Jubiläumsblog. Ein Vierteljahrhundert DAS GEDICHT
Folge 5: Jan-Eike Hornauer – Der Mensch hinter dem Dichter

Seit 25 Jahren begleitet die Zeitschrift DAS GEDICHT kontinuierlich die Entwicklung der zeitgenössischen Lyrik. Bis heute ediert sie ihr Gründer und Verleger Anton G. Leitner mit wechselnden Mitherausgebern wie Friedrich Ani, Kerstin Hensel, Fitzgerald Kusz und Matthias Politycki. Am 25. Oktober 2017 lädt DAS GEDICHT zu einer öffentlichen Geburtstagslesung mit 60 Poeten aus vier Generationen und zwölf Nationen ins Literaturhaus München ein. In ihrer Porträtreihe stellt Jubiläumsbloggerin Franziska Röchter jeden Tag die Teilnehmer dieser Veranstaltung vor.

Jan-Eike Hornauer, geboren 1979 in Lübeck, wuchs in Hausen bei Aschaffenburg auf und lebt heute als Lektor, Autor, Korrektor, Texter und Herausgeber in München. Sein jüngster Gedichtband trägt den Titel »Das Objekt ist beschädigt. Zumeist komische Gedichte aus einer brüchigen Welt« (muc Verlag, 2016). Hornauer ist Zweiter Vorsitzender des Münchner Künstlervereins »Realtraum«.

www.textzuechterei.de

Jan-Eike Hornauer ist in der Literaturbranche mehrgleisig unterwegs. Mit Franziska Röchter sprach er über seine unterschiedlichen Betätigungsfelder und über die Notwendigkeit von Flexibilität sowie literatur- und textfreien Zonen für das persönliche (Über-)Leben.

Flexibilität ist hier Grundvoraussetzung

Lieber Eike, du bist ja vielen Lesern, die regelmäßig auf DAS GEDICHT blog schauen, schon gut bekannt. In den vergangenen Jahren hast du diverse Projekte für den Blog durchgeführt und tust es immer noch. Für ganz neue Leser in Kürze: Welche waren oder sind das genau?

Vor allem bin ich hier als Herausgeber tätig, aktuell laufen die Online-Anthologien »Wenn Liebe schwant III« und »Gedichte mit Tradition«. Zusätzlich habe ich auch einige journalistisch geprägte Beiträge für den Blog verfasst, Lesungsberichte in Text und Bild sowie auch mal eine Buchkritik. Besonders freut mich aktuell, dass jetzt ein ursprünglich reines Online-Projekt seinen Weg auch in die Printform gefunden hat: Im muc Verlag ist im August 2017 »Wenn Liebe schwant« erschienen; die Netz-Anthologie mit neuen komischen Liebesgedichten kann man nun also auch ganz bequem mit ins Bett nehmen oder an andere bevorzugte Orte.

Dabei bist du ja auch als sogenannter »Textzüchter« aktiv. Was genau züchtest du da? Und betreibst du die Textzüchterei hauptberuflich?

Ich lebe tatsächlich von der Textzüchterei, also als Selbstständiger. Wobei ich da eben auch inhaltlich breit aufgestellt bin: Ich arbeite als PR- und Werbetexter und -lektor, als Lektor von Romanen, Kurzgeschichten und Gedichten sowie wissenschaftlichen Arbeiten – von der Seminar- oder Bachelorarbeit bis hin zur Dissertation –, ich überarbeite und erstelle Bewerbungsanschreiben und helfe bei kritischen Schriftverkehren aller Art etc. Dazu verfolge ich noch meine eigenen Projekte in der Belletristik, hier liegt mein Schwerpunkt auf dem Verfassen und der Herausgabe von Lyrik, aber ich habe auch schon einige Kurzgeschichten-Bände herausgegeben sowie Kurzgeschichten in anderen Anthologien und in Literaturzeitschriften veröffentlicht.

Wenn man mit Texten, Lektorat und allem, was damit zusammenhängt, arbeitet, so können das Arbeitspensum und dessen Erträge starken Schwankungen unterworfen sein. Kann man auf Dauer in einer Stadt wie München gut davon leben?

Die Schwankungen sind tatsächlich groß. Es ist oft so, dass ich am Montag noch nicht weiß, wie die Woche in puncto Arbeitsaufkommen aussehen wird. Gerade im Werbebereich kommen viele Aufträge quasi aus dem Nichts, sind aber extrem eilig. Und umgekehrt kann man sich in allen Bereichen, mit denen ich zu tun habe, nie darauf verlassen, dass angekündigte Aufträge zum angegebenen Zeitpunkt eintreffen – Verzögerungen von mehreren Tagen oder Wochen sind keine Seltenheit, und wenn die Sachen dann eintreffen, sind gerade diese besonders eilig. Kurzum: Flexibilität ist hier Grundvoraussetzung.

Freie Wochenenden oder ein geregelter Büroschluss sind nicht unbedingt gegeben. Insgesamt ist der komplette Textbereich eher mäßig bezahlt – selbst in den Feldern, die mein Brotberuf sind, das eigene schriftstellerische und editorische Engagement brauchen wir hier nicht einmal zu berücksichtigen. Das passt natürlich gar nicht zu einer teuren Stadt wie München. Wer gut und planbar hier leben möchte, dem ist ein anderes Berufsfeld zu empfehlen.

Ein ebenso prägnanter Name wie »Textzüchterei« ist der »Realtraum«. Welchen Zweck hat dieser Verein und was macht ihr dort genau?

Der Realtraum ist ein Künstlerverein, der vor allem die gegenseitige Vernetzung und Unterstützung von Künstlern verschiedenster Bereiche fördern möchte. Hier sind bildende Künstler ebenso willkommen wie Autoren und Musiker. Ich bin im Realtraum seit vielen Jahren begeistert aktiv und der zweite Vorsitzende. Die Autorin Sabine Brandl und die bildende Künstlerin Gisela Weinhändler haben 2004 die Gründung initiiert, zuerst als losen Künstlerverbund. Sie sind beide nach wie vor zentral für den Verein tätig und folgerichtig auch im Vorstand, Sabine Brandl als erste Vorsitzende.

Einmal im Monat haben wir unser Künstlertreffen im Eine-Welt-Haus in München, da stellen dann Vereinsmitglieder oder Interessierte neue Werke vor und es wird konstruktive Kritik geübt. Hier und beim anschließenden geselligen Beisammensein kann man viel Inspiration und Motivation erfahren, außerdem werden gemeinsame Projekte angestoßen. Das können Einzelveranstaltungen sein, Veranstaltungsreihen, Buchprojekte, wie die inzwischen drei Realtraum-Anthologien, und vieles mehr. Zudem vernetzt sich der Realtraum mit anderen Kunst- und Kulturvereinen vor Ort, das führt immer wieder zu tollen Kooperationen und eröffnet weitere Möglichkeiten.

Jan-Eike Hornauer. Foto: DAS GEDICHT / Gabriele Trinckler

Jan-Eike Hornauer. Foto: DAS GEDICHT / Gabriele Trinckler

Dann gibt es noch den muc Verlag. Man möchte meinen, er gehört zum Realtraum ein bisschen dazu, das liegt aber vermutlich nur an den personellen Überschneidungen?

Genau. Der muc Verlag wird von zwei Realträumerinnen, Gisela Weinhändler und Sabine Brandl, betrieben. Es gibt schon Verbindungen und Überschneidungen, aber der muc Verlag ist unabhängig vom Realtraum. Was natürlich schon der Fall ist: Wenn der Verlag eine öffentliche Ausschreibung für einen Sammelband startet, dann reichen auch Vereinsmitglieder Texte ein, die haben aber keinen Bonus. Und ich habe hier meinen zweiten Solo-Lyrikband »Das Objekt ist beschädigt« herausgebracht sowie »Wenn Liebe schwant«, das ist gewiss auch geschehen, weil wir uns schon lange gut kennen. Wir liegen künstlerisch, vom Engagement her und auch menschlich einfach auf einer Wellenlänge, das passt.

Laut eigener Aussage bist du ein bekennender »Süchtiger«. Damit ist aber sicher nicht die auf einem Autorenfoto explizit provokativ ins Bild gehaltene Rum- oder Whiskyflasche gemeint?

Das mit der Sucht bezieht sich auf Texte, und zwar sowohl auf das eigene Schreiben als auch auf die Arbeit mit anderen an ihren Texten und das Lesen von Belletristik, Journalistischem etc. Eine Welt ohne Texte – das wäre für mich unvorstellbar. Das von dir angesprochene Foto ist eine augenzwinkernde Hommage an Hemingway und Co.

Es ist mir auch wichtig, text- und künstlerkarrierefreie Räume zu haben.

Hast du neben deinen literarischen und anderen Aktivitäten überhaupt noch Zeit für Hobbies, die nichts mit Literatur zu tun haben?

Es ist mir wichtig, text- und künstlerkarrierefreie Räume zu haben. Richtige Hobbies, die ich intensiv betreibe, habe ich nicht. Ich treffe mich gerne mit Leuten, zum Quatschen im Biergarten, auch mal zum lockeren Freizeitkicken oder Tischtennisspielen, um einfach nur als Publikumsmensch in Ausstellungen zu gehen, einen Kinofilm oder ein Theaterstück zu genießen oder was auch immer. Kurzum: Zeit mit Freunden ist wichtig und mir heilig; und in dieser steht dann das eigene Kunst- und Kulturtreiben nicht im Mittelpunkt, ganz gleich ob die entsprechenden Leute nun selbst mit dem künstlerischen Bereich gar nichts zu tun haben oder aber auch selbst künstlerisch unterwegs sind. Sich nur eindimensional aufs Künstlerische zu kaprizieren, so toll dieser Bereich auch ist, wäre nicht meins, es gibt auch andere Bereiche, und die sollte man auch unbedingt genießen!

Bist du ein gläubiger Mensch? Wenn ja, woran glaubst du?

Nö, gläubig bin ich so gar nicht – aber durchaus in der Lage, anderen ihren Glauben zu lassen.

Was magst du besonders an München?

Dass viele interessante Menschen hier leben, kulturell viel los ist, ich tolle Freunde hier habe.

Was würdest du München-Besuchern auf jeden Fall für einen Besuch empfehlen?

Das hängt von deren Interessenlage ab. Englischer Garten, Viktualienmarkt und Marienplatz sind aber gewiss Dinge, die gemeinhin nicht weggelassen werden dürfen.

Dein »bairisches« Lieblingsgericht?

Krusten-Schweinsbraten mit Knödeln und Speck-Krautsalat. Zum Schweinsbraten passt am besten ein Helles.

Welche Eigenschaften schätzt du besonders an den Bayern?

Ich sehe das nicht so, dass die Bayern an sich sonderlich homogen wären. Hier gibt’s großartige Leute und Vollidioten und eine große Masse irgendwo dazwischen, wie überall. Auch finden sich etliche Selbstbeschreibungen der angeblich typischen Bayern genauso bei den Norddeutschen und in diversen anderen Regionen, etwa das angeblich Maulfaule sowie die Nummer mit »raue Schale, weicher Kern«. Entsprechend kann ich die Frage auch nicht beantworten. Aber ich lebe sehr gerne hier.

Wenn du dich selbst mit 5 Eigenschaftswörtern beschreiben müsstest, welche würden das sein?

Groß, genial, gutaussehend und bescheiden. Wie bescheiden ich bin, das sieht man auch daran, dass mir sogar vier Worte reichen.

Wo siehst du dich in 5 Jahren, persönlich und literarisch?

Persönlich: keine Ahnung. Literarisch: auf dem gleichen Weg wie jetzt, aber ein paar Schritte weiter – was auch immer das genau bedeuten wird.

Lieber Eike, vielen Dank für das Gespräch.
 

Jan-Eike Hornauer: Duschbad

 

Wenn Liebe schwant. GedichteJan-Eike Hornauer (Hrsg.)
Wenn Liebe schwant
 

Gedichte
muc Verlag, München 2017
ISBN 9783981518160


 

Franziska Röchter. Foto: Volker Derlath

Unser »Jubiläumsblog #25« wird Ihnen von Franziska Röchter präsentiert. Die deutsche Autorin mit österreichischen Wurzeln arbeitet in den Bereichen Poesie, Prosa und Kulturjournalismus. Daneben organisiert sie Lesungen und Veranstaltungen. Im Jahr 2012 gründete Röchter den chiliverlag in Verl (NRW). Von ihr erschienen mehrere Gedichtbände, u. a. »hummeln im hintern«. Ihr letzer Lyrikband mit dem Titel »am puls« erschien 2015 im Geest-Verlag. 2011 gewann sie den Lyrikpreis »Hochstadter Stier«. Sie war außerdem Finalistin bei diversen Poetry-Slams und ist im Vorstand der Gesellschaft für
zeitgenössische Lyrik. Franziska Röchter betreute bereits 2012 an dieser Stelle den Jubiläumsblog anlässlich des »Internationalen Gipfeltreffens der Poesie« zum 20. Geburtstag von DAS GEDICHT.


Die »Internationale Jubiläumslesung mit 60 Poetinnen und Poeten« zur Premiere des 25. Jahrgangs von DAS GEDICHT (»Religion im Gedicht«) ist eine Veranstaltung von Anton G. Leitner Verlag | DAS GEDICHT in Zusammenarbeit mit dem Kulturreferat der Landeshauptstadt München. Mit Unterstützung der Stiftung Literaturhaus. Medienpartner: Bayern 2.

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