Melanie am Letzten – Folge 44: Der Mythos Bayern

Es ist ein Wahnsinn, ein Irrsinn und nicht selten ein Blödsinn: So geht es zu im Tollhaus Welt. Der Mensch neigt zu seltsamen Verhaltensweisen, die schockieren, alarmieren oder amüsieren können. Was hilft zu guter Letzt? Die Poesie. Nicht ärgern, stänkern oder meckern, sondern dichten – meint die schwarzhumorige Poetin Melanie Arzenheimer und kommentiert die Deadlines des Lebens jeweils am Monatsende auf DAS GEDICHT blog.

 

Links ein mächtiger Baum, in der Mitte ein Bergsee, dahinter ein verschneiter Gebirgszug. So sieht sie aus, die bayerische Idylle. Manchmal tummeln sich darin ein paar »fesche Madln« bei der Feldarbeit – natürlich im Sonntagsgwand. Die Landschaftsmaler im 19. Jahrhundert haben so den »Look« Bayerns kreiert, der bis heute Segen und Fluch zugleich ist. Ein Segen ist und war er für die Tourismusindustrie, die sich im 19. Jahrhundert allmählich entwickelt hat. Auf einmal strömten Bildungsbürger aus den Städten in die wild-romantische Natur und bewunderten diese. Der »Ureinwohner«, dem die Berge stets suspekt und unheimlich waren, hatte es auf einmal mit Zeitgenossen zu tun, die freiwillig dorthin »aufi kraxelten«, wohin es einen vernünftigen Menschen niemals ziehen würde. Es entstanden Schutzhütten und der Alpenverein und mit der Ruhe auf der Höhe war’s vorbei.

Und dann kam auch noch er. Der Kini. Sein Stein gewordenes Hirngespinst namens Neuschwanstein passte sich formvollendet in diese Berg-Wald-See-Kulisse ein. Perfekt für jede Postkarte. Und so wurde ein Image in die ganze Welt verschickt. Von Japan bis Argentinien verbindet man Bayern mit diesem Bild. Bis heute sei man »verflucht« dieses Image zu erfüllen, meinte kürzlich eine Wissenschaftlerin, die sich mit dem »Mythos Bayern« befasst hat. Dass Bayern ausschließlich aus Bergen, Almhütten, dem ein oder anderen Schloss, vielen Kühen, blauen Seen und Frauen im Dirndl bestünde – dieses Bild hält sich mancherorts recht hartnäckig. Ja. Jodeln tun die auch da unten. Klar. Deswegen muss man da auch hin, dort wo diese eigentümlichen Menschen wohnen und man bis in die Wolken klettern kann. Manchmal mit bösen Folgen…
 

Hochalpine Tragödie

Gerät der Preuß bergab in Eile
dann kommt das von des Weges Steile.

Liegt er zerschmettert dann im Tal
so war der Bergsteig doch zu schmal.

Fortan heißt man den Todes-Gipfel
im Volksmund nur mehr Preußen-Zipfel.
 

© Melanie Arzenheimer, Eichstätt

 

Melanie Arzenheimer. Foto: Volker Derlath

Melanie Arzenheimer. Foto: Volker Derlath

»Melanie am Letzten« wird Ihnen von Melanie Arzenheimer präsentiert. Sie wurde 1972 in Eichstätt / Bayern geboren, wo sie heute noch wohnt. Melanie Arzenheimer arbeitet als Chefredakteurin bei der espresso Mediengruppe Ingolstadt, sowie als freiberufliche Hörfunkmoderatorin.
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Alle bereits erschienenen Folgen von »Melanie am Letzten« finden Sie hier.

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