LYRIK-REVUE FOLGE 15: Benzinwarme Parkhalle und wassergekühltes Drama

Auszeichnungen, Institutionen, Konferenzen, Lesungen, Poesie im Feuilleton und Lyrik-Neuerscheinungen: Nicola Bardola kommentiert und präsentiert am 20. eines Monats Bemerkenswertes aus der Welt der Verse.

 

Möglich, dass der Tag / als Schuldenberg über uns wächst, heißt es in Beat Brechbühls neuem Gedichtband „Flügel der Sehnsucht“. Er trifft das Gefühl, das sich in den Lesern manchmal breitmacht, wenn sie Pflichten verdrängen, wenn sie Vergnügungen nicht mehr genießen, wenn sie lesen, um den vielen Auf- und Abgaben zu entfliehen. Brechbühl, geboren 1939, ist ein Urgestein der Schweizer Lyrik, ein Fels des Wortes in der Kommerzflut der Verlage. Brechbühl ist gelernter Schriftsetzer, war in den 1960er Jahren Herstellungsleiter im Diogenes Verlag, in den 1970er und 1980er Jahren Leiter des Zytglogge Verlags. In jener Zeit gründete er auch den legendären Waldgut Verlag und wenig später das Bleisatz- und Buchdruck-Atelier Bodoni. Das Stellen der Schrift, das Setzen der Buchstaben spürt man bei den Worten des weitgereisten Schweizers:

Beat Brechbühl

Beat Brechbühl (Foto: Wolfbach Verlag)

 

In Kalambaka, auf einem rottrockenen Hügel,
fand ich als einziges Gewächs eine Distel,
ihr Stengel trug einen silbernen Flaum,
die Blütenblätter bläulich als Wolken, mit weißem Herz,
Blütenzungen mit roten Adern,
sie bewegten sich in der Sonne,
und die Sonne zitterte durch die Haare,
kein Frost, keine Absage, keine Sorgen.
Ich würde Disteln heiligsprechen.

 

Diesen Text widmet Brechbühl Jannis Ritsos. Viele der hier versammelten Gedichte sind seine persönlichen Favoriten, die zwischen 1962 bis 2006 in seinen Gedichtbänden erschienen sind. Entsprechend vielfältig sind die Ausdrucksweisen, die von der pathosgeladenen Elegie bis zum Aperçu reichen.

Wetterbericht

Mal so.
Mal anders.
Mal so wie so.
Mal anders als anders.
Aber immer gibt das Wetter zu reden.
Denn niemand ist so wie anders,
und alle sind anders als
so.

Spielerisch schlägt Brechbühl, der am 28. Juli 2019 seinen 80. Geburtstag feiert, semantische Brücken von den Banalitäten des Alltags zu den Hinweisen auf die verborgenen Schichten unserer Existenz. Auf Reisen lässt Brechbühl meist Milde walten. Die Mittelmeertexte sind auf Anhieb erkennbar: Verneigungen vor der Natur, vor dem aufrichtigen Gefühl. Die Schweiztexte hingegen zeugen oft von einer ganz eigenen Härte, von Kälte wie in „Kaltes Gedicht“:

Wir sind nie
aufrichtig mit uns.
Wir laufen in die Zukunft
davon.
Wir laufen in die Erinnerung
davon.
Wir laufen in die Logik
davon.
Wir laufen in die Gefühle
davon.
Wir laufen in Gesetze davon.
Wir laufen in die Arbeit davon.
Wir laufen in die Liebe davon.

 

Beat Brechbühl

Beat Brechbühl in der Mitte (Foto: Urs Heinz Aerni/Bodoni-Club)

Brechbühl ist der Rebell am Rande der reichen Gesellschaft und seine Lyrik kann deshalb auch politisch sein wie in „Kreditinstitute“:

Die eine Hand gibt.
Die andere nimmt.
Die dritte nimmt & gibt dir
den Rest.

Nüchtern auch Brechbühls Urteil über das Heiligste der Eidgenossen wie in „Wahlen“:

Ja oder nein sagen.
Dabei
liegt längst
alles
zwischen,
oder außerhalb
dieser hinkenden
Ja oder Nein.

 

Aber zurück zur Brechbühlschen Wahrnehmung der Umgebung. In der Ferne wie in der Nähe prägt ihn stets die Landschaft, verbindet sich mit der Sucht, sie zu schildern, so treffend, wie niemand vor ihm, mit der Sucht auch nach Verbotenem:

Immer wenn ich in unterirdische
Parkgaragen komme, stellt sich der Wunsch ein:
einen Film zu machen in
einer mauerlos widerhallenden
benzinwarmen Parkhalle, einen
Kriminalfilm vielleicht
oder ein poetisches leicht wassergekühltes
Drama;
das ist wie die undiskutierbare Lust
auf eine Zigarette.

 

Alle Zitate: © Beat Brechbühl

 


Video: Beat Brechbühl, Beat-Poet in den 1960er Jahren über Ärger und Wut, über Langeweile und die brave Schweiz im Gespräch bei Sprachsalz 2014 mit Gedichten aus „Böime, Böime! Permafrost & Halleluia“ (Wolfbach Verlag, 2014)

 

Buchcover "Flügel der Sehnsucht" von Beat Brechbühl

Coverabbildung (Wolfbach Verlag)

 

 

 

 

 

 

Beat Brechbühl: Flügel der Sehnsucht. Gedichte.
136 Seiten. Die Reihe, Band 59, herausgegeben von Markus Bundi.
Englische Broschur, € 18,00
ISBN: 978-3-906929-28-6

 

 

 

 

Nicola Bardola. Foto: privat

Nicola Bardola. Foto: privat

Nicola Bardola, 1959 in Zürich geboren, veröffentlichte als Student an der Universität Bern erste Gedichte und schrieb 1984 an der Universität Zürich im Fach Germanistik seine Lizentiatsarbeit über Theorien moderner Lyrik (u. a. zu Nicolas Born, Rolf Dieter Brinkmann, Jürgen Theobaldy). Seither lebt er in München, wo er seine Kolumne »Lyrik Revue« zunächst für das Münchner BuchMagazin betreute und für die Süddeutsche Zeitung schrieb. Er veröffentlichte Gedichte in Zeitschriften und Anthologien, übersetzte Eugenio Montale ins Deutsche und war Mitbegründer der Initiative Junger Autoren (IJA). Zuletzt erschien von ihm „Elena Ferrante – Meine geniale Autorin“ im Reclam Verlag.

Alle bereits erschienenen Folgen von »Lyrik-Revue« finden Sie hier.

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