Lockdown-Lyrik 116: »Distanzen« von Anna Real

»Lockdown-Lyrik! Quarantäne querdenken – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« ist eine Online-Sammlung von Gedichten, die sich mit der Corona-Krise befassen. Es darf uns die Sprache nicht verschlagen! In loser Folge erscheinen neue Episoden der von Alex Dreppec, Jan-Eike Hornauer und Fritz Deppert herausgegebenen Anthologie.

 

Anna Real

Distanzen

Auf dem Bildschirm rätselhaft fremd
wie Parmigianinos Selbstporträt
betrachtest du mich wie jemand
der wohl vorhanden ist
in einem Zimmer das du wohl kennst
oder doch fremd und nirgendwo
dein Blick kann sich noch nicht entscheiden
wenn du dich zurück lehnst blicke ich dir
unter den Felsüberhang deines Kinns
deine Hand schwimmt mir bleich
wie ein Tiefseewesen entgegen
bleckst du die Zähne fremdle ich
auf niemandes Arm wie ein Kind
briefmarkengroß sehe ich wie ich sehe
was du nicht siehst wenn du mich siehst
von Neuem sind wir uns unbekannt
zwei Solisten die ihre Schnittmenge suchen
weder nah noch fern weder Hülle noch Inhalt
rasch stülpe ich die Idee
die ich mir von dir machte darüber
und aus dieser Distanz
die kein Maß hat keine Strecke
aus diesem Digital-Limbo
erlöse ich uns mit einem Klick
unter Mitnahme einer fahlen Enttäuschung
und all meiner Sünden

 

© Anna Real, Essen

 

Zu dieser Reihe: »Lockdown-Lyrik! Quarantäne querdenken – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« ist eine Online-Sammlung zu den aktuellen Auswirkungen der Corona-Krise. Wir wollen im Gespräch bleiben, während wir Infektionsketten unterbrechen. Wir wollen die Erfahrung der Vereinzelung miteinander teilen. Wir wollen virtuelle Brücken bauen. Wir wollen das tun, was wir können: dichten, die Welt – und auch die aktuelle Situation – poetisch erfassen.Unser Anliegen ist es in jedem Fall, zu einem Mehr an Besonnenheit beizutragen, zu versöhnen statt zu spalten. Mit Sorge sehen wir überharte Diskussionen, wie sie derzeit online, aber auch offline zu häufig geführt werden. Klar ist uns: Es gehört zu einer Demokratie dazu, Konflikte auszutragen. Aber wir insistieren auch hierauf: Es ist ebenso unerlässlich, sich des Gemeinsamen, Verbindenden bewusst zu sein und zu werden sowie respektvoll miteinander umzugehen.

Uns ist bewusst, dass bereits der Ansatz, zur Corona-Pandemie eine Lyrik-Online-Anthologie herauszugeben, ihre Auswirkungen zeitnah lyrisch zu behandeln, und dies aus verschiedenen Perspektiven sowie in unterschiedlichen Tonlagen, als Provokation aufgefasst werden kann. So ist diese Sammlung keineswegs gemeint. Ihr Thema an sich ist jedoch eben hochemotional besetzt. Für uns, die Herausgeber der Reihe, bleibt trotzdem und gerade deshalb wichtig: Wir wollen Brücken bauen, Perspektiven weiten, der ungewohnten Situation mit poetischen Mitteln und im gemeinschaftlichen Sinne begegnen.

Bleiben Sie gesund!

Alex Dreppec, Jan-Eike Hornauer, Fritz Deppert
 
PS: Alle bereits geposteten Folgen von »Lockdown-Lyrik! Quarantäne querdenken – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« finden Sie hier. In loser, jedoch zügiger Folge wird die Sammlung erweitert.

 

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