Melanie am Letzten – Folge 52: Von Knallköpfen und Knallkörpern

Es ist ein Wahnsinn, ein Irrsinn und nicht selten ein Blödsinn: So geht es zu im Tollhaus Welt. Der Mensch neigt zu seltsamen Verhaltensweisen, die schockieren, alarmieren oder amüsieren können. Was hilft zu guter Letzt? Die Poesie. Nicht ärgern, stänkern oder meckern, sondern dichten – meint die schwarzhumorige Poetin Melanie Arzenheimer und kommentiert die Deadlines des Lebens jeweils am Monatsende auf DAS GEDICHT blog.

Man traut es sich ja kaum noch auszusprechen. Ja, ich zünde an Silvester um Mitternacht eine kleine Rakete und lasse sie – bepackt mit vielen guten Wünschen – in den Himmel steigen. Jetzt ist es raus. Ich bekenne mich zu dieser grausamen Tradition und weiß wohl, dass nicht alles vernünftig ist, nur weil man es schon immer so gemacht hat.

Die Feuerwerksrakete ist im Bildungsbürgertum inzwischen so beliebt wie der Braunkohleabbau, Fleischverzehr oder eine Magenspiegelung. Und ja: Sie macht Krach, hat keinerlei Zweck, erhöht die Feinstaubwerte und beschert den städtischen Müllbeseitigern zusätzliche Arbeit, die auch noch am 1. Januar um sechs Uhr morgens erledigt werden muss (auf Kosten der Steuerzahler natürlich). Folglich sind Menschen, die im aufgeklärten 21. Jahrhundert noch Böller, Raketen und Vulkane zünden, unverantwortliche Umweltzerstörer mit keinerlei Verständnis für die Flora und Fauna, die sie umgibt. Mögen sich diese Unholde täglich die traumatisierten Haustiere vor Augen führen, die jedes Silvester ein Knalltrauma erleiden!

Gut. Aber dann bitte: Gleiches Recht für alle! Böllerschützen zum Beispiel. In meiner bayerischen Heimat reißen diese Herren (und auch einige Damen) ahnungslose Bürger am 1. Januar aus dem (Mittags)Schlaf mit einer Lautstärke, dass ältere Mitbürger der festen Überzeugung sind, der Russe stünde vor der Tür. Was sich Haustiere in diesem Moment denken, ist noch gar nicht erforscht. Dabei wird auch hier gerne mal das Argument der Tradition angeführt. Genauso bei Salutschüssen für irgendwelche königlichen Hoheiten. Auch in diesem Tun lässt sich keinerlei Sinn und Zweck erkennen. Vielleicht muss sich der Mensch endlich weiter entwickeln. Zum reinen Zweck- und Vernunftwesen. Dann hat der ganze Mist ein Ende. Faschingsbälle, Oktoberfest (Obacht – hier könnte der Zweck im Geld verdienen stecken!), Love Parade, Schützenfest, Fußballbundesliga… Verursacht alles Müll, macht keinen Sinn, kostet Steuergelder und dient keinem Zweck. Also weg damit! Und mit diesem Gedanken geht’s rein in das Jahr 2019. Den Knall der Rakete müssen Sie sich jetzt dazu denken.

 

Pyrotechniker

Du hast zwar einen
Knall

aber einen tollen
Körper.

© Melanie Arzenheimer, Eichstätt

 

Melanie Arzenheimer. Foto: Volker Derlath

Melanie Arzenheimer. Foto: Volker Derlath

»Melanie am Letzten« wird Ihnen von Melanie Arzenheimer präsentiert. Sie wurde 1972 in Eichstätt / Bayern geboren, wo sie heute noch wohnt. Melanie Arzenheimer arbeitet als freiberufliche Journalistin, Autorin und Hörfunkmoderatorin.
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Alle bereits erschienenen Folgen von »Melanie am Letzten« finden Sie hier.

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