Melanie am Letzten – Folge 57: Naturburschendefizit

Es ist ein Wahnsinn, ein Irrsinn und nicht selten ein Blödsinn: So geht es zu im Tollhaus Welt. Der Mensch neigt zu seltsamen Verhaltensweisen, die schockieren, alarmieren oder amüsieren können. Was hilft zu guter Letzt? Die Poesie. Nicht ärgern, stänkern oder meckern, sondern dichten – meint die schwarzhumorige Poetin Melanie Arzenheimer und kommentiert die Deadlines des Lebens jeweils am Monatsende auf DAS GEDICHT blog.

Der moderne Mann, er hat es wirklich nicht leicht. Auf der einen Seite soll er heldenhafte Stärke beweisen, kein Warmduscher sein und im Idealfall seine Liebsten vor den Gefahren dieser Welt beschützen. Auf der anderen Seite will sie, dass er auch mal Gefühle zeigt, die Windeln beim Junior wechselt, seine Hemden selber bügelt und statt Fußball lieber Sturm der Liebe guckt. Der ideale Gefährte ist demnach eine Mischung aus einem bodenständigen, sturmerprobten, angstfreien Highländer, einem gut gebauten, verführerischen und charismatischen Don Juan, einem handwerklich geschickten, praktisch begabten, lösungsorientierten Ingenieur und einem verständnisvollen, kinderlieben, kulturinteressierten Diplom-Pädagogen. Respekt, wer das auf die Reihe bringt! Es soll solche Exemplare geben. Aber sie sind – wie alle großen Wunder der Natur – selten und pflegeintensiv. (Und bevor die Jungs jetzt schimpfen – bei den Mädels sieht es umgekehrt ja auch nicht besser aus).

Immer wieder trifft frau im 21. Jahrhundert dafür auf maskuline Exemplare, die so gar nicht den Idealvorstellungen entsprechen. Da gibt es das Tupperschüssel-Männchen, das von seinem Frauchen mit vorgefertigtem Mittagessen versorgt wird, weil die selbständige Nahrungsbeschaffung ihn vor eine unlösbare Aufgabe stellt. Es gibt den PS-Protz, der zum Einstellen der Parkscheibe weibliche Assistenz braucht, weil ihn die vielen Zahlen überfordern. Und der super verständnisvolle Softie lässt sich von den eigenen Kindern derart auf der Nase herum tanzen, dass die mütterliche Autorität den Schaden auch nicht mehr beheben kann. Ja, wo bliebt der denn nun, der Highländer, wenn frau ihn braucht? Er hat sich zurückgezogen und taucht hin und wieder in TV-Serien, Groschenromanen und Fantasy-Rollenspielen auf. Soviel Fantasie darf/muss sein.

 

Naturbursche, gezügelt

Neulich unterm Schottenröckchen
regte sich des Schotten Glöckchen.
Es begann sich zu bewegen
mittendrin im kalten Regen.
Als das Schottenfräulein fragte,
was da aus dem Röckchen ragte,
antwortet der Schotte nicht.
Und er macht die Schotten dicht.

© Melanie Arzenheimer, Eichstätt

 

Melanie Arzenheimer. Foto: Volker Derlath

Melanie Arzenheimer. Foto: Volker Derlath

»Melanie am Letzten« wird Ihnen von Melanie Arzenheimer präsentiert. Sie wurde 1972 in Eichstätt / Bayern geboren, wo sie heute noch wohnt. Melanie Arzenheimer arbeitet als freiberufliche Journalistin, Autorin und Hörfunkmoderatorin.
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Alle bereits erschienenen Folgen von »Melanie am Letzten« finden Sie hier.

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