LYRIK-REVUE FOLGE 9: MIT STEINGESCHWINDIGKEIT IN DIE EWIGKEIT

Auszeichnungen, Institutionen, Konferenzen, Lesungen, Poesie im Feuilleton und Lyrik-Neuerscheinungen: Nicola Bardola kommentiert und präsentiert am 20. eines Monats Bemerkenswertes aus der Welt der Verse.

 

In der von Heinz Ludwig Arnold begründeten „Lyrikedition 2000“ veröffentlichen zurzeit u.a. Richard Dove, Sabina Lorenz oder Ludwig Steinherr ihre Werke. Nun ist in der Edition erstmals ein Band von Siegfried Völlger erschienen: „(so viel zeit hat niemand)“. Völlger arbeitete viele Jahre als Buchhändler und wurde als Herausgeber u.a. für dtv und den Hanser Verlag bekannt. Schon der Titel „(so viel zeit hat niemand)“ lässt aufhorchen. Welcher Lyriker setzt schon seinen Buchtitel in Klammern und weckt auf Anhieb Widerspruch: Aber sicher, so viel Zeit muss sein. So viel Zeit haben Leser für Völlgers Natur-, Liebes- und Wahrnehmungsgedichte, so viel Aufmerksamkeit für seine kondensierte Lebenszeit, für Poesiezeit, die es ihm in der Stille erlaubt, das Ankommen der Schneeflocken zu hören.

Völlger setzt sprachlich nicht nur physikalische Gesetze außer Kraft: Er reise gerne mit Bäumen und hoffe eines Tages mit Steingeschwindigkeit zu reisen. Dazu bedarf es der Konzentration auf das Reglose und Stumme, auf alleinstehende Steine. Sedimente wirken lassen; deren Ruhe übernehmen oder sie zu Rädern schmieden: in Dialog mit Krähen treten und wie sie sich verbeugen; Katzen observieren, die nicht auf Mäuse warten, sondern die Erde besänftigen oder das Glück einsamer Rehe besingen, bevor die anderen auftauchen. Doch der Stein kann auch zum Wurfgeschoss werden, um das Fenster des geliebten Du einzuschmeißen, nicht aus Bösartigkeit oder Rache, sondern damit es mehr Luft und Licht bekommt.

Völlger hinterfragt Bewusstseinszustände und deren verbalen Ausdruck. In „Ich seh“ sieht er ein Edelweiß, ob real auf einem Berg oder im Traum, egal, er sieht es und die Leser mit ihm. In „Die Wirklichkeit“ setzt sie (die Wirklichkeit) sich neben den Dichter und bleibt, so träumt er das, aber die Wirklichkeit sei eben genauso wie im Traum. Die erhöhte Wahrnehmungsfähigkeit des Lyrikers manifestiert sich in verknapptem Umgang mit Worten auch wenn die Angebetete in einer griechischen Tempelanlage auf einen Säulenrest klettert und mit einem Winken verschwindet hin zu den anderen Göttinnen. Brutal holt Völlger sie aus dem Reich der Unsterblichen zurück: „später hat sie / ihre Brüste vergrößern lassen // geheiratet hat sie nicht“.

Völlger hat dann auch eine Schwäche fürs Surreale, das manchmal Rätselhaft bleibt und ins Dramatische („den Regen umlenken“) oder ins Komische rutschen kann, wenn beispielsweise die Flugeigenschaften von Lachsscheiben auf Weißbrot erläutert werden oder einer mit einem kleinen Pinsel Blüten bestäubt, gezwungen von einer Biene, die auf seinem Hintern sitzt. Der kurze Text kann schon als poetischer Slapstick wirksamer auf Naturschutz aufmerksam machen als manche TV-Dokumentation, zumal man das skurrile Bild des durch das Gras kriechenden Blütenbestäubers so schnell nicht vergisst. Ebenso wenig wie den Dichter, der Liebeszauber wie Hühnerfutter streut und davon selbst in die Knie geht wie der Bestäuber vor ihm. Völlger, ein Liebender, der seinen Geliebten Bettdecken und Schirme schenkt und seinen Lesern Briefe ohne Empfänger voller Worte für nächtliche Begegnungen mit vom Licht überraschten Silberfischchen. Überhaupt, das Licht. Völlger will Wahrheit, steinerweichende: „weiter, weiter / licht her, mehr // lämpchen, lampen / scheinwerfer … alles … / sogar die sonne // alles / sehen, zeigen / sichtbar machen // und endgültig erschrecken“.

 

Das Gewicht der Schönheit

Im 2005 gegründeten Limbus Verlag erscheinen zahlreiche hochwertig ausgestattete Lyrik-Bände, u.a. Cornelia Travniceks „Parablüh. Monologe mit Sylvia“, lyrische Entsprechungen zu den Gedichten in „Der Koloss“ von Sylvia Plath. Alexander Peer, einer, dem „Flüchtigkeiten ans Herz gehen“, reist gerne und berichtet darüber in Romanen, Novellen und Gedichten. Sätze wie „Über die Wiesen läuft die Einfachheit / in Form eines beständigen Blicks, / der sich nicht verliert in Reklametafeln“ und „Der Bach erprobt an dieser Stelle das Fluss-Sein“ oder „Keiner wusste, wann der Sturm / das Wasserglas verlassen hatte“ und „Die Fiktion will in die Wirklichkeit getragen werden / so entsteht Kultur“ könnten Völlgersche sein. Schon der Titel „Der Klang der stummen Verhältnisse“ lässt aufhorchen und nach Assonanzen suchen. Sie erklingen unüberhörbar im dritten Gedicht des Bandes „Mein Schlaf ist zu gering“: „und der Wind singt den Blues / es fallen Türen zu, ganz taktlos / Fensterläden scheppern, Free Jazz. / Die Müllabfuhr tönt ungeniert, / laut rollen die Eimer“. Musikalische Schilderungen des Schweigens durchziehen das Buch: „Badende Bienen bedienen den Tod“, „Das Brummen einer Hummel / reicht für einen großen Großväterchor“, „Ich schreibe bloß ein klares Wort / und spüre dabei die Klopfzeichen meines Körpers“, „Einen Totenschädel nenne ich mein Inneres / und kaschiere die Stummheit / durch schreiben, / als ließe sie sich dadurch / irgendwann vertreiben“.

Das Paradoxon des schweigenden Schreibenden variiert Peer gerne: „Es ist lächerlich, / jenseits der Sprache die Identität zu suchen, / und doch schweigst du / und bist ganz dem Fühlen, / Hören, Schmecken und Riechen verpflichtet“. Bei Peer verstummen Namensrufer: „Mit dem Du begründete ich ein Wir, / täglich, nächtlich, in Spelunken, / Bars, / in dunklen Häfen“. Peer ist auf der Suche nach der und dem Anderen. Hände, lauter Hände zeichnet dazu Moussa Kone. Ihre Illustrationen verstärken die Bildsprache: „Das Gewicht der Schönheit / und das Wort Schönheit ist so schwer, / dass dir dabei nur schwarz einfällt, / nein, etwas anderes, schwerer noch als schwarz. / Nie wieder wirst du ein Wort sprechen“.

 

Siegfried Völlger, "(so viel zeit hat niemand) - Gedichte"

Siegfried Völlger, „(so viel zeit hat niemand) – Gedichte“, © Lyrik Edition 2000 / Allitera Verlag

 

 

 

 

 

 

 

Siegfried Völlger: (so viel zeit hat niemand). Gedichte.
108 Seiten, 14,50 Euro.
ISBN: 978-3-96233-075-0
Lyrikedition 2000, München 2018

 

 

 

 

Alexander Peer "Der Klang der stummen Verhältnisse - Gedichte"

Alexander Peer „Der Klang der stummen Verhältnisse – Gedichte“, © Limbus Verlag

 

 

 

 

 

 

 

Alexander Peer: Der Klang der stummen Verhältnisse. Gedichte.
Mit Zeichnungen von Moussa Kone.
96 Seiten, 13 Euro.
ISBN 978-3-99039-114-3
Limbus Verlag, Innsbruck 2017

 

 

 

 

Nicola Bardola. Foto: privat

Nicola Bardola. Foto: privat

Nicola Bardola, 1959 in Zürich geboren, veröffentlichte als Student an der Universität Bern erste Gedichte und schrieb 1984 an der Universität Zürich im Fach Germanistik seine Lizentiatsarbeit über Theorien moderner Lyrik (u. a. zu Nicolas Born, Rolf Dieter Brinkmann, Jürgen Theobaldy). Seither lebt er in München, wo er seine Kolumne »Lyrik Revue« zunächst für das Münchner BuchMagazin betreute und für die Süddeutsche Zeitung schrieb. Er veröffentlichte Gedichte in Zeitschriften und Anthologien, übersetzte Eugenio Montale ins Deutsche und war Mitbegründer der Initiative Junger Autoren (IJA).

Alle bereits erschienenen Folgen von »Lyrik-Revue« finden Sie hier.

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