlichte mehrere Lyrikbände, darunter seine Fluss-Trilogie sowie »Septembererde & August-Alphabet«. Im Februar erschien seine Werkauswahl »Mitlesebuch 117« (Aphaia Verlag, Berlin/München 2018). Seine Gedichte wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und Einzeltitel erschienen in Argentinien, im Irak, in Japan, Portugal, Serbien, Schweden und Venezuela. Er ist Mitbegründer und Koordinator des »Babylon Festivals für Internationale Kulturen & Künste«, das seit 2012 jährlich in Babylon und Bagdad stattfindet. Mit seiner Frau Juana Burghardt überträgt er lateinamerikanische Lyrik, katalanische Poesie, lusophone Lyrik und spanische Poesie. Sie sind Herausgeber und Übersetzer der Werkreihe von Miquel Martí i Pol, aus der Pep Guardiola im Sommer 2015 im Literaturhaus München las, und seit Herbst 2014 der Stuttgarter Juarroz-Werkausgabe, dem wir das GEDICHT-Motto »Ein Gedicht rettet einen Tag« (Roberto Juarroz) verdanken. Im Frühjahr 2017 wurden beide für ihr jeweiliges poetisches Werk und ihr gemeinsames literarisches Engagement zwischen den Kulturen und Sprachen mit dem Internationalen KATHAK-Literaturpreis in der südasiatischen Metropole Dhaka, Bangladesch, ausgezeichnet. Tobias Burghardt war GEDICHT-Redakteur der ersten Stunde und organisierte immer wieder wunderbare Sonderteile mit lateinamerikanischer Poesie für unsere Zeitschrift DAS GEDICHT.
Alle bereits erschienenen Folgen von »Im babylonischen Süden der Lyrik« finden Sie hier.

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