Melanie am Letzten – Folge 56: Urlaubsdilemma

Es ist ein Wahnsinn, ein Irrsinn und nicht selten ein Blödsinn: So geht es zu im Tollhaus Welt. Der Mensch neigt zu seltsamen Verhaltensweisen, die schockieren, alarmieren oder amüsieren können. Was hilft zu guter Letzt? Die Poesie. Nicht ärgern, stänkern oder meckern, sondern dichten – meint die schwarzhumorige Poetin Melanie Arzenheimer und kommentiert die Deadlines des Lebens jeweils am Monatsende auf DAS GEDICHT blog.

Noch nie war so schwierig, ein Urlaubsziel zu wählen. Und das hat jetzt nichts mit unübersichtlichen Schnäppchenangeboten zu tun. Nein. Es geht um die Moral. Wenn die bei der Urlaubszielwahl eine Rolle spielen soll, dann wird die Anzahl der geeigneten Destinationen recht überschaubar. Länder mit Todesstrafe (USA, Japan, China, Thailand, Ägypten, Indonesien, die komplette arabische Halbinsel, zahlreiche afrikanische Staaten etc.) und/oder Menschenrechtsverletzungen (Kenia, Kuba, Tunesien etc.) fallen schon mal weg. Länder, die von dominanten Alphamännchen regiert werden (wieder USA, Russland, Venezuela, Ungarn, Philippinen, Brasilien, Türkei), sollten ebenfalls gemieden werden. Rechtspopulisten in der Regierung? Auch ein Ausschlusskriterium. Und raus sind Italien, Polen, Finnland und andere. Großbritannien ist dank des Brexit-Chaos ja quasi nicht mehr bereisbar, wird von neuem IRA-Terror bedroht und ist als ein Land mit einer Monarchie von einem eingefleischten Demokraten ebenso abzulehnen wie Dänemark, die Niederlande, Monaco (Obacht: Steuerhinterzieher Hot Spot), Belgien, Norwegen und Schweden. Irland gibt Amazon und Co. steuerfrei Unterschlupf. Nicht gut. In Spanien sind Nationalisten und Separatisten auf dem Vormarsch. Griechenland? Die wollen doch eh nur unser Geld.

Dann noch die ganzen Unruheherde mit ihren Bandenkriegen und kriminellen Gangs. Das war es dann auch mit Mexiko, Kolumbien, Südafrika und Honduras. Fernziele kämen außerdem grundsätzlich nicht in Frage, weil man da hin fliegen oder mit dem Schiff hin fahren müsste. Und wer das tut, ist ein brutaler Klimakiller. Zuhause scheinheilig Blumenwiesen anpflanzen und dann in den Süden fliegen? Nein Danke! Also bleibt noch ein Urlaubsziel in der Nähe. Frankreich. Ach nee. Komische Sprache. Unruhige Samstage. Und Fußball-Weltmeister. Das geht ja schon mal gar nicht. Die Schweiz? Zu teuer. Und irgendwie allzu anti-europäisch.

Wie wäre es also mit Österreich? Jawohl! Das ist es! Hier zieht nämlich ein besonderes Argument. Die Steuer! Wenn ich auf einer schönen österreichischen Autobahn durch einen Tunnel fahre, dann haben deutsche Steuerzahler selbigen mit finanziert. Weil VIPs und (sportliche) Lichtgestalten ja ihrem deutschen Heimatland die Steuern nicht gönnen und selbige lieber in Österreich zahlen. Also so gesehen kann ich meinen Feinstaub aus dem SUV auch drüben bei den „Ösis“ lassen. Ohne schlechtes Gewissen. Perfekt.

 

Ritual

Ich pflege
auf Reisen
stets ein Paar Wiener
zu verspeisen

Ein Genuss

Lediglich
in Wien
ist für mich
nach einem Exemplar

Schluss

© Melanie Arzenheimer, Eichstätt

 

Melanie Arzenheimer. Foto: Volker Derlath

Melanie Arzenheimer. Foto: Volker Derlath

»Melanie am Letzten« wird Ihnen von Melanie Arzenheimer präsentiert. Sie wurde 1972 in Eichstätt / Bayern geboren, wo sie heute noch wohnt. Melanie Arzenheimer arbeitet als freiberufliche Journalistin, Autorin und Hörfunkmoderatorin.
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Alle bereits erschienenen Folgen von »Melanie am Letzten« finden Sie hier.

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