Melanie am Letzten – Folge 59: Für ein Recht auf Hässlichkeit!

Es ist ein Wahnsinn, ein Irrsinn und nicht selten ein Blödsinn: So geht es zu im Tollhaus Welt. Der Mensch neigt zu seltsamen Verhaltensweisen, die schockieren, alarmieren oder amüsieren können. Was hilft zu guter Letzt? Die Poesie. Nicht ärgern, stänkern oder meckern, sondern dichten – meint die schwarzhumorige Poetin Melanie Arzenheimer und kommentiert die Deadlines des Lebens jeweils am Monatsende auf DAS GEDICHT blog.

 

In der Schule waren diese Typen ja nicht unbedingt die Lieblinge. Solche, die gern mal beim Lehrer gepetzt haben, wenn jemand abgeschrieben hat oder eine Notlüge für das Zuspätkommen genutzt hat. Heute ist petzen allerdings total hip. Zum Beispiel, wenn es um Gärten geht.

Da wird gnadenlos mit der Kamera oder dem unvermeidlichen Spionagetool, dem Smartphone, auf alles gezielt, was einem unästhetisch erscheint. Aktuelles Lieblingsopfer der Freizeit-Stalker sind Steingärten. Die sind ja so grausam und naturfeindlich, dass sie einen eigenen Online-Pranger verdient haben. Diese „Gärten des Grauens“ werden dann öffentlich an selbigem ausgestellt und das Volk darf … mit virtuellen Steinen werfen? Es ist ein bisschen wie bei „Das Leben des Brian“. Nur ohne Datenschutz. Und Privatsphäre. Aber das ist nur eine billige Unterstellung. Vermutlich hat jeder der Gartenbesitzer sein Einverständnis für die Veröffentlichung der Fotos gegeben, so wie es bei einer journalistischen Berichterstattung üblich, ja sogar Pflicht wäre.

Aber es stellt sich die grundsätzliche Frage: Hat nicht jeder ein Recht auf individuelle Gartengestaltung? Ja sogar auf Hässlichkeit? Was ist eigentlich hässlich? Was qualifiziert einen Menschen, sich über einen anderen zu erheben? Wer ist diese oberste Instanz des guten Geschmacks? Forschungen haben ergeben, dass es so etwas wie „kollektiven Narzissmus“ gibt. Menschen, die sich für was Besseres halten, fühlen sich in einer Gruppe mit anderen, die sich auch für was Besseres halten, noch viel besser. Also quasi besserer. In der digitalen Blase lässt sich dieses Glücksgefühl wohl noch steigern. Pech, wer da alleine ist. Der ist und bleibt ne arme Sau. Und er kann seinen hässlichen Garten leider auch nicht durch gute Taten kompensieren. Was, wenn der grausame Gartenbesitzer seit Jahren seine demente Mutter pflegt, während der besserwisserische Gartenkritiker sein Denunziantentum vom Sofa aus zelebriert und sich sein ehrenamtliches soziales Engagement auf den Häppchenkonsum beim örtlichen Stadtteilfest beschränkt? Allein die Optik zählt. Das ist im Zeitalter von Insta und Snapchat eben so.

Darum lasst uns das Beste daraus machen: Gelobt sei das Denunziantentum!
Ich geh jetzt raus und fotografiere ein paar Mitbürger des Grauens. Solche, die rauchen zum Beispiel und ihren Gestank in mein Büro pusten. Oder Nazis. Oder die, die den Müll nicht trennen und für ihre Scheißkarre mehr als einen Parkplatz brauchen. Oder Schwarzarbeiter. Oder welche, die am Sonntag Rasen mähen. Es gibt ja so viel zu tun. Halleluja!

 

Gartenbibel, 11. Gebot

Wer sonntags
Rasen mäht
wird Wurm
ernten!

© Melanie Arzenheimer, Eichstätt

 

Melanie Arzenheimer. Foto: Volker Derlath

Melanie Arzenheimer. Foto: Volker Derlath

»Melanie am Letzten« wird Ihnen von Melanie Arzenheimer präsentiert. Sie wurde 1972 in Eichstätt / Bayern geboren, wo sie heute noch wohnt. Melanie Arzenheimer arbeitet als freiberufliche Journalistin, Autorin und Hörfunkmoderatorin.
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Alle bereits erschienenen Folgen von »Melanie am Letzten« finden Sie hier.

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