Melanie am Letzten – Folge 60: Depperter Dirndl Terror

Es ist ein Wahnsinn, ein Irrsinn und nicht selten ein Blödsinn: So geht es zu im Tollhaus Welt. Der Mensch neigt zu seltsamen Verhaltensweisen, die schockieren, alarmieren oder amüsieren können. Was hilft zu guter Letzt? Die Poesie. Nicht ärgern, stänkern oder meckern, sondern dichten – meint die schwarzhumorige Poetin Melanie Arzenheimer und kommentiert die Deadlines des Lebens jeweils am Monatsende auf DAS GEDICHT blog.

 

Und wo ist denn dein Dirndl? Eine Frage, die eine Frau wie mich in Bayern immer wieder anlässlich diverser Festivitäten ereilt. Wer heutzutage als Bewohnerin des Freistaats kein solches Gewand trägt, der steht ja schon im Verdacht unpatriotischen Verhaltens. Dabei hat so ein Dirndl gar nichts mit einer Tracht, die historische Wurzeln hat, zu tun. Die Tracht orientiert sich schließlich an regionalen, lokalen Eigenheiten und hat klare Regeln. Nix mit Leopard, oder so.

Es ist im Moment eben einfach Mode, sich in so ein Kleid mit Schürze, Bluse und Mieder zu quetschen, das einem wegen seiner einschnürenden Art jeden Spaß am Genuss von Schweinsbraten, Steckerlfisch oder Obazdem (wer´s nicht kennt bitte googeln) nimmt. Womöglich verbinden Besucher mit dem Dirndl die ganze bajuwarische Romantik: Frau steht am Morgen auf der Alm auf und jodelt erstmal drei Ave Maria, bevor sie – im Dirndl – das Vieh versorgt und anschließend mit dem Pferdefuhrwerk ins Tal fährt, um dort den selbstgemachten Käse zu verkaufen. Und so einen Blog wie diesen kann die stets gut gelaunte, naturliebende Dirndlträgerin nur schreiben, weil die Scheiße ihrer Kühe in Biostrom umgewandelt wird.

Wenn mich also jemand nach meinem Dirndl fragt, dann sage ich: Ich trage Jeans. Das ist auch bayerisch. Schließlich ist der Jeans-Erfinder Levi Strauss in Bayern aufgewachsen, ihm ist sogar ein ganzes Museum in Buttenheim (Oberfranken) gewidmet.

Als „Preiß“ wird man derweil als Dirndlträgerin nicht mehr verdächtigt, weil die ja alle erst recht mit Dirndl (jetzt mit Leopardenoptik und mit Glitzersteinchen beklebt) und Lederhosen auftauchen, um ihre „Assimilation“ auch optisch zu demonstrieren. Schön. Aber irgendwann redet man möglicherweise miteinander. Und dann? Oh mei. Und dann kommt die Sache mit dem Dialekt. Der ist derzeit genauso „hip“ wie das Dirndl. Wer hochdeutsch spricht, ist vielleicht gar kein Bayer? Doch. Da gilt die alte Karl Valentin Weisheit: Mögen hätt ich schon wollen, aber dürfen hab ich mich nicht getraut!

Oder anders gesagt: I kanntat scho, wenn i mechat…

Bayerisches Alphabet

A wie aufgstoider Ameisenschaoß
B wie bledgschädlerter Bachratz
C wie charakterloses Chefzapferl
D wie damischer Dipferlscheißer
E wie elendigs Eiterwimmerl
F wie fade Freibier Fotzn
G wie gwamperter Gschwollschädl
H wie hirndappiger Haumdaucher
I wie intrigantes I-düpferl
J wie Jessas, Maria und Josef – vergib uns unsere Kraftausdrücke
K wie kaskopferter Kniebiesler
L wie lumperter Lätschenbeni
M wie muhhacklerter Millipanscher
N wie noaglader Notnickel
O wie oaschiftiger Oargackerlkopf
P wie plärrater Pfundhammel
Q wie quadratschädliger Quertreiber
R wie ruachater Rotzbua
S wie schiaglerter Schmarrnkübel
T wie trutscherter Trenzbeidl
U wie überstandiger Umstandskramer
V wie verrecktes Verklaghaferl
W wie watschengsichtiger Wuisler
X wie in Ze-Fix
Z wie zahnerter Zepf

© Melanie Arzenheimer, Eichstätt

 

Melanie Arzenheimer. Foto: Volker Derlath

Melanie Arzenheimer. Foto: Volker Derlath

»Melanie am Letzten« wird Ihnen von Melanie Arzenheimer präsentiert. Sie wurde 1972 in Eichstätt / Bayern geboren, wo sie heute noch wohnt. Melanie Arzenheimer arbeitet als freiberufliche Journalistin, Autorin und Hörfunkmoderatorin.
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Alle bereits erschienenen Folgen von »Melanie am Letzten« finden Sie hier.

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