Lockdown-Lyrik 151: »Museum« von Anna Real

»Lockdown-Lyrik! Quarantäne querdenken – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« ist eine Online-Sammlung von Gedichten, die sich mit der Corona-Krise befassen. Es darf uns die Sprache nicht verschlagen! In loser Folge erscheinen neue Episoden der von Alex Dreppec, Jan-Eike Hornauer und Fritz Deppert herausgegebenen Anthologie.

 

Anna Real

Museum

Dass ich alle Sinne gebrauche beim Sehen
wusste ich nicht: Mund Nase Ohren
ich trage die Maske als müsste ich mich
vor mir selbst beschränken
sie verschiebt meine Brille
und die beschlägt alles ist unscharf
verschwommen und vage als sähe ich nur
Entwürfe Ideen Haltungen Pläne
auch die Schritte der Anderen
kann ich nicht hören – kein Parkett
und seine knarrenden Kommentare
keine Führungen und ihr Bühnengeflüster
Zugang nur für verschwiegene Solipsisten
riechen kann ich nur frisch gebügelten Stoff
und – etwas säuerlich – mich
hinter meinem geblümten Läppchen
erschrecke ich fast vor mir
wie die Vernunft nur sich selbst erklärt
was ich weiß und lieber nicht wüsste
und kein Hausaltar weit und breit
als Hirn- und Herzhaltestelle

keine Nische für die Göttin Hygieia
ich legte ihr meinen Mundschutz zu Füßen
Sterillium in einem getöpferten Näpfchen
sie aber ist zu Marmor gefroren und kopflos
nur Faltenwurf der Geschichte
ich flüchte nach draußen
und halte mein nacktes Gesicht in den Wind

 
© Anna Real, Essen

 

 

Zu dieser Reihe: »Lockdown-Lyrik! Quarantäne querdenken – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« ist eine Online-Sammlung zu den aktuellen Auswirkungen der Corona-Krise. Wir wollen im Gespräch bleiben, während wir Infektionsketten unterbrechen. Wir wollen die Erfahrung der Vereinzelung miteinander teilen. Wir wollen virtuelle Brücken bauen. Wir wollen das tun, was wir können: dichten, die Welt – und auch die aktuelle Situation – poetisch erfassen.Unser Anliegen ist es in jedem Fall, zu einem Mehr an Besonnenheit beizutragen, zu versöhnen statt zu spalten. Mit Sorge sehen wir überharte Diskussionen, wie sie derzeit online, aber auch offline zu häufig geführt werden. Klar ist uns: Es gehört zu einer Demokratie dazu, Konflikte auszutragen. Aber wir insistieren auch hierauf: Es ist ebenso unerlässlich, sich des Gemeinsamen, Verbindenden bewusst zu sein und zu werden sowie respektvoll miteinander umzugehen.

Uns ist bewusst, dass bereits der Ansatz, zur Corona-Pandemie eine Lyrik-Online-Anthologie herauszugeben, ihre Auswirkungen zeitnah lyrisch zu behandeln, und dies aus verschiedenen Perspektiven sowie in unterschiedlichen Tonlagen, als Provokation aufgefasst werden kann. So ist diese Sammlung keineswegs gemeint. Ihr Thema an sich ist jedoch eben hochemotional besetzt. Für uns, die Herausgeber der Reihe, bleibt trotzdem und gerade deshalb wichtig: Wir wollen Brücken bauen, Perspektiven weiten, der ungewohnten Situation mit poetischen Mitteln und im gemeinschaftlichen Sinne begegnen.

Bleiben Sie gesund!

Alex Dreppec, Jan-Eike Hornauer, Fritz Deppert
 
PS: Alle bereits geposteten Folgen von »Lockdown-Lyrik! Quarantäne querdenken – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« finden Sie hier. In loser, jedoch zügiger Folge wird die Sammlung erweitert.

 

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