Lyrik-Revue – Folge 2: Nackte Daseinskerne: Gedichte aus drei Jahrzehnten von Matthias Politycki

Auszeichnungen, Institutionen, Konferenzen, Lesungen, Poesie im Feuilleton und Lyrik-Neuerscheinungen: Nicola Bardola kommentiert und präsentiert am 20. eines Monats Bemerkenswertes aus der Welt der Verse.

 

Der erste Text dieses umfangreichen Bandes »Sämtliche Gedichte. 2017 – 1987« entstand in Phnom Penh im August 2017 und wird nun erstmals veröffentlicht. Es berichtet von flimmernden Straßen voller Verheißung, die beim Näherkommen ihren Ramsch und Glitzerkram ohne Götter, gar ohne Teufel präsentieren. Ratten und Menschen sind draußen und wühlen im Müll. Drinnen steht die Stille und ist voller Mücken und die Geckos schnalzen vor Freude.

In die Ferne

Beobachtungen von Kontrasten und von enttäuschten Erwartungen, die sich unter den Oberflächen offenbaren und überraschende Wendungen am Ende sind oft anzutreffen auf diesen fast 600 Seiten Lyrik aus über drei Jahrzehnten. (Hinzu kommen ein Nachwort, mehrere Verzeichnisse und eine editorische Notiz). Es war eine kluge Entscheidung, in der Gegenwart anzufangen und sich langsam in die Vergangenheit des poetischen Gesamtwerks von Matthias Politycki voranzutasten. Die manchmal manierierten Anfänge sind gut am Ende dieses Buches aufgehoben. Läse man beispielsweise »Penners Nachtlied (I)« von 1976 als Auftakt (»Unter allen Brücken / ist Ruh (…) Warte nur, balde / Schnarchst du dort auch«), käme man vielleicht trotz der zwei Lesebändchen (eines silbergrau, eines dunkelgrün) nicht recht voran in diesem leinengebundenen Buch mit dem Monogramm »MP«, elegant umkreist und schwarz in den hellgrünen Umschlag geprägt. So aber begleiten die Leser den oft reisenden Dichter (über hundert Länder bisher), der längst den sicheren Blick für zu Versprachlichendes in der Fremde entwickelt hat von der nahen Vergangenheit in die ferne und in die Ferne.

Sekundenschmerz

In »Die Kraftprobe« begegnet der Ich-Erzähler Tag für Tag einem lässig schlendernden und grinsenden Bettler auf dem Alten Markt in Phnom Penh, der nicht auf Mitleid und milde Gaben aus ist. »Auf der rechten Seite des Schädels / hing ihm gelbbraun ein Beutel aus Haut und – / ja was denn? – bis auf Schulterhöhe runter«. Im unteren Teil formt sich der Beutel zu einer Kugel, »groß wie eine Honigmelone«. Nach acht Tagen bleibt dem Beobachter nur die Flucht, »anderen Bettlern entgegen.« Früher hätte MP für diese Situation vielleicht noch eine sarkastische, gar humoristische Wendung gefunden. Heute bleibt das Grauen gnadenlos. Wie witzig ist dagegen der Gruselklassiker von 2001 »Ratschlag zum Verzehr der Seidenraupe«, worin ihm ein Schweizer »Mundprobendichter« in Pusan erklärt, die dunkel gesottenen Raupen lägen ganz leicht auf der Zunge, die hellen hingegen seien nicht ganz durch. Beim Stich mit dem Zahnstocher (»wie du ihn oft schon in Würfel aus Käse gestoßen«) könnten sie zum letzten Sekundenschmerz erwachen: »Die spritzen, sobald sie dir in die Zähne geraten.«

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So gut wie tot

In Kampong Thom begegnet das lyrische Ich 2017 einer klugen Frau, einer Analphabetin. Als es ihr sagt, dass es ein Gedicht über sie schreiben wird, weiß sie nicht, was ein Gedicht ist. Das führt zu einer »vollendeten Stille«, zu Verwirrung und zu Belustigung. Die »Fieberphantasie I« von 2015 behandelt treffend wie selten zuvor ein wiederkehrendes Thema MP’s: Kranksein in der Fremde. Das geschieht so oft, dass die Leser den Eindruck gewinnen könnten, MP fliege in die Tropen oder sonst wohin, um Liebeskummer, Sehnsucht und Heimweh stärker zu spüren oder um sich unbekannte Infekte einzufangen, die er mal dramatisch, mal kabarettistisch zur Sprache bringt. Hier – die Lage ist durchaus ernst – kommen immer wieder zwei Zimmermädchen ans Krankenlager, ein flüchtig lächelndes und ein kopfschüttelndes. »Mit der einen wirst du / fast auf der Stelle gesund. / Bei der anderen bist du bereits / so gut wie tot.«

In allererster Linie Lyriker

Der Prozess des Genesens verdrängt nur kurzzeitig den Generalverdacht in diesem Buch, das Leben sei sinnlos und überflüssig. Dagegen kämpft MP zur Freude der Leser immer wieder mit Mitteln der Lyrik an nach seinem Motto: »Form ist Wollust«. Seine Thesen zur Poesie im Ohr (u.a.: »Man kann Gedichte schreiben und trotzdem ein glücklicher Mensch sein«) erfreuen sich die Leser an MP als klassisch geschultem Lyriker, der Wert legt auf Musikalisierung und Rhythmisierung der Sprache, auf Metrik und bis heute auch auf formstrenge Sonette. Nach der Promotion arbeitete der 1955 geborene MP drei Semester als akademischer Rat, um dann die Universitätslaufbahn abzubrechen. Bis heute überrascht er als freier Schriftsteller mit nicht nachlassender Produktion stets aufs Neue. Eine Konstante in seinem umfangreichen Werk bildet die Poesie: »Ich war von Anfang an und bin noch heute in allererster Linie Lyriker«.

Matthias Politycki. Foto: Volker Derlath

MP arbeitet, wartet, wartet nicht

Überragend in »Oktobermißmut« der Blick in eine farbenprächtige Baumkrone. Gespräche über Bäume oder darunter bedürfen keiner Rechtfertigung, sondern des scharfen Blicks. In »Der Mann und der Baum« aus »Ashai-Blues« spricht ein Alter, vielleicht arbeitslos oder betrunken, lange mit einem Baum, derweil der Beobachter von Mücken geplagt wird, der merkwürdige Mann aber nicht (vielleicht ein Heiliger): »Wahrscheinlich kann er / nicht nur mit Bäumen reden, / sondern auch mit Mücken.« In Osaka begegnet der Beobachter den Denksprüchen der Zen-Meister. Die klugen und undurchdringlichen Anweisungen münden in eine erlösende: »Bleib sitzen und schau. / Das meiste versäumst du sowieso.« MP schaut. In der heimischen Stadt sieht er ein Kuba-T-Shirt mit der Aufschrift: »Don’t work for it. Wait for it.« In einer anderen Stadt sieht er ein Zen-Shirt: »Don’t wait for it.« MP lässt sich nicht beirren. Er arbeitet dafür. Er wartet darauf. Dann beendet er das Warten. Schließlich beginnt er verdrossen wieder von vorne. MP arbeitet, wartet, wartet nicht.

Knapp davongekommen

Die Nähe von Glück und Unglück, das Verschmelzen von Extremen, Blitzlichter flüchtigster Emotionen leuchten auf in »Soundtrack des Frühlings« oder in Sätzen zur Sehnsucht aus der Fremde (»Nicht an dich zu denken, das war damals das Glück«). Vielleicht am Treffendsten formuliert MP den Gegensatz in »Die Umarmung« von 2004: »Wie unbeschreiblich viel an Glück das damals war – / wie unbeschreiblich viel Erschrecken über so viel Glück.« So fasziniert die Lektüre in MP’s sämtlichen Gedichten in einem fort, beispielsweise wegen der ganz unvermittelten »Anfälle weltvernarrter Düsternis« oder wegen des Geplappers »vom anderen Ende der Ausweglosigkeit«. Viele Texte kommen leicht daher, haben aber eine je eigene und manchmal lange Entwicklungsgeschichte bei der Suche nach dem »nackten Daseinskern«. Das Empfinden bei der totalen Sonnenfinsternis 1999 konnte MP erst viele Jahre später formulieren: »… sah’n uns an wie knapp davongekommen.«

Beitrag ans Hermetische

MP muss nicht weit reisen, um gute Stoffe für seine »Realpoesie« zu finden. Im Wintergedicht »S-Bahnstation mit Sperlingsgezirp« schildert er beispielsweis ein hiesiges Idyll mit Brüchen, das plötzlich gestört wird durch jemanden, der drauflostelefoniert »und gleich so laut, dass er sich / im Dampf seiner Worte auflöst.« Nicht selten hat MP’s Lyrik eine bestimmte Funktion, und sei es wie hier, ein Ventil für Frust und Wut zu sein. Schön für die Leser, die bei Bedarf diese Bilder selbst ins Leben setzen können. In diesem Band sind besonders unterhaltsame Dialektgedichte, besonders anregende Parallelgedichte (variierte Doppellyrik) oder aus den Anfangsjahren besonders anregende experimentelle Lyrik enthalten. Ein Blick auf den Beginn des alphabetischen Verzeichnisses der Gedichtüberschriften und Gedichtanfänge mutet selbst wie eine (nicht-) sprachliche Versuchsanordnung an: Die sieben ersten Gedichte sind nach Symbolen benannt. Das Alphabetische ist hier wohl MP’s kleiner Beitrag ans Hermetische. Es folgen Doppelpunkte, Anführungszeichen, Klammeraffen und etliche Ziffern. Erst dann geht es konventionell mit »A« wie »Abendgesellschaft« weiter.

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00870

Bekannt wurde MP als Romancier (u.a. »Weiberroman«, »Herr der Hörner«). Seinen Essays, Kurzgeschichten und Romanen sind ebenso sorgfältig edierte Editionen zu wünschen. Dabei könnte auch »Die Farbe der Vokale« von 1998 neu diskutiert werden. MP löste damals Debatten aus. Begriffe wie »neue deutsche Lesbarkeit« oder »neue Äußerlichkeit« als Kennzeichen einer »1978er Literatur« standen der etablierten »neuen Innerlichkeit« als Kennzeichen nicht nur der »1968er Literatur« gegenüber. Das Dilemma, dass letztere bereits mit beträchtlichem Erfolg das Ende der hermetischen Lyrik proklamiert, Gedichte wie Rocksongs geschrieben und sich mit unartifizieller, konkreter oder politischer und privater Lyrik durchgesetzt hatte, bleibt bestehen in einer Zeit, in der beispielsweise Jan Wagners »Regentonnenvariationen« Spiegel-Bestseller sind. Deshalb bleibt mein silbergraues Lesebändchen zwischen den Seiten 604 und 605 liegen, wo Wolfgang Frühwald im Nachwort über MP’s Thesen nachdenkt. Das dunkelgrüne liegt zwischen den Seiten 332 und 333, also zwischen einem stinknormalen heißen Tag und verschwundenen Disteln. Inzwischen möge MP immer wieder selbst verschwinden und schauen und schreiben und zu uns zurückkehren. Für Notfälle gibt er den Lesern in »Ein Anschluss unter dieser Nummer« Vorwahlnummern für die Weltmeere. Zuletzt empfiehlt er die 00870 für Ozean im Allgemeinen. »Wenn du mich fragst: Nimm die!«

Matthias Politycki
Sämtliche Gedichte 2017 – 1987

Mit einem Nachwort von Wolfgang Frühwald und 13 Bildern von Jochen Hein
Hoffmann und Campe, Hamburg 2018
Hardcover, 640 Seiten
ISBN 978-3-455-40623-8

 

Nicola Bardola. Foto: privat

Nicola Bardola. Foto: privat

Nicola Bardola, 1959 in Zürich geboren, veröffentlichte als Student an der Universität Bern erste Gedichte und schrieb 1984 an der Universität Zürich im Fach Germanistik seine Lizentiatsarbeit über Theorien moderner Lyrik (u. a. zu Nicolas Born, Rolf Dieter Brinkmann, Jürgen Theobaldy). Seither lebt er in München, wo er seine Kolumne »Lyrik Revue« zunächst für das Münchner BuchMagazin betreute und für die Süddeutsche Zeitung schrieb. Er veröffentlichte Gedichte in Zeitschriften und Anthologien, übersetzte Eugenio Montale ins Deutsche und war Mitbegründer der Initiative Junger Autoren (IJA).

Alle bereits erschienenen Folgen von »Lyrik-Revue« finden Sie hier.

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