Im babylonischen Süden der Lyrik – FOLGE 8: »›JEDES BUCH IST DER VERS EINES EINZIGEN GEDICHTS‹ (EDUARDO CHIRINOS) – ¡HASTA SIEMPRE, POETA!«

Tobias Burghardt flaniert jeweils am 5. eines Monats auf DAS GEDICHT blog durch die südlichen Gefilde der Weltpoesie. In der Rubrik »Im babylonischen Süden der Lyrik« werden Sprachgemarkungen überschritten und aktuelle Räume der poetischen Peripherien, die innovative Mittelpunkte bilden, vorgestellt.

 

Gestern: vor gerade einmal 56 Jahren, am 4. April 1960, wurde Eduardo Chirinos in Lima geboren. Sein diesjähriger Geburtstag: vakant, verwaist… Am 17. Februar 2016 starb er an einem zwei Jahre zuvor diagnostizierten Krebsleiden des Magengewebes in Missoula, Montana (USA). Eduardo Chirinos bleibt einer der herausragenden innovativen Dichter seines Landes Peru und Lateinamerikas.

In einem frühen Gedicht von Eduardo Chirinos heißt es titellos: »›25 JAHRE im Leben eines Menschen / sind zwei Leben eines 50-Jährigen‹, sagte mein Vater. / Ich erinnere mich noch daran. / Ich war etwa neun oder zehn Jahre alt, ein Alter, in dem die Stunden / in träger Langsamkeit vergehen und jede Nacht / ein rasches Dunkeln ist, das die Träume bewohnen. / (Manchmal bewahrt die Erinnerung alte Träume, / die wie Fackeln brennen und ihr Licht darbieten, / manchmal verlangt die Erinnerung nach unseren Händen, / die sie auf der Suche nach ihrer Spur im Teich versenkt).« («25 AÑOS en la vida de un hombre / son dos vidas en uno de 50», decía mi padre. / Aún lo recuerdo. / Tendría nueve o diez años, edad en que las horas / transcurren con vaga lentitud y cada noche / es un fugaz oscurecer donde habitan los sueños. / (A veces la memoria conserva antiguos sueños / que arden como antorchas ofreciendo su lumbre, / a veces la memoria reclama nuestras manos / que hunde en el estanque buscando su huella).)

Eduardo Chirinos. Foto: privat

Eduardo Chirinos. Foto: privat


 

Eduardo Chirinos

OKAPI HERIDO DE MUERTE

Desde hace años me persigue ese título
«Okapi herido de muerte».

Debo haberlo leído de niño.
Hojeando las páginas de un álbum,
o las figuras de un libro de animales.

Guardo conmigo la escena.
El zarpazo felino
un fondo de acacias
y el terror de la víctima
tratando de huir, inútilmente.

Raro animal el okapi.
Indeciso entre cebra y jirafa. Temeroso
y nocturno, en peligro de extinción.

Cuando fui a verlo al zoo de Berlín
se acercó desde la página remota
y me dijo en secreto:

«aún estoy herido de muerte».
 

TÖDLICH VERWUNDETES OKAPI

Seit Jahren verfolgt mich diese Überschrift:
»Tödlich verwundetes Okapi«.

Ich muss es als Kind gelesen haben.
Als ich in einem Album blätterte
oder die Bilder in einem Tierbuch anschaute.

Ich bewahre den Eindruck in mir.
Den Prankenhieb,
im Hintergrund Akazien
und die Todesangst des Opfers,
das zu fliehen versuchte, vergeblich.

Das Okapi ist ein seltsames Tier.
Halb Zebra, halb Giraffe. Scheu
und nachtaktiv, vom Aussterben bedroht.

Als ich es im Berliner Zoo anschauen ging,
näherte es sich aus der entfernten Buchseite
und sagte mir insgeheim:

»Ich bin noch immer tödlich verwundet«.
 

Aus dem peruanischen Spanisch von Juana und Tobias Burghardt
 

Im Peru etlicher großer Dichter wie César Vallejo, Martín Adán, Emilio Adolfo Westphalen, Javier Sologuren, Blanca Varela, Carlos Germán Belli, Antonio Cisneros und bemerkenswert poetischer Prosaschriftsteller wie José María Arguedas oder Julio Ramón Ribeyro, verbrachte er als erstgeborener Sohn von fünf Geschwistern seine Kindheit und Schulzeit ohne Bücher im Elternhaus, geschweige denn: in der Schule literarisch gefördert worden zu sein.

»Die Poesie ist ein Verhängnis, das man akzeptiert oder nicht«, resümierte Eduardo Chirinos lakonisch, wenn er die paradoxen Ursprünge des Schreibens hinterfragte. Die ersten Gedichte schrieb er mit 17 Jahren, schrieb sie jedoch aus Schüchternheit einem anderen zu, nämlich Horacio Morell, einem erfundenen Dichter als Maskerade, der Selbstmord beging. Mit 21 Jahren veröffentlichte er in Lima den Debütband »Cuadernos de Horacio Morell« (»Hefte von Horacio Morell«).

In den folgenden zehn Jahren, auch schon während seines Studiums der Linguistik und Kulturwissenschaften an der Katholischen Universität von Lima, erschienen weitere sieben Gedichtbände, vier in Lima und drei in Madrid. Dennoch verstand er sich nicht als Vielschreiber; denn, so vermutete Eduardo Chirinos einstens, »jedes Buch ist der Vers eines einzigen Gedichts«, das von ihm nie vollendet werden könnte.

Er zählte altersmäßig zur heterogenen peruanischen »Generación del ochenta« (»Generation der achtziger Jahre«) und entfaltete in seinen frühen Gedichten eine erfrischend ruhige, ironische, fast dunkle und melancholische Epik des Alltags. Eduardo Chirinos bereiste einige Länder, die er zuvor durch ihre Dichter erkundschaftete und für sich als weiße Seiten erfuhr, die beschrieben werden wollten.

Inzwischen wechselte er als Teaching Assistant zur Rutgers University, New Jersey, wo er sein Doktorat in Lateinamerikanischer und Spanischer Literatur absolvierte. Nach mehreren Gastprofessuren in Venezuela und in den USA lebte er dann seit 2000 als Literaturprofessor der University of Montana in Missoula.

Nach einer Publikationspause von sieben Jahren legte er zwischen 1998 und 2003 fünf neue Lyrikbände vor, zwei in Peru und drei in Spanien, die sich durch seinen gereiften Kompositionsstil und neue ästhetische Strategien wie Verknappung und Selbstironie auszeichnen, darunter 1998 in Lima »El Equilibrista de Bayard Street« (»Der Seiltänzer der Bayard Street«), 2000 »Abecedario del agua« (»Alphabet des Wassers«) und – ebenfalls in Valencia – 2003 »Escrito en Missoula« (»In Missoula geschrieben«). Für seinen Gedichtband »Breve historia de la música“ (»Kleine Musikgeschichte«), der 2001 in Spanien herauskam, erhielt er in der Kategorie »Innovative Lyrik Lateinamerikas« den Madrider »Premio Casa de América« (2001).

Sechs weitere Gedichtbände, drei Romane und einige Essaywerke schrieb er in den Folgejahren. Eduardo Chirinos übersetzte Mark Strand, Louise Glück und den philippinischen Dichter José Garcia Villa ins Spanische, während seine Gedichte u.a. ins Englische, Französische und Deutsche übersetzt wurden. Für seinen fünfzehnten Lyrikband »Mientras el lobo está« (»Solange der Wolf da ist«) wurde er mit dem renommierten spanischen Poesiepreis »Premio de Poesía Generación del 27« in Málaga ausgezeichnet. Er las noch zuletzt bei Internationalen Poesiefestivals im April 2014 in Chicago und im November 2014 in Costa Rica.

Das Verhängnis der Poesie ist sowohl Freiheit als auch Zwang, das wusste der peruanische Poet Eduardo Chirinos, der in seinem eigenen Schreiben die Gegensätze von Traum und Wachheit aufzulösen vermag, wenn sich das Wachsein der Musik des Traumes bedient – und der Traum, der Musik des Wachbewusstseins, wie er am Ende in jenem eingangs zitierte frühen Gedicht ohne Titel schrieb: »Also bleibt das Wort, / ein tiefes Loch, in dem der Rauch sein Dasein verrät, sein hohes Feuer, / das uns berührt, ohne uns zu verbrennen; / der Rauch ist das Zeichen, das den Treffen vorangeht, vage Asche, / deren Frucht das Gedicht ist, / da Traum und Gedicht immer gemeinsam einhergehen. / Und untrennbar sind.« (Queda entonces la palabra, / hondo agujero donde el humo delata su presencia, su alto fuego / que nos toca sin quemarnos; / humo es el signo que precede a los encuentros, vaga ceniza / cuyo fruto es el poema / porque sueño y poema caminan siempre juntos. / Y son inseparables.)

Poesie bleibt »unsere Brücke«, aber die Zeit war nicht auf »unserer Seite«, Eduardo. ¡Hasta siempre, Poeta!

 

Tobias Burghardt. Foto: privat

Tobias Burghardt. Foto: privat

Tobias Burghardt (Jahrgang 1961) ist Lyriker, Übersetzer und Verleger der Stuttgarter Edition Delta (www.edition-delta.de). Er veröffentlichte mehrere Lyrikbände, darunter seine Fluss-Trilogie und zuletzt »Septembererde & August-Alphabet« (2010). Seine Gedichte wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und Einzeltitel erschienen in Argentinien, im Irak, in Japan, Portugal, Serbien, Schweden und Venezuela. Er ist Mitbegründer und Koordinator des »Babylon Festivals für Internationale Kulturen & Künste«, das seit 2012 jährlich in Babylon und Bagdad stattfindet. Mit seiner Frau Juana Burghardt überträgt er lateinamerikanische Lyrik, katalanische Poesie, lusophone Lyrik und spanische Poesie. Sie sind Herausgeber und Übersetzer der Werkreihe von Miquel Martí i Pol, aus der Pep Guardiola im Sommer 2015 im Literaturhaus München las, und seit Herbst 2014 der Stuttgarter Juarroz-Werkausgabe, dem wir das GEDICHT-Motto »Ein Gedicht rettet einen Tag« (Roberto Juarroz) verdanken. Tobias Burghardt war GEDICHT-Redakteur der ersten Stunde und organisierte immer wieder wunderbare Sonderteile mit lateinamerikanischer Poesie für unsere Zeitschrift DAS GEDICHT.
Alle bereits erschienenen Folgen von »Im babylonischen Süden der Lyrik« finden Sie hier.

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