Melanie am Letzten – Folge 42: Die Zeitlosigkeit

Es ist ein Wahnsinn, ein Irrsinn und nicht selten ein Blödsinn: So geht es zu im Tollhaus Welt. Der Mensch neigt zu seltsamen Verhaltensweisen, die schockieren, alarmieren oder amüsieren können. Was hilft zu guter Letzt? Die Poesie. Nicht ärgern, stänkern oder meckern, sondern dichten – meint die schwarzhumorige Poetin Melanie Arzenheimer und kommentiert die Deadlines des Lebens jeweils am Monatsende auf DAS GEDICHT blog.

 

Muss man oder muss man nicht. Mit der Zeit gehen? Und was, wenn die Zeit voran schreitet, ohne sich um einen zu kümmern? Der Frühling ist die Jahreszeit, in der sich viele Gedanken über das Werden und Vergehen machen. Die Fastenzeit mündet in die Osterfeiertage, es folgt der astronomische Beginn der Frühlingszeit, der auch noch mit der Umstellung auf die Sommerzeit einher geht. Die Sonne nimmt sich wieder mehr Zeit für das Bescheinen unserer Breitengrade, was wiederum dazu führt, dass die Zeit für Nachtschwärmer umgekehrt proportional dazu kürzer wird.

Die Natur zündet den Turbo und passt sich diesen neuen Gegebenheiten an. Nur der Mensch, der macht mal wieder, was er will. Typisch. Er versucht seit jeher, das Voranschreiten der Zeit aufzuhalten. Und wenn das nicht funktioniert, dann sollte zumindest niemand mitbekommen, dass die Uhr weiter tickt. Schließlich ist die Zeitlosigkeit das erstrebenswerte Ziel, das vor allem Komponisten, Maler und Schriftsteller erflehen, obwohl sie dessen Erreichen meist ihren Werken überlassen müssen. Im Gegensatz dazu versucht manch eine Frau, die Unsterblichkeit auf chirurgischen Weg zu erlangen.
 

Der Zeit den Zahn gezogen

Frauen haben’s schwer im Leben
neben
all den andren Frauen
schauen
sie zumeist verdrießlich
schließlich
sind die nebenan geliftet
angestiftet
von der Frau des Vorgesetzten
wetzten
Schönheitsmetzger die Skalpelle
auf die Schnelle
faltenfrei wie Mitte zwanzig
innen ranzig
aber die Fassade hält
mit Geld
ist eben alles möglich
und erträglich
auch der Zahn der Zeit
weise an den Damen nagt
geplagt
beim Blick aufs Gegenüber
Stimmung trüber
zur Linderung der Seelenpein
schnell ein
Termin zum Unterspritzen
jener Ritzen
die reifer Haut die Jugend stehlen
das Quälen
fürs Spiegelbild macht süchtig
wichtig
nur das Resultat
im Bad
betrachtet wie die Kunst am Bau
Frau
ist zufrieden
bis sich die nächste Falte traut
und ihr den
schönen Tag versaut
 

© Melanie Arzenheimer, Eichstätt

 

Melanie Arzenheimer. Foto: Volker Derlath

Melanie Arzenheimer. Foto: Volker Derlath

»Melanie am Letzten« wird Ihnen von Melanie Arzenheimer präsentiert. Sie wurde 1972 in Eichstätt / Bayern geboren, wo sie heute noch wohnt. Melanie Arzenheimer arbeitet als Chefredakteurin bei der espresso Mediengruppe Ingolstadt, sowie als freiberufliche Hörfunkmoderatorin.
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Alle bereits erschienenen Folgen von »Melanie am Letzten« finden Sie hier.

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