LYRIK-REVUE FOLGE 23: In der Luft untergehen

Auszeichnungen, Institutionen, Konferenzen, Lesungen, Poesie im Feuilleton und Lyrik-Neuerscheinungen: Nicola Bardola kommentiert und präsentiert am 20. eines Monats Bemerkenswertes aus der Welt der Verse.

 

„Nur was uns anschaut, sehen wir“. Mit diesem Motto von Franz Hessel beginnt der neue Gedichtband Eva Christina Zellers „Proviant von einer unbewohnten Insel“. Der immer berühmter werdende Satz des Flaneurs Hessel des Jules in Rochés Roman „Jules et Jim“, entspricht nur bedingt Zellers Art der Betrachtung und deren Versprachlichung. Rilkes in „Malte Laurids Brigge“ festgehaltener Satz „Ich will sehen lernen“ käme Zellers poetischem Blick näher. Zeller lernt nicht nur sehen, Zeller richtet ihren Blick auf Landschaften und Tierwelten, auf Ereignisse und Emotionen, die nicht nur keine Augen für sie haben, sondern sich sogar der Betrachtung der Dichterin entziehen. So betreibt Zeller schon zum Auftakt des Buches Birdwatching: Das Nest ist leer im ersten Gedicht, aber am Tag davor schauten die Jungen noch zirpend hinaus. Der Leser weiß, den ersten Flug, den will niemand verpassen, schon gar nicht die Erzählerin. Fabelhaft Zellers Aufbau der Spannung nicht nur über einen Vers, sondern über die Strophe hinweg. Zeller spricht von den Jungen: „… hingen über der reling / als würden sie gleich in der luft // untergehen …“.

Alle Ängste der Eltern, wann und wie es der Nachwuchs wohl schaffen wird, flügge zu werden, konzentrieren sich in diesem Bild des Ertrinkens im Äther. Zeller hat den Absprung der Jungen verpasst. Sie kann ihn sich nur noch vorstellen: „… das fallen der schrei / und dann / ein öffnen der flügel“. Die Imagination spielt bei Zeller ein große Rolle, Visionen künftiger oder Rekonstruktionen vergangener Vorgänge. Aber zuvor verbindet sie sich mit der Natur. Steine, Wind, Heidekraut, Schlangen, Möwen, Schwalbenkinder tauchen auf Zellers Insel auf. Die Besucherin will nicht stören und entschuldigt sich „mit genauem schaun“ für das Seufzen bei den Toten, das sie auslöst. Zeller findet ein Wort, das das Betrachten zwischen Hessel und Rilke stellt, als sie von einem Stein spricht: „… wenn du ihn lange anstarrst / ihn augenwärmst er bleibt ein stein …“ Eva Christina Zeller ist die Augenwärmerin: Sie blickt das lange an, was angeblickt werden will. Wir LeserInnen vollziehen mit Verspätung das Verhältnis der Dichterin zu ihren Gegenständen nach und spüren die Temperaturunterschiede. Zeller will Eins werden mit der Umgebung: „jetzt weiß ich warum ich nackt / auf der insel herumlaufe // damit keine farbe den einklang stört“.

Der Stein, der die Eiszeit kennt, „tonnen von eis auf sich drauf“, danach auch „vokale aus stein“, „steine statt äpfel“, Ringelnattern und U-Boot-Periskope gehen ineinander über, Sternblumen und Spinnen, Streiflichter und Geister, denen wir Brot hinlegen sollen und es heimlich selber essen. Dieser Gedichtband ist ein großer lyrischer Urlaub für Daheimgebliebene, denn es werden auch Befindlichkeiten der Autorin auf Postkarten-Art geschildert. Im Gedicht „glück und langeweile“ beispielsweise: „… hängen zusammen, sagt roland barthes / wie denn bitte? / draußen passiert lange nichts …“ Die Schauplätze befinden sich auf Ingmar Bergmanns Insel Fårö, auf einer kleinen Schäre vor der Küste Irlands und an weiteren Wasser-, Stein- und Papier-Orten. Mit ihrer Sprachschere schneidet Zeller ihre Bilder aus und fügt sie auf ungewöhnliche Weise wieder zusammen: „die steine schweigen abrupt wenn du sie betrittst / sie tun unschuldig / sie brauchen dich nicht“.

 

"Proviant von einer unbewohnten Insel. Gedichte" von Eva Christina Zeller

Buchcover-Abbildung (Verlag klöpfer, narr)

 

 

 

 

 

 

Eva Christina Zeller
Proviant von einer unbewohnten Insel. Gedichte
Verlag Klöpfer, Narr, Tübingen
142 Seiten. Hardcover mit Lesebändchen.
20 Euro. ISBN 978-3-7496-1030-3

 

 

 

 

Nicola Bardola. Foto: privat

Nicola Bardola. Foto: privat

Nicola Bardola, 1959 in Zürich geboren, veröffentlichte als Student an der Universität Bern erste Gedichte und schrieb 1984 an der Universität Zürich im Fach Germanistik seine Lizentiatsarbeit über Theorien moderner Lyrik (u. a. zu Nicolas Born, Rolf Dieter Brinkmann, Jürgen Theobaldy). Seither lebt er in München, wo er seine Kolumne »Lyrik Revue« zunächst für das Münchner BuchMagazin betreute und für die Süddeutsche Zeitung schrieb. Er veröffentlichte Gedichte in Zeitschriften und Anthologien, übersetzte Eugenio Montale ins Deutsche und war Mitbegründer der Initiative Junger Autoren (IJA). Zuletzt erschien von ihm „Elena Ferrante – Meine geniale Autorin“ im Reclam Verlag.

Alle bereits erschienenen Folgen von »Lyrik-Revue« finden Sie hier.

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