Melanie am Letzten – Folge 47: Hermanns Fluch

Es ist ein Wahnsinn, ein Irrsinn und nicht selten ein Blödsinn: So geht es zu im Tollhaus Welt. Der Mensch neigt zu seltsamen Verhaltensweisen, die schockieren, alarmieren oder amüsieren können. Was hilft zu guter Letzt? Die Poesie. Nicht ärgern, stänkern oder meckern, sondern dichten – meint die schwarzhumorige Poetin Melanie Arzenheimer und kommentiert die Deadlines des Lebens jeweils am Monatsende auf DAS GEDICHT blog.

 

Das Erstaunliche an Klischees ist, dass sie durchaus zutreffen. Sonst wären sie ja nicht entstanden. Also der deutsche Urlauber, der mit Tennissocken in der Sandale die Länder des Mittelmeers bereist, ist real existent. Es gibt tausendfach Beweisfotos. Er nimmt gerne Schnitzel mit Pommes zu sich und verweigert sich allem, was auf dem Teller exotisch erscheint. Gerne wird – von ihm und auch anderen – zudem am Hotelservice rumgemeckert und den Einheimischen erklärt, wie man was am besten macht und dass ja eh nichts so gut funktioniert wie zuhause. Diese Urlaubertypen sind nicht auszurotten. Die entsprechenden Mythen werden durch sie am Leben erhalten. Und dann ist da ja noch der berühmte Handtuch-Mythos: Angeblich sollen die Deutschen nur zu gerne im Morgengrauen an den Strand oder den Hotelpool schleichen, um ihr Revier zu markieren. Mit einem Handtuch. Auch das ist leider wahr.

Aber woher kommt diese außergewöhnliche Form von Platz-Angst? Mit Angst im eigentlichen Sinne kann sie kaum etwas zu tun haben. Vermutlich ist dieses Verhalten in der germanischen DNA verankert, seitdem die Armeen des Varus im Teutoburger Wald durch einen gewissen Hermann geschlagen wurden. Schon damals ahnten die Germanen, dass dies Folgen haben würde. Seitdem zog es Franken, Sachsen, Bayern und Friesen in den Süden, um den Römern zu zeigen, wo der Hammer hängt. Eine Angewohnheit, die heute vor allem in den Schulferien zu beobachten ist – von Bibione bis Ischia. Schrecklich.

 

Hermanns Fluch

Rom
hat das Handtuch geworfen

Zweitausend Jahre später
schlagen die Azurri zurück
liegen alle Cherusker geröstet
alle Teutonen gegrillt auf

Hermanns Handtuch
am Pool
 

© Melanie Arzenheimer, Eichstätt

 

Melanie Arzenheimer. Foto: Volker Derlath

Melanie Arzenheimer. Foto: Volker Derlath

»Melanie am Letzten« wird Ihnen von Melanie Arzenheimer präsentiert. Sie wurde 1972 in Eichstätt / Bayern geboren, wo sie heute noch wohnt. Melanie Arzenheimer arbeitet als Chefredakteurin bei der espresso Mediengruppe Ingolstadt, sowie als freiberufliche Hörfunkmoderatorin.
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Alle bereits erschienenen Folgen von »Melanie am Letzten« finden Sie hier.

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