Im babylonischen Süden der Lyrik – FOLGE 9: »RUBÉN DARÍO (1867-1916): ›SALUTACIÓN DEL OPTIMISTA – GRUSSWORT DES OPTIMISTEN‹«

Tobias Burghardt flaniert jeweils am 5. eines Monats auf DAS GEDICHT blog durch die südlichen Gefilde der Weltpoesie. In der Rubrik »Im babylonischen Süden der Lyrik« werden Sprachgemarkungen überschritten und aktuelle Räume der poetischen Peripherien, die innovative Mittelpunkte bilden, vorgestellt.

 

Im ganzen laufenden Jahr 2016 feiert Lateinamerika und Spanien den nicaraguanischen Dichter Rubén Darío, der vor mehr als einem Jahrhundert den Modernismo begründete und damit das interkontinentale Fundament zur modernen Erneuerung der spanischsprachigen Poesie und Poetik – jenseits und diesseits des Atlantischen Ozeans – legte. Ihm galten grundlegend unsere ersten Übersetzungen vor über einem Vierteljahrhundert.

Die Poesie wurde als die ureigene Manifestation des freien Menschengeistes und der unendlichen Einheit des Universums angesehen, die poetische Aufgabe hieß: »Die Dichtung wird so lange existieren, wie das Problem des Lebens und des Todes existieren wird. Die Gabe der Kunst ist eine höhere Gabe, die erlaubt, in das bisher Unbekannte und noch Ungewusste vorzustoßen, in das Ambiente des Traumes und der Meditation. Es gibt eine ideelle Musik, wie es eine Wortmusik gibt. Es gibt keine Schulen, nur Dichter. Der wahre Künstler versteht alle Ausdrucksarten und findet die Schönheit in allen Formen. Der ganze Ruhm und die Ewigkeit liegen in unserem Bewusstsein.« (Rubén Darío)

Rubén Darío (New York, 1915)

Rubén Darío (New York, 1915)

Rubén Darío, eigentlich Félix Rubén García Sarmiento, wurde am 18. Januar 1867 in Metapa, Nicaragua, geboren und starb am 7. Februar 1916 in León, Nicaragua. Um 1900 lebte Rubén Darío in Madrid, von wo er gemeinsam mit Francisco Villaespesa den neunzehnjährigen Juan Ramón Jiménez aus seinem mythischen Moguer zur Mitarbeit an der modernistischen Bewegung in die spanische Metropole berief, wo Juan Ramón Jiménez sein Nachfolger und Wegbereiter der »Generación del 27« wurde, zu der so bedeutende Dichter wie Jorge Guillén, Rafael Alberti oder Federico García Lorca gehören.

Ernesto Cardenal schrieb zutreffend: »Rubén Darío schuf in Lateinamerika und Spanien eine neue poetische Renaissance, indem er der Dichtung alle Arten von Einflüssen aller Zeiten zuführte, sogar Einflüsse der alten spanischen Sprachen, vor allem aber den Einfluss Frankreichs und der modernen französischen Dichtung, und diese Erneuerungsbewegung wurde MODERNISMUS genannt.«

Octavio Paz betrachtete die Wesensmerkmale der Errungenschaften des MODERNISMO in seinem 50-seitigen Essay über Rubén Darío: »Der Modernismus beginnt als eine Ästhetik des Rhythmus’ und mündet ein in eine rhythmische Anschauung des Universums.«

Wenngleich Miguel de Unamuno seine Abneigung dem Modernismus gegenüber nie verborgen hat und Antonio Machado die Distanz bevorzugte, so bleibt dennoch festzuhalten, dass auch diese beiden spanischen Dichter durch den Modernismus philosophisch und literarisch geprägt wurden wie so viele andere Dichter in Spanien und Lateinamerika.

Octavio Paz ging indes so weit in der Durchdringung dieses dichterischen Phänomens, als dass er bemerkte, wie sehr Rubén Darío als Ausgangs- oder Zielpunkt anzusehen ist, der sozusagen eine Grenzmarkung bedeutet, die es zu erreichen oder zu überschreiten gilt.

Die moderne und auch heutige lateinamerikanische und spanische Lyrik ist deshalb nur grundlegend nachvollziehbar, wenn auf ihren modernistischen Begründer Rubén Darío zurückgeschaut wird, auf ein facettenreiches und innovatives poetisches Werk, das die Schwelle zu einer Zukunft überschritten hat, die in die Gegenwart hineinreicht: »Liebe deinen Rhythmus und rhythmisiere deine Handlungen.« (Rubén Darío)
 

Rubén Darío

SALUTACIÓN DEL OPTIMISTA

Ínclitas razas ubérrimas, sangre de Hispania fecunda,
espíritus fraternos, luminosas almas, ¡salve!
Porque llega el momento en que habrán de cantar nuevos himnos
lenguas de gloria. Un vasto rumor llena los ámbitos;
mágicas ondas de vida van renaciendo de pronto;
retrocede el olvido, retrocede engañada la muerte;
se anuncia un reino nuevo, feliz sibila sueña,
y en la caja pandórica de que tantas desgracias surgieron
encontramos de súbito, talismánica, pura, riente,
cual pudiera decirla en sus versos Virgilio divino,
la divina reina de luz, ¡la celeste Esperanza!

Pálidas indolencias, desconfianzas fatales que a tumba
o a perpetuo presidio, condenasteis al noble entusiasmo,
ya veréis el salir del sol en un triunfo de liras,
mientras dos continentes, abonados de huesos gloriosos,
del Hércules antiguo la gran sombra soberbia evocando,
digan al orbe: la alta virtud resucita
que a la hispana progenie hizo dueña de siglos.

Abominad la boca que predice desgracias eternas,
abominad los ojos que ven sólo zodíacos funestos,
abominad las manos que apedrean las ruinas ilustres
o que la tea empuñan o la daga suicida.
Siéntense sordos ímpetus en las entrañas del mundo,
la inminencia de algo fatal hoy conmueve la tierra;
fuertes colosos caen, se desbandan bicéfalas águilas,
y algo se inicia como vasto social cataclismo
sobre la faz del orbe. ¿Quién dirá que las savias dormidas
no despierten entonces en el tronco del roble gigante
bajo el cual se exprimió la ubre de la loba romana?
¿Quién será el pusilánime que al vigor español niegue músculos
y que al alma española juzgase áptera y ciega y tullida?
No es Babilonia ni Nínive enterrada en olvido y en polvo
ni entre momias y piedras, reina que habita el sepulcro,
la nación generosa, coronada de orgullo inmarchito,
que hacia el lado del alba fija las miradas ansiosas,
ni la que, tras los mares en que yace sepulta la Atlántida,
tiene su coro de vástagos, altos, robustos y fuertes.

Únanse, brillen, secúndense tantos vigores dispersos;
formen todos un solo haz de energía ecuménica.
Sangre de Hispania fecunda, sólidas, ínclitas razas,
muestren los dones pretéritos que fueron antaño su triunfo.
Vuelva el antiguo entusiasmo, vuelva el espíritu ardiente
que regará lenguas de fuego en esa epifanía.
Juntas las testas ancianas ceñidas de líricos lauros
y las cabezas jóvenes que la alta Minerva decora,
así los manes heroicos de los primitivos abuelos,
de los egregios padres que abrieron el surco pristino,
sienten los soplos agrarios de primaverales retornos
y el rumor de espigas que inició la labor triptolémica.

Un continente y otro renovando las viejas prosapias,
en espíritu unidos, en espíritu y ansias y lengua,
ven llegar el momento en que habrán de cantar nuevos himnos.
La latina estirpe verá la gran alba futura,
y en un trueno de música gloriosa, millones de labios
saludarán la espléndida luz que vendrá del Oriente,
Oriente augusto, en donde todo lo cambia y renueva
la eternidad de Dios, la actividad infinita.
Y así sea Esperanza la visión permanente en nosotros,
¡ínclitas razas ubérrimas, sangre de Hispania fecunda!
 

GRUSSWORT DES OPTIMISTEN

Ruhmreiche, ehrbare Völker, Hispaniens fruchtbares Blut,
leuchtende Seele, im Geiste Geschwister, seid gegrüßt!
Denn es naht der Moment, in dem glanzvolle Stimmen neue
Hymnen singen werden. Ein Rauschen erfüllt die Räume;
kraftbindende Wogen des Lebens entstehen plötzlich neu;
das Vergessen weicht zurück, zurück weicht getäuscht der Tod;
ein neues Reich kündigt sich an, selige Sybille träumt,
und in der Büchse Pandoras, der so vieles Unheil entsprang,
finden wir unvermittelt, glückbringend, rein und lächelnd,
wie es der göttliche Vergil in seinen Versen sagen könnte,
die heilige Königin des Lichts, die himmlische Hoffnung!

Blasse Gleichgültigkeiten, elendes Misstrauen, ihr verdammtet
die hehre Begeisterung ins Grab oder zu dauerndem Kerker,
ihr seht der Sonne Aufgang in einem Triumph der Leiern,
während zwei Kontinente, gedüngt mit Gebeinen des Ruhms,
den großartigen Schatten des alten Herkules beschwörend,
dem Erdkreis verkünden: die hohe Tugend ist erstanden,
die die hispanische Sippe zur Herrin für Jahrhunderte machte.

Verflucht den Mund, der stets schlimmes Unheil vorhersagt,
verflucht die Augen, die nur tödliche Tierkreise schauen,
verflucht die Hände, die Steine auf erlesene Ruinen werfen,
zur Kienspanfackel greifen oder zum tödlichen Dolch.
Im Innenleben der Welt regt sich ein dunkler Drang,
ein drohendes Verhängnis bewegt heute die Erde;
kräftige Kolosse stürzen, doppelköpfige Adler entfliehen,
etwas beginnt sich zu regen, eine große soziale Umwälzung
auf dem Antlitz der Erde. Wer wird da noch behaupten,
dass die Säfte nicht erwachen, die im Stamm der Rieseneiche
schlummern, wo die Zitzen der römischen Wölfin flossen?
Wer wird der Kleinmütige sein, der spanische Kraft verneint,
der die spanische Seele für lahm, blind und flügellos hält?
Weder Babylon noch Ninive, begraben in Staub und Vergessen,
noch unter Mumien und Stein herrscht, wer das Grab bewohnt,
die edle Nation, die gekrönt ist mit unverwelklichem Stolz,
die in Richtung des Morgens die Blicke der Sehnsucht lenkt,
noch jene, die hinter den Meeren, wo die Gruft Atlantis‘ liegt,
den Chor aufrecht erhält mit großem und starkem Nachwuchs.

Verbündet euch, seid hilfreich, glänzt, ihr verstreuten Kräfte;
bildet alle zusammen eine weltumgreifende Bewegung.
Hispaniens fruchtbares Blut, ruhmreiche, dauerhafte Völker,
zeigt die vergangenen Gaben, die euer Triumph einst waren.
Die alte Begeisterung kehre wieder, auch der glühende Geist
der die Feuerzungen bewässert in dieser Epiphanie.
Gemeinsam die alten Köpfe, bekränzt mit lyrischem Lorbeer,
und auch die jungen Häupter, die die hohe Minerva schmückt,
wie die heroischen Manen der urtümlichen Ahnen,
der erlauchten Vorväter, die die Ackerfurche geöffnet,
sie alle erfühlen den Hauch der frühlingshaften Rückkehr,
das Rauschen der Ähren, das die triptolemische Arbeit weckte.

Ein Kontinent und ein anderer erneuern die alten Stämme,
im Geiste vereint, in Geist und Streben und Sprache,
sie sehen den Augenblick nahen, eine Zeit für neue Hymnen.
Der lateinische Stamm wird sehen den großen Zukunftsmorgen:
im Donner ruhmreicher Musik begrüßen Millionen Lippen
das glanzvolle Licht des Ostens, das zu uns kommen wird,
erhabener Osten, in dem sich alles verändert und erneuert
durch die Ewigkeit Gottes, die endenlose Handlung.
Und so sei die Hoffnung in uns das bleibende Traumbild,
ruhmreiche, ehrbare Völker, Hispaniens fruchtbares Blut!
 

Ins Deutsche übersetzt von Juana und Tobias Burghardt
 

Im frühen 17. Jahrhundert gab es bereits Gedichtbeispiele mit griechischen Hexametern in der spanischen Sprache und Poetik bei Esteban Manuel de Villegas; bei Rubén Darío wiederum finden wir vorzügliche Beispiele einer Wiederaufnahme und lateinamerikanischen Weiterverwandlung des dynamischen, spielerischen und variationsfreudigen ursprünglichen Hexameters im lebendigen griechischen Atemrhythmus der klassischen Moderne der Weltliteraturen. In deutscher Übersetzung erschien der hexametrisch-mythische Gedichtzyklus »Das Colloquium der Zentauren«, Mit einem einleitenden Essay von Amado Nervo, Edition Delta, Stuttgart, und das Dossier »Modernismo« in »Raíces y alas«. Delta 10, Edition Delta, ebenda.

P.S.: Als poetisches Schmankerl für heutige Lateiner folgt die Version von Manuel Briceño Jáuregui, veröffentlicht in der legendären kolumbianischen Zeitschrift »Thesaurus«, Band XXII, Nr. 3, Instituto Caro y Cuervo, Bogotá 1967.
 

RUBÉN DARÍO scripsit.

Inclyta progenies, fecundus robore sanguis,
hispanorum animi, fratrum salvete corona!
Tempus erat modulos ut Gloria consonet alma
rite novos. Ferit en immanis sidera clamor;
vitaeque extemplo — mirandum! — nascitur ordo
rursum, fraudata cum Morte Oblivia cedunt.
Fausta canit vates, redeunt Saturnia regna,
ac subito — maerores scilicet inde volutant —
quam praesagam servabat Pandora sub arca,
pulchro Vergilius caneret sic carmine divus,
demissam cáelo Reginam, Spem reperimus!

Pallida seu quae diffidens Ignavia, leto
perpetuove animi mulctastis carcere notum
impetum, Apollo en iam rutilans venit ipse triumpho
stipatus citharis, dum tot venerata sepulcris
terrarum moles germano sanguine iuncta
priscam praestantis animo vocat Herculis umbram:
adsit nunc Virtus qua Hispania saecula rexit.

Os mala vaticinans o iam prohibete nefandum,
et qui maesta tuetur iugiter astra, recedat,
aut manibus contra iaculatur saxa ruinas,
flammas seu taedis figit seu condidit ensem.
Aures turbantur, stridor nam viscera pellit
mundi, mortales instat mirabile monstrum,
atque biceps ales petit alta ruuntque gigantes,
ac populis strages miseroque minabitur orbi.
Scilicet in valido nutrices robore vires
exspergunt somnis, quo subter splendida quondam
ubcra Roma potens expressit lacte lupino.
Virtus numquid Iberae ignavis mascula gentis
haud ostenditur? aut animus celerisque citusque?
Non cinere oblitae Ninive Babylonve sepulcris
aut rupes inter, regnatrix funere culta,
inclyta gentis origo coronis tecta superbis,
quae incertis curis Aurorae lumina cernens
nunc properat; nec post tumulatas Insula terras
Atlantis, quae ampla celsaque propagine gaudet.

Et nervi niteant concussi, et fiat in unum
tot fratrum genus atque viri, iuvenum agmina, fortes.
Inclyta progenies, fecundus robore sanguis,
tu gens ut olim prodaris clara trophaeis!
Et Virtus redeat priscorumque aura remigret
ardens quae lucem linguis hanc irriget igne.
Canentesque senes praecincti tempora lauro
nectantur ephebis quos fronte Minerva decorat,
et nostrum maiorum animae — heroum umbra silentum —
egregiique patres, fecunda ligonibus arva
versati, capiant et Veris reddita campis
lumina, pinguis aristae Triptolemique labores.

Verum prisca novo modo Mundus uterque revisit
et animo et lingua coniunctus nectitur avens
cum gratum properet mulcendi carmina tempus.
Auroramque latina videbit origo micantem
ac resonans hominum os concentus ducit amicos:
‚Salve‘ fulguribus referens te, Lumen, eois!
Lumen eoum, tot mutatis, innovat aequa
Numinis aeterni Prudentia Caelipotentis.
In gremio semper sis o Spes accola nostro,
inclyta progenies, fecundus robore sanguis!

Latin e interpretatus est EMMANUEL BRICEÑO J., S. I.
 

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Das Dossier »Modernismo« in: »Raíces y alas«, Delta 10Das Dossier »Modernismo« in: »Raíces y alas«, Delta 10, bei Edition Delta kaufen

 

Tobias Burghardt. Foto: privat

Tobias Burghardt. Foto: privat

Tobias Burghardt (Jahrgang 1961) ist Lyriker, Übersetzer und Verleger der Stuttgarter Edition Delta (www.edition-delta.de). Er veröffentlichte mehrere Lyrikbände, darunter seine Fluss-Trilogie und zuletzt »Septembererde & August-Alphabet« (2010). Seine Gedichte wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und Einzeltitel erschienen in Argentinien, im Irak, in Japan, Portugal, Serbien, Schweden und Venezuela. Er ist Mitbegründer und Koordinator des »Babylon Festivals für Internationale Kulturen & Künste«, das seit 2012 jährlich in Babylon und Bagdad stattfindet. Mit seiner Frau Juana Burghardt überträgt er lateinamerikanische Lyrik, katalanische Poesie, lusophone Lyrik und spanische Poesie. Sie sind Herausgeber und Übersetzer der Werkreihe von Miquel Martí i Pol, aus der Pep Guardiola im Sommer 2015 im Literaturhaus München las, und seit Herbst 2014 der Stuttgarter Juarroz-Werkausgabe, dem wir das GEDICHT-Motto »Ein Gedicht rettet einen Tag« (Roberto Juarroz) verdanken. Tobias Burghardt war GEDICHT-Redakteur der ersten Stunde und organisierte immer wieder wunderbare Sonderteile mit lateinamerikanischer Poesie für unsere Zeitschrift DAS GEDICHT.
Alle bereits erschienenen Folgen von »Im babylonischen Süden der Lyrik« finden Sie hier.

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