Melanie am Letzten – Folge 46: Der Kunstverstand

Es ist ein Wahnsinn, ein Irrsinn und nicht selten ein Blödsinn: So geht es zu im Tollhaus Welt. Der Mensch neigt zu seltsamen Verhaltensweisen, die schockieren, alarmieren oder amüsieren können. Was hilft zu guter Letzt? Die Poesie. Nicht ärgern, stänkern oder meckern, sondern dichten – meint die schwarzhumorige Poetin Melanie Arzenheimer und kommentiert die Deadlines des Lebens jeweils am Monatsende auf DAS GEDICHT blog.

 

Neulich in einer wahnsinnig schicken Galerie. Beäugt von der museumseigenen NSA wurde mir mitgeteilt, dass ich meine Notizen bitte nur mit Bleistift anfertigen solle. Kugelschreiber oder Filzstifte sind nicht erlaubt. Vermutlich habe ich den Eindruck hinterlassen, jeden Moment auf ein Kunstwerk losgehen zu wollen (oder einen Besucher oder eine Sitzgelegenheit) und es/ihn mit Parolen wie »Nieder mit der Kultur-Elite!« beschmieren zu wollen. Ich gebe zu: nach der komischen Bleistift-Anweisung war ich wirklich fast soweit. Und ich habe mir vorgestellt, wie wohl der Künstler, dessen Werke dort in einer Art sakraler Installation ausgestellt sind, auf so eine Ansage des Überwachungspersonals reagiert hätte. Max Beckmann hing da an der Wand (also nicht er, sondern seine Kunst). Seine Bilder sind laut, bunt, gewalttätig, gesellschaftskritisch. Ob er gewollt hätte, diese Werke derart zu vergöttlichen und der dreckigen Realität zu entreißen?

Museen und Galerien werden gerne als die Kathedralen des 21. Jahrhunderts bezeichnet (neben den Gourmet-Tempeln, in denen man sich auch diversen Verhaltensvorschriften zu unterwerfen hat). Der Betrachter muss Kunst heutzutage anbeten. In kontemplativer Stille. Dann muss er ein paar salbungsvolle Sätze wie »Herrlich, wie die ausgestellten Werke mit der Museumsarchitektur in Dialog treten« in das Gästebuch kritzeln und sich seiner intellektuellen Überlegenheit erfreuen. Kritik am Kommerz kommt dabei auch immer gut an. Erfolg kann schließlich kein Niveau haben.
Wer das nicht tut, ist eben ein Volldepp aus einer bildungsfernen Schicht.

Manchmal bin ich sehr gerne ein Depp.

 

Das Gemälde
(niedergeschrieben mit einem Bleistift aufgrund akuten Kugelschreiberverbots in der Galerie)

angebetet
wie die Blutreliquie
des Heiligen Januarius
möchte dieses Sakrament auf Leinwand
vor Farbenfreude schreien
doch erstickt durch die
Sterilität des Raumes
bleibt es genauso stumm
wie der Betrachter
der mit der Eintrittskarte
ein Schweigegelübde abgelegt hat
während ihn die museumseigene NSA
nicht aus den Ohren lässt
 

© Melanie Arzenheimer, Eichstätt

 

Melanie Arzenheimer. Foto: Volker Derlath

Melanie Arzenheimer. Foto: Volker Derlath

»Melanie am Letzten« wird Ihnen von Melanie Arzenheimer präsentiert. Sie wurde 1972 in Eichstätt / Bayern geboren, wo sie heute noch wohnt. Melanie Arzenheimer arbeitet als Chefredakteurin bei der espresso Mediengruppe Ingolstadt, sowie als freiberufliche Hörfunkmoderatorin.
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Alle bereits erschienenen Folgen von »Melanie am Letzten« finden Sie hier.

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