LYRIK-REVUE FOLGE 24: Zwischen Backbeat und Onbeat

Auszeichnungen, Institutionen, Konferenzen, Lesungen, Poesie im Feuilleton und Lyrik-Neuerscheinungen: Nicola Bardola kommentiert und präsentiert am 20. eines Monats Bemerkenswertes aus der Welt der Verse.

 

John Lennon wäre am 9. Oktober 2020 80 Jahre alt geworden. Am 8. Dezember vor 40 Jahren wurde er in New York erschossen. Drei Neuveröffentlichungen stellen seine Songtexte in den Vordergrund, die er abseits der Beatles als Solokünstler interpretierte. „Gimme Some Truth“ heißt eine neue CD- und Vinyl-Veröffentlichung mit 36 Liedern, die John Lennon zwischen 1969 und 1980 geschrieben hat. Im 20-seitigen Büchlein sind drei Faksimiles der Manuskripte enthalten. Sie zeigen Lennons Art, seine Poeme zu notieren: Die unkontrollierte Handschrift neigt weder nach links noch nach rechts. Bei allem Furor stehen die Buchstaben meist senkrecht da, zeugen von Entschlossenheit. Manchmal neigen sie leicht nach links, wie im Titelsong der Anthologie „gimme some truth“. Es schwingen der Trotz und die Wut gegen die verlogenen „pig headed politicians“ mit. Lennon benutzt hier keine Großbuchstaben. Sie würden den Schreibvorgang bremsen. Aber er rückt manche Verse ein, was der zornigen Melodie entspricht, die er offenbar schon im Kopf hat. Später fügt er eingekreiste Nummern am linken Rand hinzu, um die Strophen zu ordnen. Streichungen und Verbesserungen zeugen von seiner überbordenden Kreativität beim Festhalten in Eile dieser Worte, beim Schrei nach Wahrheit.

Das erste Lied, das John Lennon ohne die Beatles, ohne Paul, George und Ringo verwirklicht, wird am ersten Juni 1969 in Montreal in einer Suite, im Room 1742 des Hotels Queen Elizabeth aufgenommen. „Jeder redet über Sackismus, Teppichismus, Fummelismus, irrer Ismus, Lumpenismus, Etikettismus. Dieser Ismus, jener Ismus, Ismus, Ismus / Jeder redet über Revolution, Evolution, Masturbation, Integration, Meditation / Alles, was wir sagen ist: Gebt dem Frieden eine Chance.“ Der Text ist im Original ausführlicher und die letzte Zeile wird oft wiederholt: Sie ist ursprünglich ein Satz, den John den Journalisten sagte, „give peace a chance“. Sie wird zu einem Slogan, zu einer Schlagzeile, zu einem Mantra, eingebettet in Sackismus- oder Evolution-Wortreihungen. Damit antizipiert John den späteren Sprechgesang im Hip-Hop. Lennon, der frühe Rapper, der schnell und rhythmisch markant seine politische Botschaft unters Volk bringt, aufgezeichnet während des einwöchigen „Bed-Ins“, einer Performance, die auf Yoko Onos Kunstauffassung zurückgeht: Die öffentliche Aktion ist selbst schon Artefakt. Zudem weckt die Bezeichnung „Bed-In“ voyeuristische Instinkte der Weltpresse. Doch John und Yoko enttäuschen die scharenweise anreisenden Reporter. Es geht nicht um Sex, sondern um ihre Friedensbotschaft.

Improvisation und Spontaneität bestimmen dieses Lied. Es entsteht in der Hotel-Suite mit einer Gruppe von Gästen, darunter Petula Clark, Rosemary und Timothy Leary, Antony Fawcett, Tommy Smothers, Derek Taylor und auch Yoko Onos Tochter Kyoko Cox. Die Soundqualität ist dürftig. Es geht nicht um Perfektion. Es geht um die Message. Eine kleine, eingängige Melodie transportiert den Wunsch nach Weltfrieden. John betont den besonderen Charakter der Worte: „It wasn’t like ‚You have to have peace!‘ Just give it a chance.“ Kein Befehl, lediglich ein Vorschlag, eine Idee, eine Einladung, die Sache anders zu sehen, eine Veränderung in Betracht zu ziehen. Die friedliche Melodie verstärkt diesen zurückhaltenden Charakter, der alles andere als kämpferisch ist. John betont an anderer Stelle, Gewalt erzeuge Gegengewalt, Frieden lasse sich nicht mit Gewalt erzielen.

Der Song wird rasch zum neuen „We Shall Overcome“. Am 15. November 1969 singen ihn fast eine halbe Million Menschen vor dem Weißen Haus in Washington, in dem sich Richard Nixon aufhält. Als John das im Fernsehen sieht, ist das für ihn „einer der größten Augenblicke in meinem Leben“. Ein Gedicht, zwei akustische Gitarren, eine simple Melodie und ein gemischter Chor werden zur Friedenshymne, damals gegen den Vietnamkrieg, heute gegen jede Form von Gewalt. Das Buch von Paul Du Noyer „John Lennon – Seine Songs komplett von 1969 bis 1980 – Alle Songs. Alle Stories. Alle Lyrics“ erläutert nicht nur die Entstehungsgeschichten der Lieder, sondern bettet die Texte auch in den historischen Kontext. Das reich bebilderte Buch besticht durch ein klares Layout. Kleines Manko: Die Songtexte selbst wurden nicht ins Deutsche übersetzt.

Großformatiger, umfangreicher und bibliophiler als Du Noyers Buch ist das bisher nur auf Englisch erschienene Buch „John & Yoko / Plastic Ono Band – By John Lennon & Yoko Ono – With contributions from people who were there“. Nicht nur die Buchdeckel sind bedruckt, sondern auch die Buchblockkanten, oben und unten ganz in schwarz, seitlich – gegenüber dem Buchrücken – schwarz (als Hintergrund) und weiß (als Buchstabenfarbe) mit den Worten: „Who are the Plastic Ono Band?“. Dies ist bislang die umfassendste und reichhaltigste Darstellung von John Lennons Lyrics, üppig auch mit unveröffentlichten Fotos, Faksimiles und Zeichnungen bebildert und mit vielen Augenzeugenberichten. Hier kommt beispielsweise Petula Clark zu Wort. „Downtown“ ist ihr aktueller Welthit. Sie berichtet, wie sie in Montreal ein Konzert in französischer und englischer Sprache dargeboten hat. Jedes Mal schlug ihr eine Welle der Missgunst und des Hasses aus dem Publikum entgegen von der jeweils anderen Sprachgruppierung. Verzweifelt und weinend kommt sie in der Suite von John und Yoko an. Die beiden trösten sie, bringen sie auf andere Gedanken. Und laden sie ein, beim Friedenslied mitzusingen.

So einfach wie ein Kinderlied wirkt der Refrain in „Give Peace A Chance“, aber es dauert, bis alle Mitstreiter den Rhythmus verstehen. Er ist unabdingbar, um die beiden dahingesagten Alltagssätze in einen Welthit zu verwandeln. Sogar John selbst hat Probleme: „My rhythm sense has always been a bit wild. If you hear the record, halfway through it, I got on the onbeat instead of the backbeat“. Das Buch verzichtet auf Herausgeber oder auf Kommentatoren, die all die zahlreichen, oft neu eingeholten Zitate interpretieren. Die LeserInnen bilden sich selbst aufgrund der O-Töne ihre Meinung. Auch Lennonisten, die schon alle wesentlichen Bücher über den Beatles-Gründer kennen, werden hier fündig. Das Buch vertieft das Verständnis für Lennons Lyrics.

 

John Lennon: Gimme Some Truth. 2 CDs mit Booklet (und weitere Ausgabeformen), Universal 2020. Euro 14,65

John Lennon, Seine Songs Komplett von 1969-1980

Buchcover-Abbildung (Edition Olms)

 

 

 

 

 

 

Paul Du Noyer: John Lennon – Seine Songs komplett von 1969 bis 1980 – Alle Songs. Alle Stories. Alle Lyrics. Edition Olms 2020. Übersetzung: Michael Auwers. 192 Seiten, Euro 29,95. ISBN-13: 978-3-283-01296-0

 

 

 

John & Yoko, Plastic Ono Band

Buchcover-Abbildung (Thames & Hudson)

 

John Lennon und Yoko Ono: John & Yoko / Plastic Ono Band – By John Lennon & Yoko Ono – With contributions from people who were there. Thames & Hudson 2020. 288 Seiten, Euro 35,99. ISBN 978-0500023433

 

 

 

 

 

Nicola Bardola. Foto: privat

Nicola Bardola. Foto: privat

Nicola Bardola, 1959 in Zürich geboren, veröffentlichte als Student an der Universität Bern erste Gedichte und schrieb 1984 an der Universität Zürich im Fach Germanistik seine Lizentiatsarbeit über Theorien moderner Lyrik (u. a. zu Nicolas Born, Rolf Dieter Brinkmann, Jürgen Theobaldy). Seither lebt er in München, wo er seine Kolumne »Lyrik Revue« zunächst für das Münchner BuchMagazin betreute und für die Süddeutsche Zeitung schrieb. Er veröffentlichte Gedichte in Zeitschriften und Anthologien, übersetzte Eugenio Montale ins Deutsche und war Mitbegründer der Initiative Junger Autoren (IJA). Zuletzt erschien von ihm „Elena Ferrante – Meine geniale Autorin“ im Reclam Verlag.

Alle bereits erschienenen Folgen von »Lyrik-Revue« finden Sie hier.

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