Im babylonischen Süden der Lyrik – Folge 4: »SÄTZE AM STRASSENRAND: AVES DE PASO – ZUGVÖGEL (JOSÉ EMILIO PACHECO)«

Tobias Burghardt flaniert jeweils am 5. eines Monats auf DAS GEDICHT blog durch die südlichen Gefilde der Weltpoesie. In der Rubrik »Im babylonischen Süden der Lyrik« werden Sprachgemarkungen überschritten und aktuelle Räume der poetischen Peripherien, die innovative Mittelpunkte bilden, vorgestellt.

 

Vorgestern kam er in den Lärm, die Stadt, das Gedränge. Unverhofft treffen wir ihn heute. Er sitzt am Boden, trägt Hut und Hornbrille, einen weißen Schnäuzer mit gepflegtem Stoppelbart, einen Pullover aus dunkelbrauner Schafswolle, eine olivgrüne Filzhose und gefütterte Trappermokassins aus nur einem Lederstück. Er ist kein Steinzeitmensch, hat keine Blindenbinde, keinen Stock am Arm, verkauft auch keine Streichhölzer, ist weder ein Stadtindianer noch ein Komparse der nostalgischen Mittelaltermärkte. Doch ein komischer Kauz ist der Landstreicher allemal, was aber nicht an seinem allzu menschlichen Knoblauchatem oder seiner sonoren Stimme liegt: »Die Töne müssen stimmen! Prüfen Sie selbst, ob die Töne stimmen, die Wörter!«

Für »eine milde Gabe« bietet er einige Wörter an, Sätze seiner Lebensphilosophie als rarer Vogel, ein echtes Naturreich der Poesie: »Hast du etwas im Auge, sieht dein Auge nicht klar.« Oder kafkaesk: »Hast du alles verloren, kommt die Welt zu dir.« Und: »Aus deinen Augen blicken Vogel und Reh.« Oder nach Hesse: »Du bist tausendmal gestorben.«

Aufgebrochen ist er vor mehr als einem halben Jahrhundert in der einstigen Ruinen- und Trümmerlandschaft. Und seit einigen Jahren trifft er immer häufiger und vermehrt auf die nachgeborenen, wenngleich weniger poetischen Kumpane am Wegesrand. Aber morgen zieht auch er schon wieder weiter: Richtung Süden – wie ein nächster Zugvogel der Melancholie.

In mexikanischen Versen des anderen, fernen, ihm gewiss unbekannten Dichters José Emilio Pacheco, dem bedeutendsten spanischsprachigen Lyriker seiner Generation, heißt es:
 

AVES DE PASO

El tiempo no pasó:
aquí está.
Pasamos nosotros.
Sólo nosotros somos el pasado.
Aves de paso que pasaron
y ahora,
poco a poco,
se mueren.
 

ZUGVÖGEL

Die Zeit zog nicht vorüber:
sie ist hier.
Wir gehen vorüber.
Nur wir sind die Vergangenheit.
Zugvögel, die vorüberzogen
und nun
allmählich
sterben.
 

Ins Deutsche übersetzt von Juana und Tobias Burghardt
 

Woher wir Luftschiffer und Wegelagerer kommen, sei eigentlich nicht wichtig, wie er am Straßenrand sagt. Wohin du gehst, weiß niemand, auch er nicht. Wo er jetzt wohl sein wird, das darf man vielleicht doch ein wenig genauer erfahren: Er ist stets unterwegs – zwischen Städten, jenen Zeilen und Häuserfluchten – in namenlos gewordenen Stimmen von der Vergänglichkeit.

José Emilio Pacheco beim Internationalen Poesiefestival im venezolanischen Valencia, das von der Lyrikzeitschrift „POESÍA“ und der Universität Carabobo organisiert wird. (Foto: Enrique Hernández-D’Jesús)

José Emilio Pacheco beim Internationalen Poesiefestival im venezolanischen Valencia, das von der Lyrikzeitschrift „POESÍA“ und der Universität Carabobo organisiert wird. (Foto: Enrique Hernández-D’Jesús)

José Emilio Pacheco – Portrait mit der Handschrift des mexikanischen Dichters (»Sólo nosotros somos el pasado.« – Nur wir sind die Vergangenheit.). (Foto: Enrique Hernández-D’Jesús)

José Emilio Pacheco – Portrait mit der Handschrift des mexikanischen Dichters (»Sólo nosotros somos el pasado.« – Nur wir sind die Vergangenheit.). (Foto: Enrique Hernández-D’Jesús)


 

José Emilio Pacheco

INMORTALIDAD DEL CANGREJO

– ¿En qué piensas?
– En nada, en la inmortalidad del cangrejo.
Anónimo: Los mexicanos pintados por sí mismos

Y de inmortalidades sólo creo
en la tuya, cangrejo amigo.
Te aplastan, te echan en agua hirviendo,
inundan tu casa.
Pero la represión y la tortura
de nada sirven, de nada.

No tú, cangrejo ínfimo,
caparazón mortal de tu individuo, ser transitorio,
carne fugaz que en nuestros dientes se quiebra;
no tú sino tu especie eterna: los otros:
el cangrejo inmortal
toma la playa.
 

UNSTERBLICHKEIT DES KREBSES

– Woran denkst du?
– An nichts, an die Unsterblichkeit des Krebses.
Anonym: Die Mexikaner, gemalt von Mexikanern

Und bei Unsterblichkeiten glaube ich allein
an deine, Freund Krebs.
Sie zerdrücken dich, werfen dich in kochendes Wasser,
überschwemmen dein Haus.
Aber Unterdrückung und Folter
führen zu nichts, zu nichts.

Nicht du, geringster Krebs,
sterblicher Panzer deiner Eigenart, vergängliches Wesen,
flüchtiges Fleisch, das an unseren Zähnen zerbricht;
nicht du, sondern deine ewige Gattung: die anderen:
der unsterbliche Krebs
nimmt den Strand ein.
 

Ins Deutsche übersetzt von Juana und Tobias Burghardt

Im poetischen Werk von José Emilio Pacheco (1939-2014) lassen sich zahlreiche weitere Tiergedichte finden, die in einem »Álbum de Zoología« (»Album der Zoologie«) versammelt worden sind, geordnet nach den vier Elemente – Wasser, Luft, Erde und Feuer – sowie illustriert vom mexikanischen Maler Francisco Toledo.

José Emilio Pacheco: »FRÜHER ODER SPÄTER – TARDE O TEMPRANO« José Emilio Pacheco
FRÜHER ODER SPÄTER – TARDE O TEMPRANO

Gedichte, zweisprachig: Spanisch – Deutsch. Poemas 1964-2000. Umschlaggestaltung von Juana Burghardt. Herausgegeben und übertragen von Juana und Tobias Burghardt. Fotoessay von Enrique Hernández-D’Jesús. Nachwort von Tobias Burghardt.
Edition Delta, Stuttgart 2011
Softcover, 235 S.
€ 17,50 (D)

»FRÜHER ODER SPÄTER – TARDE O TEMPRANO« bei Edition Delta kaufen

 

Tobias Burghardt. Foto: privat

Tobias Burghardt. Foto: privat

Tobias Burghardt (Jahrgang 1961) ist Lyriker, Übersetzer und Verleger der Stuttgarter Edition Delta (www.edition-delta.de). Er veröffentlichte mehrere Lyrikbände, darunter seine Fluss-Trilogie und zuletzt »Septembererde & August-Alphabet« (2010). Seine Gedichte wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und Einzeltitel erschienen in Argentinien, im Irak, in Japan, Portugal, Serbien, Schweden und Venezuela. Er ist Mitbegründer und Koordinator des »Babylon Festivals für Internationale Kulturen & Künste«, das seit 2012 jährlich in Babylon und Bagdad stattfindet. Mit seiner Frau Juana Burghardt überträgt er lateinamerikanische Lyrik, katalanische Poesie, lusophone Lyrik und spanische Poesie. Sie sind Herausgeber und Übersetzer der Werkreihe von Miquel Martí i Pol, aus der Pep Guardiola im Sommer 2015 im Literaturhaus München las, und seit Herbst 2014 der Stuttgarter Juarroz-Werkausgabe, dem wir das GEDICHT-Motto »Ein Gedicht rettet einen Tag« (Roberto Juarroz) verdanken. Tobias Burghardt war GEDICHT-Redakteur der ersten Stunde und organisierte immer wieder wunderbare Sonderteile mit lateinamerikanischer Poesie für unsere Zeitschrift DAS GEDICHT.
Alle bereits erschienenen Folgen von »Im babylonischen Süden der Lyrik« finden Sie hier.

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