Lyrik-Revue – Folge 6: Poesie für Kinder

Auszeichnungen, Institutionen, Konferenzen, Lesungen, Poesie im Feuilleton und Lyrik-Neuerscheinungen: Nicola Bardola kommentiert und präsentiert am 20. eines Monats Bemerkenswertes aus der Welt der Verse.

 

In der Reihe „Poesie für Kinder“ wird Rainer Maria Rilkes „Der Panther“ mit großformatigen Bildern von Julia Nüsch effektvoll in Szene gesetzt. Das Eröffnungstableau zeigt in Sepiatönen den missgelaunten Lyriker am Schreibtisch: vor ihm die tropfende Schreibfeder und zerknülltes Papier. Da flattert ein weißer Ara herein, die Eintrittskarte zur Ménagerie du Jardin des Plantes im Schnabel. Rilkes Spaziergang gegen die Schreibblockade wird von der Illustratorin augenzwinkernd in Verbindung zu Rilkes Gedicht „Papageien-Park“ gebracht, das einige Jahre später ebenfalls in Paris im Jardin des Plantes entstand. Aufmerksam hat Nüsch die Ménagerie, das legendäre Gehege, in den Plural gesetzt, in die herkömmliche Schreibweise für die vielen Käfige im ältesten wissenschaftlich geleiteten Zoo der Welt. Die Arme auf dem Rücken verschränkt betritt der Dichter das Gelände der Ménageries ohne Erwartungen.

 

Raum der Wortwirkung

Der Ara, der ihn immer begleitet, sieht mit Sorge, dass sich Rilkes Stimmung nicht etwa lichtet, als er zum ersten Mal den Panther sieht. Rilke blickt das Tier, das ihm den Rücken zuwendet, nicht an, sondern wendet den melancholischen Blick ab, ins Ungewisse, ins eigene Innere, wo Bilder im Herzen aufhören zu sein. Neben ihm, von Nüsch wie durch ein Fischaugenobjektiv betrachtet, der Käfig, die Stäbe, der potenzielle Tanz von Kraft um die verlorene Mitte. An diesem Ort und in diesem Moment entsteht Mitgefühl für das eingesperrte Tier. Die Emotion, nach der er davor am Schreibtisch vergeblich suchte, stellt sich ein. Der Kern der Aussage ist mit einem Mal da: Gefangenschaft, Entfremdung, Betäubung, Qual, Sehnsucht und Resignation. Nun nehmen die drei kurzen Strophen Gestalt an, für die Nüsch Motive und Perspektiven entwickelt, die der Wortwirkung Raum verleihen, wenn sie beispielsweise den Panther als von Stäben durchtrennte Silhouette in den Farben der Welt zeichnet, die es für ihn ja nicht mehr gibt. Nüsch formt auch die Verwandtschaft der Augen des Dichters mit denen des Panthers: Die unsichtbaren Vorhänge über den Pupillen verborgen unter den halbgeschlossenen Lidern. Am Ende werden, von Vignetten begleitet, Rilkes Leben und die Entstehungsgeschichte des Gedichts erläutert.

 

Fernweh

Papageien spielen in der Anthologie „Ein Nilpferd steckt im Leuchtturm fest – Tiergedichte für Kinder“ gleich zweimal eine Rolle. Mathias Jeschke etwa hat sich den „Fasching im Tierpark“ ausgedacht. Der Tapir geht als Pirat, die Meerkatze als Landhund, die Schwalbe als vorgetäuschtes Foul, die Gans als Halb, die Ente als Anfang – und das sind nur fünf von über dreißig verkleideten Tieren. Natürlich versucht sich der Papagei als Mamagei oder der Seelöwe als Seemöwe, was die Illustratoren Regina Kehn, Michael Roher, Nadia Budde und Julia Friese zum Vergnügen der Leser und Betrachter vor erhebliche Schwierigkeiten stellt. Heinz Janischs Gedicht „Käpt’n Joe“ erzählt von einem Papagei, der schweigt für drei. Joe ist ein alter Seebär (nicht im Karneval), ein irrer Vogel, der siebzehn Sprachen versteht. Er hasst Spinat und Haferbrei, liebt Whiskey und Bier und spielt mit dem Schnabel Klavier. Regina Kehn hat seine Schweigsamkeit fabelhaft optisch umgesetzt: Die ganze Welt, die Joe schon gesehen hat, all die Abenteuer sind in sein Gefieder eingezeichnet. Ergänzend und kontrastierend zu Rilkes Papageien-Park werden hier Lebenserfahrung und Freiheit porträtiert und die Möglichkeit, bei Fernweh wieder an Bord zu gehen. Janischs Joe kann mit seiner dunklen Zunge lügen, er wartet nicht auf Zeugen und kein Fußfesselring hält ihn am Boden.

 

Schleim für einen Reim

Was dem Jeschke sein Fasching, ist dem Janisch sein Traum: Ein Panther fehlt in dieser Anthologie, aber auch Janisch lässt seiner Phantasie hemmungslos freien Lauf und schafft nebst Flohgiraffen, Nashornmöwen oder Schlittschuhkrähen immerhin auch Panthergnus. Er sieht gar ein fliegendes Pferd und später einen Pferdebär; Tanja Dückers träumt was für ihr Wackelpuddingtier; Arne Rautenberg wird von Bartagamen und Bartageimen heimgesucht; Ulrike Almut Sandig geht einen Schritt weiter und schreibt vom „Schniebt“, dem Tier, das es nicht gibt. Sie beschreibt ihren Findling recht genau und so schiebt es sich niedlich durch das Schniebt-Gedicht. Klar, dass sich Arne Rautenbergs Himbeerbrause trinkenden Elefanten gerne rosa färben, dass Janischs Wal und seine Möwe gerne anders wären: Also wird es hin und wieder ernst, wenn das gerade geschlüpfte Küken gern zurückschlüpfen möchte, wenn niemand den totgeschossenen Wolf rächt, wenn sich im Zoo die Tiere wehren, das Lama spuckt und Affen die Gaffer zu Begafften machen. Der Band versammelt Lautgedichte zur tanzenden Tarantel, zu Quasselasseln, zu grasenden Schafen und zur Arche Noah und besonders zur Kuh, Bildgedichte zu übermütigen Regenwürmern, Lückengedichte zu unausgesprochenen Dackeln, Buchstabendrehgedichte zu „Kätroppchen und dem wösen Bolf“, Anthropomorphisierungsgedichte zu biertrinkenden Gürteliteren mit Hosenträgern oder Zuordnungsgedichte zu Stubenfliegen und Wischfischen sowie Metagedichte zu Schnecken und deren Schleim für einen Reim. Hilfreich ist am Ende das Tier-Register, das natürlich auch das Schniebt enthält.

 

Heidenspaß

„Hai – Kuh“ heißt ein Haiku. Es folgt folgerichtig der japanischen Gedichtform: „Hi, rief die Kuh / vom Strand dem Hai im Meer zu. / Muh, sagte der Hai.“ Dieser Haiku befindet sich in „Die Muße der Mäuse“, so heißt Uwe-Michael Gutzschhahns neuester Gedichtband und schon die „Begrüßung“ ist eine Parade der Tiere und der Reime: Der Igel vorm Spiegel, der Star fährt sich durchs Haar, die Ratte zupft an der Krawatte, der Floh ist noch aufm Klo. Dem Buch liegt eine CD bei, auf der Gutzschhahn seinen Gedichten persönlich den erwünschten Rhythmus verleiht. Denn es herrscht noch viel mehr wohlklingend animalische Hektik bis zum Handkuss des Elefanten für uns Leser. Später liegt eine alte und kranke Katze auf der Fensterbank, den Blick nach innen gekehrt in Gedanken an ihr siebtes Leben auf einem Stern. Danach werden Verben mit Subjekten getauscht: Es amseln die Zwitschern, es grillen die Zirpen, es pferden die Wieher. Der Sprachspieler Gutzschhahn schreibt in Flohsprache, ersinnt Blaubarthasen, schickt Pinguine in die Kantine, jongliert mit Glückszahlen, untersucht Freundschaften, schildert das Verschwinden der Stadt in einer Wolke, zaubert mit den Tageszeiten, verheddert sich in einem Schlaflied, rollt einen Rollmops durchs Meer, vergisst dabei die Gurke nicht, lauscht lautmalerischen Krähengesprächen und schmiedet Pläne mit dem Lachen. In „Hirn an Mund“ wird der Wortschatz der kleinen Leser aktiviert: flüstern, räuspern, röcheln, pusten, raspeln, schnalzen, lispeln. Gutzschhahns Gedicht „Gebet“ gehört bei Lesungen zu den Hits, auch weil es religiös nicht korrekt ist, aber einen Heidenspaß macht. Hier noch das zweite „Hai – Kuh“: „Muh, sagte der Hai / vom Meer aus zur Kuh am Strand. / Hi, grüßte die Kuh.“

 

Rainer Maria Rilke "Der Panther"

© Kindermannverlag

 

 

 

 

 

 

Rainer Maria Rilke: „Der Panther“. Bilder von Julia Nüsch. Kindermann Verlag, Berlin, 2018, 24 S., ab 5 Jahren, 15,90 Euro.

 

 

 

„Ein Nilpferd steckt im Leuchtturm fest. Tiergedichte für Kinder“

© Mixtvision

 

 

Michael Augustin, Tanja Dückers, Heinz Janisch, Mathias Jeschke, Arne Rautenberg, Ulrike Almut Sandig: „Ein Nilpferd steckt im Leuchtturm fest. Tiergedichte für Kinder“. Illustrationen von Nadia Budde, Julia Friese, Regina Kehn, Michael Roher. Herausgegeben von: Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, Stiftung Internationale Jugendbibliothek, Stiftung Lyrik Kabinett. Mixtvision Verlag München, 2018, 121 S., ab 6 Jahren, 19,90 Euro.

 

 

Uwe-Michael Gutzschhahn „Die Muße der Mäuse. Gedichte“

© Elif Verlag

 

 

 

 

 

 

Uwe-Michael Gutzschhahn: „Die Muße der Mäuse. Gedichte“. Zeichnungen von Manfred Schlüter. Elif Verlag, Nettetal, 2018, 80 S., mit CD, ab 6 Jahren, 16 Euro.

 

 

 

Nicola Bardola. Foto: privat

Nicola Bardola. Foto: privat

Nicola Bardola, 1959 in Zürich geboren, veröffentlichte als Student an der Universität Bern erste Gedichte und schrieb 1984 an der Universität Zürich im Fach Germanistik seine Lizentiatsarbeit über Theorien moderner Lyrik (u. a. zu Nicolas Born, Rolf Dieter Brinkmann, Jürgen Theobaldy). Seither lebt er in München, wo er seine Kolumne »Lyrik Revue« zunächst für das Münchner BuchMagazin betreute und für die Süddeutsche Zeitung schrieb. Er veröffentlichte Gedichte in Zeitschriften und Anthologien, übersetzte Eugenio Montale ins Deutsche und war Mitbegründer der Initiative Junger Autoren (IJA).

Alle bereits erschienenen Folgen von »Lyrik-Revue« finden Sie hier.

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