Im babylonischen Süden der Lyrik – FOLGE 66: »›YO TE PODRÍA CONTAR (ICH KÖNNTE DIR ERZÄHLEN)‹ VON JOSÉ ÁNGEL LEYVA (MEXIKO) – ›POESÍA POR COLOMBIA‹«

Tobias Burghardt flaniert jeweils am 5. eines Monats auf DAS GEDICHT blog durch die südlichen Gefilde der Weltpoesie. In der Rubrik »Im babylonischen Süden der Lyrik« werden Sprachgemarkungen überschritten und aktuelle Räume der poetischen Peripherien, die innovative Mittelpunkte bilden, vorgestellt.

 

Der mexikanische Dichter, Erzähler und Essayist José Ángel Leyva gibt in Mexiko-Stadt die renommierte Poesiezeitschrift »LA OTRA« heraus, von der gerade die Juni-Ausgabe 170 erschienen ist – ein stets unermüdlicher Förderer und Multiplikator der Poesie Lateinamerikas und von der Iberischen Halbinsel im internationalen Kontext, siehe auch »Im babylonischen Süden der Lyrik« Folge 34 und Folge 35.

 

»LA OTRA« – Cover der aktuellen Ausgabe 170

»LA OTRA« – Cover der aktuellen Ausgabe 170 im Juni 2021 (beide Fotos: LA OTRA, Mexiko-Stadt).

 

José Ángel Leyva
YO TE PODRÍA CONTAR

Tu patria son los sueños,
decía mi abuela con su manual de nubes
y aromas de la tierra.
Me enseñó que puede regarse
con éxito el silencio
y entrar con ojos cerrados a los cines.
Yo te puedo contar la música de fondo
de un tren de amores en segunda,
la historia muda donde aprendí de la derrota
de los sin voz, leyéndoles los labios,
a los nadie, que mueren por miles,
como moscas.
Yo te puedo contar lo que sentían
antes de ser protagonistas.
Qué son los hombres en la niebla,
hundidos en el frío y con el lodo al cuello,
sólo gusanos urgidos por el hambre.
Y entonces, con tanta claridad humana,
escucho al proyector pegarse un tiro.
No le sangra la sien sino la imagen
de flores que aprende a hablar
en el asfalto.
Yo te podría contar…

19 de mayo

 

© José Ángel Leyva

 

Der mexikanische Dichter José Ángel Leyva

Der mexikanische Dichter José Ángel Leyva

José Ángel Leyva
ICH KÖNNTE DIR ERZÄHLEN

Dein Heimatland sind die Träume,
sagte meine Großmutter mit ihrem Handbuch der Wolken
und Aromen der Erde.
Mir brachte sie bei, dass man die Stille erfolgreich
bewässern und mit geschlossenen Augen
in die Kinos hineingehen kann.
Erzählen kann ich dir von der Hintergrundmusik
eines Zuges der Liebe in der Zweiten,
die stumme Geschichte, in der ich von der Niederlage lernte,
von den Stimmenlosen, indem ich von den Lippen
der Niemande ablese, die zu Tausenden sterben
wie Fliegen.
Ich kann dir sagen, was sie fühlten,
bevor sie Protagonisten werden.
Dass sie die Menschen im Nebel sind,
in der Kälte versunken und mit dem Dreck am Hals,
nur Würmer, vom Hunger getrieben.
Und dann, mit so viel menschlicher Klarheit,
höre ich, wie der Projektor sich einen Schuss abfeuert.
Es ist nicht seine Schläfe, die blutet, sondern das Bild
der Blumen, das sprechen lernt
auf dem Asphalt.
Ich könnte dir erzählen…

19. Mai

 

Übersetzt von Juana & Tobias Burghardt

 

Angesichts der katastrophalen Ereignisse in Kolumbien startete José Ángel Leyva im Mai die Solidaritätsaktion »Poesía por Colombia« (Poesie für Kolumbien), um mit je einem Gedicht die demokratisch verbrieften Grundwerte wie freie Meinungsäußerung und Versammlungsrecht im öffentlichen Raum sowie würdiges Miteinander, Frieden und gesellschaftliche Dialogfähigkeit einzufordern, was bekanntlich zumindest immer wieder »einen Tag rettet« (Roberto Juarroz).

Zahlreiche Dichter:innen beteiligten sich an dem poetischen Friedensappell, darunter Juan Manuel Roca (Kolumbien), Alfredo Fressia (Uruguay), Issa Makhlouf (Libanon/Frankreich), Mezouar El Idrissi (Marokko), Mario Martín Gijón (Spanien), Margarito Cuéllar (Mexiko), Susy Delgado (Paraguay)Fredy Yezzed (Kolumbien), José María Memet (Chile)Alina Dadaeva (Usbekistan), Jorge Boccanera (Argentinien) und Ángela García (Kolumbien/Schweden), um einige jener vielen Stimmen über YouTube »Otragaceta« zu nennen.

Als wäre die weltweite Pandemie nicht schon übel genug, die den sozialen Zusammenhalt auf die Probe stellt, implodiert ein kreatives Land wie Kolumbien und schickte sich die dortige Regierung an, das Militär gegen die eigene Bevölkerung zu mobilisieren – anstatt einen friedensstiftenden, tragfähigen und transparenten Dialog mit allen beteiligten Personen und den Sprecher:innn der kolumbianischen Sozialprotestbewegungen zu führen.

Morgens um Sechs ist die Welt noch keineswegs in annähernd menschenwürdiger »Ordnung«! Wiederholtermaßen und in recht absurden Varianten schon nicht mehr – und das seit längerer Zeit.

Weder in Kolumbien, Myanmar, Palästina, Israel, Libyen, Afghanistan, Indien oder Brasilien.

»Yo te podría contar… (Ich könnte dir erzählen…)« (José Ángel Leyva)

 

 

Tobias Burghardt. Foto: privat

Tobias Burghardt. Foto: privat

Tobias Burghardt (Jahrgang 1961) ist Lyriker, Übersetzer und Verleger der Stuttgarter Edition Delta (www.edition-delta.de). Er veröffentlichte mehrere Lyrikbände, darunter seine Fluss-Trilogie sowie »Septembererde & August-Alphabet«. Zuletzt erschien seine Werkauswahl »Mitlesebuch 117« (Aphaia Verlag, Berlin/München 2018) und sein aktueller Gedichtband »Die Elemente der See«. 2020 erhielt er den Internationalen Poesiepreis »Città del Galateo – Antonio de Ferrariis« in Rom, Italien. Seine Gedichte wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und Einzeltitel erschienen in Argentinien, im Irak, in Japan, Kolumbien, Portugal, Serbien, Schweden, Uruguay und Venezuela. Er ist Mitbegründer und Koordinator des »Babylon Festivals für Internationale Kulturen & Künste«, das seit 2012 jährlich in Babylon und Bagdad stattfindet. Mit seiner Frau Juana Burghardt überträgt er lateinamerikanische Lyrik, katalanische Poesie, lusophone Lyrik und spanische Poesie. Sie sind Herausgeber und Übersetzer der Werkreihe von Miquel Martí i Pol, aus der Pep Guardiola im Sommer 2015 im Literaturhaus München las, und seit Herbst 2014 der Stuttgarter Juarroz-Werkausgabe, dem wir das GEDICHT-Motto »Ein Gedicht rettet einen Tag« (Roberto Juarroz) verdanken. Im Frühjahr 2017 wurden beide für ihr jeweiliges poetisches Werk und ihr gemeinsames literarisches Engagement zwischen den Kulturen und Sprachen mit dem »Internationalen KATHAK-Literaturpreis« in der südasiatischen Metropole Dhaka, Bangladesch, und als Verlagsteam der Edition Delta mit dem »Deutschen Verlagspreis 2021« des Kulturstaatsministeriums, Berlin, ausgezeichnet. Tobias Burghardt war GEDICHT-Redakteur der ersten Stunde und organisierte immer wieder wunderbare Sonderteile mit lateinamerikanischer Poesie für unsere Zeitschrift DAS GEDICHT.
Alle bereits erschienenen Folgen von »Im babylonischen Süden der Lyrik« finden Sie hier.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.