Melanie am Letzten – Folge 27: Die hohe Kunst

Es ist ein Wahnsinn, ein Irrsinn und nicht selten ein Blödsinn: So geht es zu im Tollhaus Welt. Der Mensch neigt zu seltsamen Verhaltensweisen, die schockieren, alarmieren oder amüsieren können. Was hilft zu guter Letzt? Die Poesie. Nicht ärgern, stänkern oder meckern, sondern dichten – meint die schwarzhumorige Poetin Melanie Arzenheimer und kommentiert die Deadlines des Lebens jeweils am Monatsende auf DAS GEDICHT blog.

 

Auf der Bühne, in der Galerie, bei der Lesung und im Film – da werden sie verteidigt. Werte wie Toleranz, Mitgefühl, Ehrlichkeit und Weltoffenheit. Kunst kann und soll mehr sein als reine Unterhaltung. Wenn in einem Drama ein Herrscher aufgrund seiner Unmenschlichkeit scheitert, soll das dem Publikum eine Lehre sein. Und wenn er mit seiner Unmenschlichkeit durchkommt auch. Das war schon bei den alten Griechen so. Kunst kann die Moral verteidigen und regelrecht zum Anstand anstiften. Schön. Fast könnte man meinen, dass Kunstschaffende die besseren Menschen seien. Aber weit gefehlt.

In München wird über und mit den neuen Intendanten der Kammerspiele gestritten, in Berlin hagelt es Kritik am neuen Intendanten der Volksbühne, obwohl der noch gar nicht im Amt ist, der Hügel von Bayreuth wird regelmäßig von Streitereien erschüttert und wird deshalb schon »Kindergarten für Erwachsene« genannt. Was für eine bezaubernde Branche, diese Kunstszene. Schauspieler beschweren sich über Intendanten, die Diktatoren gleichen, Intendanten treten beleidigt zurück, weil sie zu wenig Wertschätzung erfahren, Regisseure schmeißen hin, weil die Intendanten ihnen auf den S… gehen, Chefdirigenten schmeißen hin, weil ihre Vision vom Orchester nicht verstanden wird und Künstler neiden anderen Künstlern den Erfolg, weil das Feuilleton dem einen zwei Zeilen mehr in der Berichterstattung eingeräumt hat als dem anderen.

Bekommt schließlich ein Kerl wie Bob Dylan noch den Literaturnobelpreis ist zudem die literarische Elite verärgert. Was populär ist, kann doch keine Kunst sein. Und was Kunst ist, bestimmen immer noch die, die etwas von Kunst verstehen und nicht das Proletariat.

Elitedenken, Egoismus, Vorurteile, Neid (und davon eine Extraportion), Narzissmus – alles schöne Themen für die Bühne, den Film, den Text, die Ausstellung. Und für die Recherche müsste man nicht weit fahren. Wird doch alles frei Haus geliefert.
 

Ansichtssache

Leinwand gelb
mittendrin
hingefetzt
grelles Grün

roter Kreis
was für ein Sch…
(Künstler kommt)
…önes Werk
 

© Melanie Arzenheimer, Eichstätt

 

Melanie Arzenheimer. Foto: Volker Derlath

Melanie Arzenheimer. Foto: Volker Derlath

»Melanie am Letzten« wird Ihnen von Melanie Arzenheimer präsentiert. Sie wurde 1972 in Eichstätt / Bayern geboren, wo sie heute noch wohnt. Melanie Arzenheimer arbeitet als Chefredakteurin bei der espresso Mediengruppe Ingolstadt, sowie als freiberufliche Hörfunkmoderatorin.
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Alle bereits erschienenen Folgen von »Melanie am Letzten« finden Sie hier.

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