LYRIK-REVUE FOLGE 14: Increschantüm und Tarschoula, Buatscha und Chalaverna – Romanische Poeme einer Uferblume und eines bildenden Künstlers

Auszeichnungen, Institutionen, Konferenzen, Lesungen, Poesie im Feuilleton und Lyrik-Neuerscheinungen: Nicola Bardola kommentiert und präsentiert am 20. eines Monats Bemerkenswertes aus der Welt der Verse.

 

Ich kenne keine Sprache, die sich so gut für Naturlyrik eignet wie Vallader. Allein der Klang des Namens der Sprache: Vallader. Val, das Tal, das Unterengadin im Osten der Schweiz. Vallader, Unterengadinisch also, die an Österreich grenzende Sprache, die nur in Samnaun, der abgelegenen und zollfreien Zone mit ihren berühmten Zwergen vom Tirolerischen verdrängt wurde.

Landeck ist nicht fern, wo der Literaturwissenschaftler Raoul Schrott geboren wurde. (Raoul, auch der Bruder von Fidel, „Berater des Kriegers“.) Vallader, das einen eigenen Dialekt besitzt: Jauer, der im Münstertal gesprochen wird. Vallader, ein Idiom des Romanischen behauptet sich: Mitte des 16. Jahrhunderts wurden die ersten Schriften in Vallader veröffentlicht. Stolz verteidigen etwa 7000 Einheimische dieses Idiom, das wohl urigste der Welt mit dem Klang der Felsen und Arvenwälder, der Schwalben und Steinböcke. Im Oberengadin wird Putèr gesprochen, das längst nicht so rund und wild ist. Gemeinsam bilden Putèr und Vallader einen Teil des Ladinischen, des Alpen- und Bündnerromanischen: Vallader aber bleibt die wohl literarisch bedeutendste Form des Rätoromanischen. Allein die Silbe „oul“ nicht nur bei Roul. Sie kommt auch bei der Lyrikerin Luisa Famos aus Ramosch vor. So in den Worten voul (wollen: na be ma bratsch’ at voul branclar – nicht nur meine Arme wollen dich umarmen), svoul (Flug: Cul svoul dals utschels – Mit dem Flug der Vögel), Tarschoula (Zopf: Ed ün bindè cotschen / In sia tarschoula – Sie hat ein rotes Band / In ihrem Zopf).

 

Inscunters

Luisa Famos

Luisa Famos (Archiv Luisa Famos)

Die Engadiner Lyrikerin Luisa Famos, schöpferische Frau mit besonderer Sprachbegabung und tiefer Seele (Soul), wurde 1930 in Ramosch geboren. Ramosch hat keine 500 Einwohner und liegt weit unten im Unterengadin beim Inn und doch hoch oben (1200 m.ü.M.), den Bergen und dem Himmel nah. Im Nachbarort Strada wurden seit der Reformation Bücher gedruckt. Heute befindet sich dort das Museum Stamparia. In Ramosch starb Luisa Famos nach Aufenthalten u.a. in Paris, Honduras und Venezuela mit nur 44 Jahren. Ihr Werk ist schmal: Zunächst veröffentlichte sie Gedichte in Zeitschriften unter dem Pseudonym Flur da Riva (Uferblume), dann 1960 den Lyrikband „Mumaints“ (Augenblicke) unter ihrem Namen Luisa Famos und kurz nach ihrem Tod erschien der Lyrikband „Inscunters“ (Begegnungen). Luisa Famos ist die Erneuerin der ladinischen Lyrik im 20. Jahrhundert und damit weit über die Schweiz hinaus bekannt als Schöpferin freier Verse mit unnachahmlichen Klängen und Rhythmen.

 

Randulina

Weniger als neunzig Gedichte sind von Luisa Famos erhalten, die nun in neuer Übersetzung erschienen sind. Die Erstausgaben werden antiquarisch teuer gehandelt und auch spätere Editionen, u.a. bei Arche, steigen im Preis. Ausgaben übersetzt ins Deutsche von Anna Kurt oder Jürg Amann und in zahlreiche andere Sprachen mit Begleittexten von Iso Camartin oder Clà Riatsch sind Kleinode für Kenner. Famos‘ Klangwerke scheinen nicht nur zeitlos zu sein, sondern auch länderübergreifend von großer Faszination: Lügl a Ramosch / Trais randulinas / Battan lur alas / Vi dal tschêl d’instà / Minchatant tremblan / Trais sumbrivas / Sülla fatschad’alba / Da ma chà. (Drei Schwalben / Schwirren / Über den Sommerhimmel / Manchmal zittern / Drei Schatten / Auf der weissen Fassade / Meines Hauses.) Frei von poetischen Traditionen, spontan und ganz den lyrischen Momenten verhaftet entfalten Famos‘ Texte eine archaische Einfachheit und eine ganz eigene Musikalität. Dabei geht die Klarheit des Ausdrucks übergangslos in ihr Geheimnis über: Meis nom ais / Randulina / Opür eu vuless almain / D’instà chanta bodezzas / Suot la pensla / Chanzuns per vus / Ed ant cha ’l sulai va adieu / Stun sül piz dal clucher / Per as verer plü bain. (Mein Name ist / Schwalbe / Zumindest möcht ich es / Im Sommer sing ich frühmorgens / Unter dem Giebel / Lieder für euch / Und bevor die Sonne scheidet / Sitz ich auf dem Kirchturmspitz / Um euch besser zu sehen.)

 

Increschantüm

Mancher Vers besteht aus nur einem Wort. Das ist in Vallader eher möglich als in anderen Idiomen. An Monolithen wie „Scharanschasch“ gehen Wanderer achtlos vorüber. Aber Dichter picken solche Sprachstücke auf wie Schwalben Heuhalme, die es von den Traktoren weht. Heimweh auf Vallader ist auch so ein Wort, das allerdings im Gegensatz zu Scharanschasch (Scharanschasch ist „nur“ ein Name) ausführlich gewürdigt wird: Increschantüm. „Increschantüm hat einen festen Platz in der Engadiner Literatur und Kultur. Als Heimweh befällt increschantüm die in die Fremde Ausgewanderten, als Sehnsucht plagt increschantüm sowohl die Ausgewanderten als auch die Daheimgebliebenen und als Wehmut kann increschantüm jeden jederzeit heimsuchen. Seit dem 17. Jahrhundert wird das Heimweh als eigentliche Krankheit beschrieben. Man nannte sie morbus helveticus, denn befallen wurden in erster Linie Schweizer Söldner in fremden Diensten“, schreibt Luzius Keller im Nachwort. Hier Luisas Increschantüm zum Dorf namens Gonda zwischen Lavin und Guarda, das es nicht mehr gibt – vor langer Zeit von allen verlassen: Aint illa flur dals alossers / Aint illa crappa s-chodada dal sulai / Aint illa föglia gelgua dal baduogn / In la naivera e glatschera / Giran lur spierts / In erramaint / Cregns d’increschantüm … / Tuots sun passats. (In der Blüte der Traubenkirsche / Im sonnenwarmen Stein / Im gelben Laub der Birke / Im Schnee im Eis / Weben ihre Geister / Irren umher / Trunken von Heimweh … / Alle sind gegangen.)

 

Not Vital und Chasper Pult

Not Vital (links) und Chasper Pult im Juni 2019 bei der Buchvorstellung in Scuol Belvedere (Foto: Nicola Bardola)

Pled da Sent

Buchcoverabbildung

Das einzelne Wort, das manchmal vom Vergessen bedrohte oder das Gefahr läuft, übersehen zu werden, wie der flüchtige Augenblick beschäftigt auch Not Vital, der 1948 in Sent geboren wurde. Sent (1400 m.ü.M.) liegt wie Ramosch auf einer Sonnenterrasse. Ein Spaziergang von etwa eineinhalb Stunden durch meist menschenleere Natur verbindet die beiden Ortschaften. Hier hat Not Vital, ein international renommierter Schweizer Künstler, Wetterleuchten gesehen. Im Juni 2019 stellte er seinen neuen Gedichtband im größten Ort der Region Scuol (aus dem Lateinischen Scopolus, Klippe, 1250 m.ü.M., 4.500 Einwohner) gemeinsam mit dem Literaturwissenschaftler Chasper Pult vor. Das Buch heißt „Kec‘ & frajas“, wörtlich „Kacke und Erdbeeren“ im Sinne von feuchter Dreck, Mist und Quatsch. Schon vor zwei Jahren erschien eine Sammlung von 201 Sprichwörtern, die Vital frei aus dem Chinesischen ins Ladinische übersetzt hatte, genauer „in pled da Sent“, in das Wort von Sent (Pled = Wort). Nicht „in Vallader“ schreibt Vital: Enger zieht er den Kreis um den sprachlichen Mikrokosmos. Vital, der Türme auf allen Kontinenten baut, um den Sonnenuntergang zu betrachten oder schmale Mauern, auf die man sich legen und den Himmel anschauen soll, immer in Gefahr, hinabzufallen, weshalb, so hofft der Schlossherr von Tarasp, der Gründer der Fundaziun Not Vital in Ardez, der Blick geschärft wird. Vital ist so radikal, dass er dem 900-Seelen-Dorf Sent sein eigenes Idiom verleiht: Pled da Sent, Wort von Sent. Worte von Ramosch. Natürlich berühren sie sich. Vital kennt und achtet Luisa Famos.

 

Chalaverna

Einer der Höhepunkte der Buchvorstellung in Scuol war das Wetterleuchten. Im Buch taucht bei diesem Gedicht nur dieses eine Wort vor, ein Wetterleuchten pro Zeile, der Durchschuss mal größer, mal kleiner. Mal las Vital, mal Pult. Das Wetterleuchten wurde wie sichtbar in der Bar des Hotel Belvedere, denn das Wort heißt „Chalaverna“. Ein Wort, ein Gedicht: Chalaverna / Chalaverna //// Chalaverna / Chalaverna // Chalaverna /// Chalaverna … Im mündlichen Vortrag sollen die Pausen den Abständen entsprechen – von einem Wetterleuchten zum nächsten. Das Buch enthält auch Aufsätze und Tagebuchnotizen nicht nur in den Worten von Sent, sondern auch auf Englisch, Deutsch, Italienisch und in weiteren Sprachen. Vital hat schon ausreichend Stoff für den nächsten Band. Ein Schreibanlass für ihn ist das Erinnern, das Antreten des Künstlers gegen das Vergessen. Dabei kommt ihm die Erfahrung zugute, die er beim Beschreiben seiner Werke gesammelt hat. Wie bei manch guten Gedichten geht es ihm dabei um das zugespitzte Ereignis, um Anekdotisches in markanten Bildern. Das können eigene Trouvaillen sein oder Fundstücke anderer, die er pointiert auch gestisch vorführt, wie die Bedeutung von Schwangerschaft, von der Männer keine Ahnung haben. Das Gefühl ließe sich nachempfinden, indem Mann seine Unterlippe mit beiden Hände greift und hochzieht, hoch und höher, hinauf bis zur Stirn. Vital führt es in Scuol vor, aber natürlich nur bis über die Oberlippe.

 

Ko Un

Not Vitals Erläuterungen zu seinen Kunstwerken waren von Anfang an schon Poesie. Das Lyrische steckt in ihm: Er vergleicht den heimatlichen Schnee mit Gips. Es gäbe die Phase, in der Gips die Konsistenz von Schneebällen hat. Wenn er als erwachsener Künstler Gipsbälle an die Wand eines Ausstellungsraums wirft, dann ist er in dem Moment auch wieder das Kind in Sent, das Schneebälle („Borlas da naiv“) an die Fassaden der mit Sgraffiti verzierten Häuser wirft. Unliebsamen Nachbarn zersplittert dabei schon mal ein Fenster. Archaisch brachiale Gewalt en passant. Oder das Zählen von Stufen, das seine Mutter, die erst vor kurzem nach hundert Jahren und hundert Tagen erfüllten Lebens in Sent starb, intuitiv betrieb, während er es mühevoll memorieren muss. Vital will immer und überall in der Lage sein, sein Habitat zu bauen, so wie er als Kind in den langen Sommerferien Baumhäuser baute und in schneereichen Wintern Höhlen und Tunnels, und dort den Geruch der weiß-grau-blauen Masse um ihn einatmete. Seine Kunst- und Text-Projekte erfordern vollkommene Überzeugung, erklärt er: Fehlt auch nur ein Prozent an Gewissheit, dass eine Idee mit absoluter Leidenschaft umzusetzen ist, dann ergehe es einem wie dem Radfahrer, der abends zufrieden vom Gefährt absteigt, in der Meinung, alles gehe seinen guten Gang, aber der Fahrradschlauch hatte ein winziges Loch und am nächsten Morgen ist der Reifen platt. Einen wesentlichen Schub für Vitals lyrisches Schaffen kam vom Kurator für zeitgenössische Kunst Hans Ulrich Obrist, der ihm Ko Un zur Lektüre empfahl. Seither führt Vital die Bücher Ko Uns immer bei sich. Er besuchte ihn in Südkorea und übersetzte Verse in Worte von Sent. Er lud ihn ins Engadin ein und erzählte ihm von seinen Erfahrungen in Agadez und den Ähnlichkeiten und Unterschieden zu den Erfahrungen in Ardez. Wüstenklima dort, hochalpine Champagnerluft hier. Unterschiede und Ähnlichkeiten der Sprache lenken den Künstler: ArDEZ – AgaDEZ. Unweit der bitterarmen Hauptstadt von Niger, im noch ärmeren Makaranta baute er eine Schule für etwa hundert Kinder. Als sich das herumgesprochen hatte, kamen fünfhundert. Vital drückt es so aus: Sie gingen nicht mehr in die Schule, sie gingen auf die Schule und bis auf die Spitze der Schule. Ein Foto zeigt, wie die vielen Kinder auf dem Bauwerk sitzen, es ganz bedecken. Living sculpture. Kinetische Kunst. Und darüber fliegen Schwalben, es könnten die von Sent sein, die Randulins, die ausgewanderten Schweizer, Wirtschaftsflüchtlinge des 19. Jahrhunderts, die über Süditalien hinausfliegen, Luisa Famos gar: So schlägt Vital Gedankenbrücken von der Hitze Afrikas in die Sommerfrische des Engadins.

 

Buatschas

Vital arbeitet je nach Region und Anlass mit verschiedensten Materialien, u.a. Bronze. Pult sprach in Scuol ladinisch „Bruonz“ aus und betonte jeden Buchstaben. Vital fiel ihm in den Buchstaben (präziser als ins Wort) und verschmolz das U und das O zu einem Laut, wie zu einem einzigartigen Vokal aus Sent. Unvergessen bleiben Vitals frühe Arbeiten in Bronze. Initialzündung waren Kuhfladen. Auf Vallader heißen sie „buatschas“, womit onomatopoetisch das Schallereignis des Klatschens der Kuhkacke auf den Engadiner Boden nachgeahmt wird. (Phonetisch sind die gerundeten Palatale in Vallader Ausnahmeerscheinungen innerhalb des Rätoromanischen.) Besonders gelungene (getrocknete) Exemplare von Buatschas sammelte Vital und ließ sie in Bronze und Gold gießen. Die Objekte sind restlos vergriffen: Wo werden schon so wohlklingende Objekte aus Gold geformt? Not Vitals Bücher haben keine ISBN und erwähnen kein Erscheinungsjahr. Beide Bände wurden sehr sorgfältig hergestellt, in Leinen und mit Ausstanzung im Schutzumschlag. Sie sind im Selbstverlag erschienen, wie die ersten Ausgaben von Luisa Famos. In der Fundaziun Not Vital, Ardez sind sie erhältlich und in manchen Läden und Museen im Engadin, aber auch auf der ganzen Welt, dort, wo Vital wirkt: Romanische Worte aus Ramosch und aus Sent für die Welt.

 

Porträt von Not Vital. Rätoromanisch, mit Untertiteln (falls nicht automatisch, dann zu aktivieren übers Sternchensymbol unten rechts), mit Lesungen des Künstlers.

 

Porträt von Luisa Famos. Rätoromanisch, mit Untertitel.

 

Porträt von Not Vital in rätoromanischer Sprache.

 

 

Buchcoverabbildung (Limmat Verlag)

 

 

 

 

 

 

 

Luisa Famos: Unterwegs / In viadi: Gedichte Rätoromanisch und Deutsch. Übersetzt und mit einem Nachwort von Luzius Keller. 144 Seiten, Hardcover, Leinen bedruckt, € 25,-
ISBN 978-3857918742
Limmat Verlag, Zürich, 2019

 

 

 

Buchcoverabbildung (Fundaziun Not Vital, Ardez)

 

 

 

 

 

 

Not Vital: Kec‘ & frajas. Mehrsprachige Texte. 182 Seiten, Hardcover, Leinen bedruckt mit Schutzumschlag, ca. € 28,-
Fundaziun Not Vital, Ardez, 2019
info@notvital.com

 

 

 

 

 

Nicola Bardola. Foto: privat

Nicola Bardola. Foto: privat

Nicola Bardola, 1959 in Zürich geboren, veröffentlichte als Student an der Universität Bern erste Gedichte und schrieb 1984 an der Universität Zürich im Fach Germanistik seine Lizentiatsarbeit über Theorien moderner Lyrik (u. a. zu Nicolas Born, Rolf Dieter Brinkmann, Jürgen Theobaldy). Seither lebt er in München, wo er seine Kolumne »Lyrik Revue« zunächst für das Münchner BuchMagazin betreute und für die Süddeutsche Zeitung schrieb. Er veröffentlichte Gedichte in Zeitschriften und Anthologien, übersetzte Eugenio Montale ins Deutsche und war Mitbegründer der Initiative Junger Autoren (IJA). Zuletzt erschien von ihm „Elena Ferrante – Meine geniale Autorin“ im Reclam Verlag.

Alle bereits erschienenen Folgen von »Lyrik-Revue« finden Sie hier.

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