Melanie am Letzten – Folge 15: Die Ordnung

Es ist ein Wahnsinn, ein Irrsinn und nicht selten ein Blödsinn: So geht es zu im Tollhaus Welt. Der Mensch neigt zu seltsamen Verhaltensweisen, die schockieren, alarmieren oder amüsieren können. Was hilft zu guter Letzt? Die Poesie. Nicht ärgern, stänkern oder meckern, sondern dichten – meint die schwarzhumorige Poetin Melanie Arzenheimer und kommentiert die Deadlines des Lebens jeweils am Monatsende auf DAS GEDICHT blog.

 

Was? Du bist aus Bayern? Man kann dich ja voll gut verstehen! Ja, diese Reaktion gibt es wirklich, wenn man als Bayer in einem anderen, eher nördlich gelegenen Bundesland unterwegs ist. Und nein – ich trage nicht den ganzen Tag ein Dirndl und ich kann auch nicht jodeln. Du, mein neuer Bekannter aus Hamburg, bist ja auch nicht automatisch ein Hochseekapitän und den ganzen Tag nur mit Krabben pulen beschäftigt. Und nicht jeder Berliner ist automatisch kreativ, schwul oder pleite oder alles zusammen. Es gibt ihn nicht, »den Preissn« genau so wenig wie »den Bayern«.

Man möchte meinen, dass gerade im digitalen Zeitalter diese bekloppten Stereotypen und Klischees ein Ende hätten, aber von wegen. Auch hier wird munter kommentiert nach dem Motto: »Lasst’s den Preissn-­Depp doch reden« oder »Der Bayer ist doch noch nie in seinem Leben aus seinem Kuhdorf heraus gekommen.« Schade eigentlich. Das mit der Willkommenskultur scheitert manchmal schon an der Grenze, die ein Bundesland vom anderen trennt und nicht gleich einen ganzen Staat.

Aber vielleicht brauchen wir Einteilungen, Kategorisierungen und Abstufungen einfach, um die große, weite Welt für uns zu ordnen. Gerade der Deutsche liebt ja die Ordnung, alles andere macht ihn nervös (das war übrigens bei den alten Ägyptern auch schon so). Das Chaos ist der große Feind, den es zu besiegen gilt, Unordnung ist anstrengend, gefährlich und bedrohlich, weil sich ständig auf neue Gegebenheiten einstellen muss. Deswegen ist es sehr hilfreich, jeden und alles in bestimmte Schubladen zu stecken. Der Ordnung zuliebe.
 

Aufgeräumt,

Alle
Tassen wieder
im Schrank

Aber
es bleibt da
dieser Sprung

In der Schüssel

 
© Melanie Arzenheimer, Eichstätt

 

Melanie Arzenheimer. Foto: Volker Derlath

Melanie Arzenheimer. Foto: Volker Derlath

»Melanie am Letzten« wird Ihnen von Melanie Arzenheimer präsentiert. Sie wurde 1972 in Eichstätt / Bayern geboren, wo sie heute noch wohnt. Melanie Arzenheimer arbeitet als Chefredakteurin bei der espresso Mediengruppe Ingolstadt, sowie als freiberufliche Hörfunkmoderatorin.
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Alle bereits erschienenen Folgen von »Melanie am Letzten« finden Sie hier.

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