Im babylonischen Süden der Lyrik – FOLGE 59: »›OBSERVACIONES – BEOBACHTUNGEN‹ VON JOSÉ EMILIO PACHECO (MEXIKO)«

Tobias Burghardt flaniert jeweils am 5. eines Monats auf DAS GEDICHT blog durch die südlichen Gefilde der Weltpoesie. In der Rubrik »Im babylonischen Süden der Lyrik« werden Sprachgemarkungen überschritten und aktuelle Räume der poetischen Peripherien, die innovative Mittelpunkte bilden, vorgestellt.

 

Gestern pflückte ich Kirschen bei Lal, meinem sri-lankischen Freund in der Nachbarschaft, dessen Muttersprache Singhalesisch ist. Ich musste schon über eine Woche vorher an ihn denken, als ich einem südindischen Dichter, der auf Tamil schreibt, das in seinem Geburtsland Sri Lanka auch gesprochen wird, bei einer Online-Lesung via Livestream zum Sonnenstillstand zuhörte.

Am Tag zuvor war der 81. Geburtstag des mexikanischen Dichters José Emilio Pacheco, der gerne die Wichtigkeit des leisen oder inneren Lesens von Gedichten für den Lesenden als eigentlichen Sinn der Poesie an sich hervorhob.

 

Der mexikanische Dichter José Emilio Pacheco

Der mexikanische Dichter José Emilio Pacheco (Foto: Enrique Hernández-D’Jesús, Caracas)

 

In seinen »Beobachtungen« (»Observaciones«) findet sich folgendes Gedicht:

 

José Emilio Pacheco

Si leo mis poemas en público
le quito su único sentido a la poesía:
hacer que mis palabras sean tu voz,
por un instante al menos.

 

José Emilio Pacheco

Wenn ich meine Gedichte vor Publikum lese,
nehme ich der Poesie ihren einzigen Sinn:
dass meine Worte deine Stimme werden,
zumindest für einen Augenblick.

 

Übersetzt von Juana & Tobias Burghardt

 

Morgen pflücken wir erneut Kirschen bei Lal, dem ich bereits am Telefon und unterm Kirschenbaum sagte, dass ich mich sehr darüber gefreut habe und weiterhin freue, seine Stimme nach etlichen Monaten wiederzuhören.

Den Kirschbaum hatte Lal vor drei Jahrzehnten hier gepflanzt. Ein Feigenbaum kam dann irgendwann noch hinzu. Jetzt träumt er von einer solarbetriebenen Plantage mit Mango- und Papayabäumen – im nächsten Leben.

 

"Früher oder später" von José Emilio Pacheco

Buchcover-Abbildung (Edition Delta)

 

 

 

 

»TARDE O TEMPRANO – FRÜHER ODER SPÄTER« von José Emilio Pacheco bei Edition Delta

 

 

 

 

 

Tobias Burghardt. Foto: privat

Tobias Burghardt. Foto: privat

Tobias Burghardt (Jahrgang 1961) ist Lyriker, Übersetzer und Verleger der Stuttgarter Edition Delta (www.edition-delta.de). Er veröffentlichte mehrere Lyrikbände, darunter seine Fluss-Trilogie sowie »Septembererde & August-Alphabet«. Zuletzt erschien seine Werkauswahl »Mitlesebuch 117« (Aphaia Verlag, Berlin/München 2018) und sein aktueller Gedichtband »Die Elemente der See«. Seine Gedichte wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und Einzeltitel erschienen in Argentinien, im Irak, in Japan, Kolumbien, Portugal, Serbien, Schweden, Uruguay und Venezuela. Er ist Mitbegründer und Koordinator des »Babylon Festivals für Internationale Kulturen & Künste«, das seit 2012 jährlich in Babylon und Bagdad stattfindet. Mit seiner Frau Juana Burghardt überträgt er lateinamerikanische Lyrik, katalanische Poesie, lusophone Lyrik und spanische Poesie. Sie sind Herausgeber und Übersetzer der Werkreihe von Miquel Martí i Pol, aus der Pep Guardiola im Sommer 2015 im Literaturhaus München las, und seit Herbst 2014 der Stuttgarter Juarroz-Werkausgabe, dem wir das GEDICHT-Motto »Ein Gedicht rettet einen Tag« (Roberto Juarroz) verdanken. Im Frühjahr 2017 wurden beide für ihr jeweiliges poetisches Werk und ihr gemeinsames literarisches Engagement zwischen den Kulturen und Sprachen mit dem Internationalen KATHAK-Literaturpreis in der südasiatischen Metropole Dhaka, Bangladesch, ausgezeichnet. Tobias Burghardt war GEDICHT-Redakteur der ersten Stunde und organisierte immer wieder wunderbare Sonderteile mit lateinamerikanischer Poesie für unsere Zeitschrift DAS GEDICHT.
Alle bereits erschienenen Folgen von »Im babylonischen Süden der Lyrik« finden Sie hier.

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