Im babylonischen Süden der Lyrik – Folge 36: »JETZIGE SEPHARDISCHE POESIE – EIN VERSCHOLLENES GEDICHT VON CLARISSE NICOÏDSKI (1938–1996) ZU IHREM 80. GEBURTSTAG: ›REMEMBERING‹ – ›RECORDANDO‹ – ›ERINNERND‹«

Tobias Burghardt flaniert jeweils am 5. eines Monats auf DAS GEDICHT blog durch die südlichen Gefilde der Weltpoesie. In der Rubrik »Im babylonischen Süden der Lyrik« werden Sprachgemarkungen überschritten und aktuelle Räume der poetischen Peripherien, die innovative Mittelpunkte bilden, vorgestellt.

Am 9. August 2018 ist der 80 Geburtstag der sephardischen Dichterin Clarisse Nicoïdski (1938–1996), die als französische Romanschriftstellerin und Essayistin weithin bekannt wurde. Sie verfasste allein ihre Gedichte auf Sephardisch als Kaddisch für ihre verstorbene Mutter und die verlorene Kindheitssprache. Denn jedesmalig, wenn sie ein Buch auf Französisch beendete, schrieb sie Verse und Lieder in »unserem Spanisch« (muestru spaniol), damit die mütterliche Stimme erhalten bleibe und der Tod ihrer Mutter nicht zum Verstummen der »lebendigen« Sprache beitrage, die, wie sie selbst einmal vermerkte, »wie ein angeschwollener Fluss immerzu strömte«.

 

Clarisse Nicoïdski

a la maniana dil lugar
si caminarun lus dispartus
déxami tu boz
dami la culor dil tiempu
para
trucar lus ojus
para pasar cerca dil ríu
vieni il sol
si va un airi di luvia
cargada
comu un velu di ricordus
abáxati
toma la yerva in tus manus
estu es lu pasadu

 

Clarisse Nicoïdski

am Morgen des Ortes
gingen die Erwachten
lass mir deine Stimme
gib mir die Farbe der Zeit
um
die Augen zu tauschen
um nah am Fluss entlangzugehen
die Sonne kommt
Regenluft entfernt sich
beladen
wie ein Schleier aus Erinnerungen
bück dich
nimm das Gras in die Hand
das ist das Vergangene

Übertragen von Juana & Tobias Burghardt

 

Die sephardische Poesietradition geht auf das Sepharad (biblische und hebräische Bezeichnung für die Iberische Halbinsel bzw. Spanien) zurück. Mit der Vertreibung der Juden von der Iberischen Halbinsel (1492 und 1513) gelangte die sephardische Sprache, die auch Ladino, Djudezmo, Djidio, Djudeo Espanyol, Judenspanisch, Spaniolit, Spaniolisch, Espanyolico, Hakitía oder Tetuani genannt wird, in weitere Weltregionen der Diaspora und nahm mancherlei Einflüsse anderer Sprachen in ihren altspanischen (kastilischen) und leicht hebräisch gewürzten Wortschatz auf. Das sephardische Kulturerbe der jüdischen Vorfahren von Clarisse Nicoïdski lebte mehr als vier Jahrhunderte in Sarajevo fort. Familiär an sie weitergereicht wurde es sowohl väterlicherseits als auch seitens ihrer Mutter, die zwar in Norditalien aufwuchs, doch deren Vorfahren ebenfalls aus Sarajevo stammten.

Zwischen 1954 und 1959 lernte die Familie den Maghreb kennen und lebte in Marokko, einem uralten Fluchtpunkt der Sepharden. Die Kinder Clarisse und Jacques Abinoun, der später Maler werden sollte, besuchten die Schule in Casablanca. In ihrem Elternhaus wurde die Sprache der Familie, der Verstecke, der Geheimnisse und der Schrecken, das Sephardische – muestru spaniol – gesprochen und gesungen, aber auch Italienisch, Serbokroatisch, ein wenig Deutsch und Französisch.

Als Vierzigjährige veröffentlichte Clarisse Nicoïdski vor vierzig Jahren ihre erste sephardische Gedichtsammlung »LUS OJUS LAS MANUS LA BOCA – EYES HANDS MOUTH« (DIE AUGEN DIE HÄNDE DER MUND; mit englischen Übersetzungen von Kevin Power, erschienen im französischen Verlag Baard Editions, Loubressac Bretonoux Lot France 1978).

Ein zweiter Band mit dem Titel »CAMINUS DI PALAVRAS« (WEGE DER WÖRTER) sollte im spanischen Verlag Editora Nacional folgen, aus dem einige Gedichte, zunächst nummeriert von I bis XIX, in der Winterausgabe 1980/1981 der renommierten Zeitschrift »poesía« (No. 10, Ministerio de Cultura, Madrid) vorabgedruckt wurden. Dazu gehört auch das obige Gedicht »a la maniana dil lugar« (Am Morgen des Ortes); die Zeitschrift wurde jedoch Jahre später eingestellt, und das vollständige Manuskript von Clarisse Nicoïdski gilt seither als verschollen.

Die argentinisch-jüdische Sängerin Dina Rot vertonte kongenial den Liederzyklus »UNA MANU TUMÓ L‘OTRA« (EINE HAND NAHM DIE ANDERE; Colección LCD 9, El Europeo, Madrid 1997/1999/2006), der eine Auswahl der sephardischen Gedichte von Clarisse Nicoïdski enthält, deren Nachname dabei manchmal in südosteuropäischer Schreibweise als »Nicoidsky« oder »Nikoidsky« verzeichnet wurde, sowie Gedichte von Juan Gelman. Gemeinsam gehören die Werke der beiden zu den wesentlichen und unentbehrlichen Grundpfeilern jetziger sephardischer Poesie (siehe auch »Im babylonischen Süden der Lyrik« Folge 28).
 

Die sephardische Dichterin Clarisse Nicoïdski (Foto: Delta-Archiv, Stuttgart)
Die sephardische Dichterin Clarisse Nicoïdski (Foto: Delta-Archiv, Stuttgart)

 
Eine Auswahl des ersten Bandes sowie unveröffentlichte Gedichte aus dem ganzen Manuskript »CAMINUS DI PALAVRAS« hatte sie Ende der 1970er Jahre auch dem amerikanisch-jüdischen Lyriker und Übersetzer Stephen Levy nach New York geschickt, der vierzehn Gedichte aus ihren beiden Werkzyklen für die weltweite Anthologie »VOICES WITHIN THE ARK. The Modern Jewish Poets« (Avon Books, New York 1980), herausgegeben von Howard Schwartz und Anthony Rudolf, ins Englische übersetzte. Darunter befinden sich aus jenem seinerzeit verschwundenen Manuskript drei Gedichte, von denen wiederum eins der argentinisch-jüdische Lyriker und Übersetzer Eliahu Toker (1934 – 2010) für seine großartige Anthologie »Panorama de la poesía judía contemporánea« (Mila Editor, Raíces – Biblioteca de cultura judía, Amia, Buenos Aires 1989) ins Spanische übersetzte.

Das folgende Gedicht – »remebering« – »recordando« – »erinnernd« – gehört zu jenen drei im sephardischen Original unveröffentlichten und bisher für gänzlich verloren gehaltenen Texten aus ihrem einstmalig vollständigen Manuskript »CAMINUS DI PALAVRAS« (WEGE DER WÖRTER).

 

Clarisse Nicoïdski

remembering
your face moves goes
around
my eyes
leaves the written line
of your kisses
the breath of a mouth
or
the road of life
around
my memories

Translated by Stephen Levy

 

Clarisse Nicoïdski

recordando
tu rostro muda anda
alrededor
de mis ojos
abandona la línea escrita
de tus besos
el aliento de una boca
o
el sendero de vida
alrededor
de mis recuerdos

Traducido por Eliahu Toker

 

Clarisse Nicoïdski

erinnernd
bewegt sich dein Gesicht wandelt
im Umkreis
meiner Augen
verlässt die geschriebene Zeile
deiner Küsse
den Hauch eines Mundes
oder
den Pfad des Lebens
im Umkreis
meiner Erinnerungen

Übertragen von Juana & Tobias Burghardt

 

Der belgische Linguist Haïm Vidal Sephiha, der lange Jahre im Bereich der Sephardistik an der Universität Paris III Sorbonne Nouvelle forschte und lehrte, hat gerade in ihrer poetischen Stimme, »der Sprache ihres Herzens«, eine »Renaissance des Sephardischen durch die Literatur« erblickt.

Der mexikanische Historiker, Essayist und Kritiker Enrique Krauze hob ihre Bedeutung noch zu ihren Lebzeiten wie folgt hervor: »Clarisse Nicoïdski ist die wichtigste sephardische Dichterin des 20. Jahrhunderts.«

Der spanische Lyriker, Übersetzer und Literaturkritiker Andrés Sánchez Robayna stellte ihre Gedichte mit seinen Mitherausgebern José Ángel Valente, Blanca Varela und Eduardo Milán folgerichtig und unverzichtbar in der spanischsprachigen Lyrik-Anthologie der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts »Las ínsulas extrañas. Antología de la poesía en lengua española (1950-2000)« (Die fremden Inseln; Galaxia Gutenberg, Barcelona 2002) vor und schrieb über ihr außergewöhnliches Werk, das sowohl nah als auch fern zum heutigen Spanischen steht, weil es die innewohnende kulturelle Vergangenheit lyrisch aktualisiert:

 

La poesía de Clarisse Nicoïdski hunde sus raíces en la memoria de nuestra lengua. Poesía de la raíz temblorosa, del recuerdo al mismo tiempo perdido y recobrado, del amor, del olvido  que, misteriosamente, se vuelve presente y presencia.

Andrés Sánchez Robayna

 

Die Poesie von Clarisse Nicoïdski taucht ihre Wurzeln in das Gedächtnis unserer Sprache. Poesie der zitternden Wurzel, der zugleich verlorenen und wiedergewonnenen Erinnerung, der Liebe, des Vergessens, das auf geheimnisvolle Weise Gegenwart und Anwesenheit wird.

Andrés Sánchez Robayna

 

Die Poesie von Clarisse Nicoïdski ist ein Schlüsselwerk der gegenwärtigen sephardischen Poesie, einer großen Poesie der vielfältigen Verwaisung, der mehrfachen Diaspora und des Exils an sich.

Das sephardische Werk von Clarisse Nicoïdski so weit wie möglich ausfindig zu machen und erstmals ins Deutsche zu übertragen, war gleichsam eine poetische Notwendigkeit. Zu ihrem 80. Geburtstag liegt das Ergebnis der Bemühungen hier nun vor.

Die frühesten Vorabdrucke daraus sind in den Schlusskapiteln meiner Lyrikbände »Flussufer« (2001) und »Flussinseln und andere Gemarkungen« (2005; beide erschienen in der Edition 350 im Verlag der Kooperative Dürnau, Oberschwaben), sowie in der von Karl-Markus Gauß edierten Zeitschrift »Literatur und Kritik« (Otto Müller Verlag, Salzburg), in der Jüdischen Allgemeinen Wochenzeitung (Berlin) und in der Neuen Zürcher Zeitung erschienen.

Ihre Gedichte berühren und bleiben.

 

 

 

»LUS OJUS  LAS MANUS  LA BOCA  &  CAMINUS DI PALAVRAS – DIE AUGEN  DIE HÄNDE  DER MUND  &  WEGE DER WÖRTER« von Clarisse Nicoïdski bei Edition Delta kaufen

 

 

Tobias Burghardt. Foto: privat
Tobias Burghardt. Foto: privat

Tobias Burghardt (Jahrgang 1961) ist Lyriker, Übersetzer und Verleger der Stuttgarter Edition Delta (www.edition-delta.de). Er veröffentlichte mehrere Lyrikbände, darunter seine Fluss-Trilogie sowie »Septembererde & August-Alphabet«. Im Februar erschien seine Werkauswahl »Mitlesebuch 117« (Aphaia Verlag, Berlin/München 2018). Seine Gedichte wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und Einzeltitel erschienen in Argentinien, im Irak, in Japan, Portugal, Serbien, Schweden und Venezuela. Er ist Mitbegründer und Koordinator des »Babylon Festivals für Internationale Kulturen & Künste«, das seit 2012 jährlich in Babylon und Bagdad stattfindet. Mit seiner Frau Juana Burghardt überträgt er lateinamerikanische Lyrik, katalanische Poesie, lusophone Lyrik und spanische Poesie. Sie sind Herausgeber und Übersetzer der Werkreihe von Miquel Martí i Pol, aus der Pep Guardiola im Sommer 2015 im Literaturhaus München las, und seit Herbst 2014 der Stuttgarter Juarroz-Werkausgabe, dem wir das GEDICHT-Motto »Ein Gedicht rettet einen Tag« (Roberto Juarroz) verdanken. Im Frühjahr 2017 wurden beide für ihr jeweiliges poetisches Werk und ihr gemeinsames literarisches Engagement zwischen den Kulturen und Sprachen mit dem Internationalen KATHAK-Literaturpreis in der südasiatischen Metropole Dhaka, Bangladesch, ausgezeichnet. Tobias Burghardt war GEDICHT-Redakteur der ersten Stunde und organisierte immer wieder wunderbare Sonderteile mit lateinamerikanischer Poesie für unsere Zeitschrift DAS GEDICHT.
Alle bereits erschienenen Folgen von »Im babylonischen Süden der Lyrik« finden Sie hier.

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