Lyrik-Revue – Folge 3: Tod, Trauer, Inferno – »Elegie« von Mary Jo Bang

Auszeichnungen, Institutionen, Konferenzen, Lesungen, Poesie im Feuilleton und Lyrik-Neuerscheinungen: Nicola Bardola kommentiert und präsentiert am 20. eines Monats Bemerkenswertes aus der Welt der Verse.

 

Mary Jo Bang macht sich im Gedichtband »Elegie« auf sprachliche Spurensuche nach ihrem verstorbenen Sohn Michael Donner Van Hook (1967 bis 2004). »Warum bist du nicht, wo du hingehörst? / Ein schwarzer Hut am Haken sagt nichts.« Er war lange drogensüchtig, und Freunde trösten sie, er habe jetzt seine Ruhe. Doch sie resümiert: »Es gibt kein Schlimmer / als diesen Schlussakt deines Verschwindens / hinter dem Vorhang der Suchtkatastrophe.«
Mary Jo Bang mischt das Davor und das Danach. Sie kehrt zurück bis zur Geburt. »Das ist mein Kopf, und du / tust alles, was du je getan hast, auf einmal.« Sie kehrt zurück bis vor die Geburt, überlegt, was wäre, hätte sie sich nicht zu dem Mann ins Bett gelegt. Sie wüsste nichts übers Muttersein, nichts vom Tod, nichts von der Liebe. Im Hintergrund des Dramas spielt sich ein weiteres ab: Schon 1998 schrieb Bang ein Gedicht zum Gemälde »Three Trees« von Michael Van Hook. Ihr unehelicher Sohn, künstlerisch begabt, malt Bäume, und die Mutter kommentiert: »The question is no longer how to make a tree look identical to the tree the eye sees but to try to move out of that to some idea of ›treeness‹.« Wenige Jahre vor seinem Tod bringt Michael seine Mutter dazu, anhand seines Gemäldes »Three Trees« vom Baum und vom Abbild des Baumes Abstand zu nehmen, um eine Art »Baumhaftigkeit« (»treeness«) zu erfassen, was ihr später hilft, das Reich der Gleichzeitigkeit zu betreten.

Im Reich der Gleichzeitigkeit

Bang zählt mit vor Kummer vernähten Mutterlippen, mit Nachtfenstern an den Augen die Tage, Wochen und Monate nach seinem Verschwinden. Es sei leicht, den Tag im Rücklauf einzuschmelzen, zu dem, woraus er gemacht war, nämlich »Trauer und dem stummen Universum«. Die Zeit drängt sich ihr dauernd auf: »Ziffern gafften stumm vom Blatt«. Manchmal wartet die verlassene Mutter auf Besserung, auf Heilung ihrer Wunden. Vergeblich im Angesicht der Urne. »Da sind wir also, / sagte sie zu der Kapsel neben dem Schreibtisch, / und hier werden wir sein, weiter-und-weiter / leben im Reich der Gleichzeitigkeit.« »Elegie« endet nie. Aschegedichte, geschrieben in die Unendlichkeit.

Weg vom Katastrophengrund

Die Rolle der Elegie sei es, der Tragödie die Totenmaske anzulegen, schreibt Bang: sich zu verneigen vor der kulturellen Debatte über die Ästhetisierung der Trauer, des Verlusts, der unerträglichen Nachbilder des einst Stofflichen, damit man irgendwann damit endgültig durch ist und wirklich die Klappe fällt. Aber Bang akzeptiert die Rolle nicht. Sie schreibt weiter neue Bildunterschriften für den Schluss, der einfach nicht sein kann. Nicht immer nimmt Bang dabei Rücksicht auf die Leser und breitet manchmal private Assoziationen aus. Wir folgen ihr, so wie sie ihrem Sohn folgt. Für ein Jahr nach seinem Tod erlaubte sie sich, darüber zu schreiben, aber nur ein Jahr lang, auf keinen Fall länger. Mary Jo Bang legte nach dem vollendeten Jahr die Gedichte weg. Wenn eine Zeitschrift nach Texten fragte, schickte sie welche – und war überrascht, dass man sie veröffentlichte. 2007 erschienen sie dann gesammelt in Buchform: ein herausforderndes Trauer- und Trostbuch, ohne Trost spenden zu wollen – und wegen des hohen Anspruchs, wegen der manchmal abgehobenen, in fernen Galaxien irrenden Wörter, der schnelldrehenden Solarleichen, des Nachglühens einer Sterngeburt noch tröstender. Indem es ablenkt, lenkt es eben dorthin zurück, trifft den wunden Punkt: »Du bist reduziert / auf die Nachtrauer, / die mir ein Leben lang bleiben wird. Das haarraufende / Leid der Mutter, / deren Kind weggefegt wurde / vom Nadelbesen / ihrer vielen gedankenlosen Fehler.« Wie Sisyphos schiebt Bang ihren Sohn zurück, weg vom Katastrophenabgrund.

Knopfaugengeister

Einer der letzten Texte des Bandes trägt den Titel »Anarchie«. Darin kommen ein »Weißbekittelter« vor, ein »death-head«, ein »Fabelwunder«, ein »many-breasted heart«, ein »Quellherz« oder ein »elusive eye-button mind«, übersetzt: »flüchtiger Knopfaugengeist«. Mary Jo Bang, eine Pionierin der sich in den USA durchsetzenden »Hybrid-Poetry«, deutet Szenarien an, die alle mit Tod und Trauer zu tun haben, um dann die Leser ihrer Wortkunst zu überlassen. Bilder bleiben Zeugen dunkelster Stimmungen, manche schwer zugänglich, manche kolloquial, Mainstream. Hoch- und Trivialliteratur befeuern sich gegenseitig. Vielleicht hat David Bowie diese Gedichte gelesen, bevor er sterbenskrank das Knopfaugen-Video »Lazarus« drehte. Vor »Anarchy« steht in Bangs Band eines der titelgebenden Gedichte: »Du warst, du bist Elegie«. Es ist ein der Normsprache angepasstes und sofort zugängliches Klagegedicht über den verstorbenen Sohn und könnte auch sehr gut am Anfang des Buches stehen: »Das Sitzen. Das Denken / an dich, mit dir als Leerstelle, / die gefüllt werden muss / durch Vermissen.«

 

Mary Jo Bang
Elegie

Gedichte
Zweisprachige Ausgabe
Aus dem Englischen übersetzt von Matthias Görlitz und Uda Strätling
Wallstein, Göttingen 2018
Hardcover m. SU, 172 Seiten, 20 Euro
ISBN 978-3-8353-3242-3

 
 
 

Mary Jo Bang. Foto: Matt Valentine

Mary Jo Bang. Foto: Matt Valentine

 
Mary Jo Bang, 1946 geboren, wurde mit zahlreichen Preisen für ihre Gedichtbände geehrt. Zu ihren herausragenden Leistungen gehört die Neuübertragung von Dantes »Inferno«. 2006 las Bang das Buch »Fig« von Caroline Bergvall. Das Gedicht »Via (48 Dante Variations)«, bestehend aus den ersten drei Zeilen von Dantes »Inferno«, die Bergvall in 47 verschiedenen Übersetzungsvarianten in der British Library fand, inspirierte Bang zur eigenen Neuübersetzung. Bang lebt und unterrichtet Literatur in St. Louis, Missouri.
 
 
 

 

Nicola Bardola. Foto: privat

Nicola Bardola. Foto: privat

Nicola Bardola, 1959 in Zürich geboren, veröffentlichte als Student an der Universität Bern erste Gedichte und schrieb 1984 an der Universität Zürich im Fach Germanistik seine Lizentiatsarbeit über Theorien moderner Lyrik (u. a. zu Nicolas Born, Rolf Dieter Brinkmann, Jürgen Theobaldy). Seither lebt er in München, wo er seine Kolumne »Lyrik Revue« zunächst für das Münchner BuchMagazin betreute und für die Süddeutsche Zeitung schrieb. Er veröffentlichte Gedichte in Zeitschriften und Anthologien, übersetzte Eugenio Montale ins Deutsche und war Mitbegründer der Initiative Junger Autoren (IJA).

Alle bereits erschienenen Folgen von »Lyrik-Revue« finden Sie hier.

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