Im babylonischen Süden der Lyrik – FOLGE 63: »QUELL DER ›HAMÂSA‹ – ABŪ TAMMĀM IN HAMEDĀN«

Tobias Burghardt flaniert jeweils am 5. eines Monats auf DAS GEDICHT blog durch die südlichen Gefilde der Weltpoesie. In der Rubrik »Im babylonischen Süden der Lyrik« werden Sprachgemarkungen überschritten und aktuelle Räume der poetischen Peripherien, die innovative Mittelpunkte bilden, vorgestellt.

 

1835 begründete der schwäbische Kaufmann und Kunsthändler Samuel Gottlieb Liesching die gleichnamige Verlagsbuchhandlung in der Stuttgarter Marienstraße. Dort erschien 1846 die Erstausgabe der von Friedrich Rückert ins Deutsche übertragenen altarabischen Anthologie »Hamâsa« aus dem 9. Jahrhundert. Dabei handelt es sich um eins der berühmtesten Werke der arabischen Literatur, genauer gesagt um den ersten Diwan arabischer Poesie, den der abbasidische Dichter Abū Tammām (788-845) während seines unfreiwilligen Aufenthaltes in Hamedān, wahrscheinlich der ältesten persischen Stadt, dank der exzellenten Büchersammlung seines Gastgebers ersonnen und allmählich zusammengestellt hat. Ein massiver Wintereinbruch blockierte über mehrere Monate seine Weiterreise von Khorasan nach Bagdad. Abū Tammām schrieb in jener Zeit der Entstehung der allerersten »Hamâsa«, der seither unzählige nachfolgen sollten, zudem weitere eigene feinsinnige Gedichte, siehe auch »Im babylonischen Süden der Lyrik« Folge 13.

 

Der abbasidische Dichter Abū Tammām (788-845)

Der abbasidische Dichter Abū Tammām 788 – 845 (Fotos: Delta-Archiv, Stuttgart)

 

Tobias Burghardt

Quell der »Hamâsa«

Flüchtig weilte ich im Schlaf in Ammūriye,
als mich dein Reiterbrief aus Mossul ereilte,
doch die Flöckchen wirbelten in Hamedān –
mein Herz war so aufgewühlt (noch selten),
ich dachte: kaum allein kommt die Qasīda,
hinter ihrem Schweigen steckt eine andere,
die der vorigen folgt wie Farben dem Licht –
nur die Bibliothek von Abu’l-Wafā ibn Salāma
ward meine Zuflucht, mein Asyl im Winter.
Hier tanzte der Schnee & schenkte mir ein.
Abū Tammām

© Tobias Burghardt

 

Cover einer »Hamâsa«-Ausgabe von Abū Tammām

Cover einer »Hamâsa«-Ausgabe von Abū Tammām, die 1859 in Kolkata erschien

Sieben Jahre bevor der eingangs genannte Stuttgarter Verlagsbuchhändler ein solcher wurde, schrieb der Dichter, Übersetzer und Mitbegründer der deutschen Orientalistik Friedrich Rückert 1828 das vierstrophige Gedicht »Ermutigung zur Uebersetzung der Hamâsa«, das er fast zwanzig Jahre später seiner fertiggestellten deutschsprachigen Version als Motto voranstellte. Darin rühmt er gleich zu Beginn »Die Poesie in allen ihren Zungen« als »Eine Sprache nur, / Die Sprache, die im Paradies erklungen, / eh sie verwildert auf der wilden Flur. / Doch wo sie nun auch sei hervorgedrungen, / von ihrem Ursprung trägt sie noch die Spur;« – was gleichsam für das Übersetzen von Poesie oder selbst für poetische Transkreationen gelten kann.

In meinem aktuellen Gedichtband »Die Elemente der See« befinden sich im dritten Kapitel mit dem Titel »Wasser der Qasida« weitere Texte über jenen abbasidischen Dichter sowie poetische »Wortspuren« von Abū Tammām. Darüber schrieb mir mein geschätzter Dichterfreund und bewanderter Übersetzerkollege Joachim Sartorius auf einer Kunstpostkarte folgende Zeilen: »Großartig und herrlich finde ich Deine Annäherung / Hommage an Abū Tammām! Das ist ein immenser Verdienst – ihn ins Licht zu holen und in seinem Geist zu dichten! Ich bewundere das sehr und wünsche Deinem Buch viele begeisterte Leser!«

 

Buchcover-Abbildung (Edition Delta)

Buchcover-Abbildung (Edition Delta)

 

 

 

 

 

 

 

»Wasser der Qasida« in:
»Die Elemente der See« von Tobias Burghardt
bei Edition Delta

 

 

 

Tobias Burghardt. Foto: privat

Tobias Burghardt. Foto: privat

Tobias Burghardt (Jahrgang 1961) ist Lyriker, Übersetzer und Verleger der Stuttgarter Edition Delta (www.edition-delta.de). Er veröffentlichte mehrere Lyrikbände, darunter seine Fluss-Trilogie sowie »Septembererde & August-Alphabet«. Zuletzt erschien seine Werkauswahl »Mitlesebuch 117« (Aphaia Verlag, Berlin/München 2018) und sein aktueller Gedichtband »Die Elemente der See«. 2020 erhielt er den Internationalen Poesiepreis »Città del Galateo – Antonio de Ferrariis« in Rom, Italien. Seine Gedichte wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und Einzeltitel erschienen in Argentinien, im Irak, in Japan, Kolumbien, Portugal, Serbien, Schweden, Uruguay und Venezuela. Er ist Mitbegründer und Koordinator des »Babylon Festivals für Internationale Kulturen & Künste«, das seit 2012 jährlich in Babylon und Bagdad stattfindet. Mit seiner Frau Juana Burghardt überträgt er lateinamerikanische Lyrik, katalanische Poesie, lusophone Lyrik und spanische Poesie. Sie sind Herausgeber und Übersetzer der Werkreihe von Miquel Martí i Pol, aus der Pep Guardiola im Sommer 2015 im Literaturhaus München las, und seit Herbst 2014 der Stuttgarter Juarroz-Werkausgabe, dem wir das GEDICHT-Motto »Ein Gedicht rettet einen Tag« (Roberto Juarroz) verdanken. Im Frühjahr 2017 wurden beide für ihr jeweiliges poetisches Werk und ihr gemeinsames literarisches Engagement zwischen den Kulturen und Sprachen mit dem Internationalen KATHAK-Literaturpreis in der südasiatischen Metropole Dhaka, Bangladesch, ausgezeichnet. Tobias Burghardt war GEDICHT-Redakteur der ersten Stunde und organisierte immer wieder wunderbare Sonderteile mit lateinamerikanischer Poesie für unsere Zeitschrift DAS GEDICHT.
Alle bereits erschienenen Folgen von »Im babylonischen Süden der Lyrik« finden Sie hier.

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