Melanie am Letzten – Folge 62: Kapitalismus trifft Größenwahn

Es ist ein Wahnsinn, ein Irrsinn und nicht selten ein Blödsinn: So geht es zu im Tollhaus Welt. Der Mensch neigt zu seltsamen Verhaltensweisen, die schockieren, alarmieren oder amüsieren können. Was hilft zu guter Letzt? Die Poesie. Nicht ärgern, stänkern oder meckern, sondern dichten – meint die schwarzhumorige Poetin Melanie Arzenheimer und kommentiert die Deadlines des Lebens jeweils am Monatsende auf DAS GEDICHT blog.

 

Millionen-Boni für die Banker – skandalös! 50 Millionen Euro Jahresgehalt für einen Formel 1 Fahrer – eine Sauerei! 5000 Dollar für einen Post eines Influencers – der Wahnsinn! Social-Media-Unternehmer verdient Milliarden – unbegreiflich! Da kann der (Unter)Durchschnittsverdiener nur mit dem Kopf schütteln und sich der Kunst zuwenden. Gerade im Kulturbetrieb, dessen Erzeugnisse das Thema Gerechtigkeit, Moral und Anstand eher in den Mittelpunkt stellen als das Sport-Business oder die Finanzwelt, sollte es doch weniger pervers zugehen (zumindest, was das Geld anbelangt). Jeder anständige Maler, Sänger, Literat oder Bildhauer ist natürlich empört, wenn er für ein Werk oder einen Auftritt unanständige Summen angeboten bekommt. Oder? Nicht selten scheinen Größenwahn und Kapitalismus auch in der Kunst eine befruchtende Partnerschaft einzugehen.

Vielleicht liegt die Macht ja auch – wie bei der Klimadebatte – beim Volk. In diesem Fall beim Publikum. Na, wie wär´s? Der Superstar an der Geige wird nach dem Konzert erst bejubelt und dann durch Sprechchöre dazu aufgefordert, einen Teil seiner extrem hohen Gage an die unterbezahlten Mitglieder des Orchesters abzugeben, die mit ihm aufgetreten sind (und seine Launen ertragen mussten). Der Maler, dessen Bild gerade für mehrere Millionen Euro versteigert wurde, könnte ganz elegant bei einem Gläschen Schampus bei der nächsten Vernissage dazu ermuntert werden, einen Anteil des Erlöses an Kunstschulen abzudrücken. Oder die Besucher der Ausstellung betreten selbige erst dann, wenn vom Eintrittsgeld etwas an soziale Einrichtungen fließt. Der Filmstar, der gerade für ein paar gemurmelte Worte Millionen bekommen hat (wobei er vielleicht im Film sogar einen Kämpfer für Gerechtigkeit dargestellte), könnte davon einen Teil in die Altersvorsorge für arme Theaterschauspieler investieren – ein Flitzer über den Roten Teppich möge da ein Zeichen setzen, ebenso wie eine Demo vor dem schicken Filmpalast, in dem die Premiere gefeiert wird. Oder wie wäre es mit einem Boykott von Blockbustern, bis die Gagen der Hauptdarsteller auf ein Normalmaß gestutzt sind und mit dem frei werdenden Geld die Ankleidehilfen, Requisiten-Schlepper und Statisten ordentlich bezahlt werden?

Das wird ohne einen Klimawandel nicht passieren. Und das kann dauern. Bis dahin wird der Geigenvirtuose für jeden Auftritt sein 5-Sterne-Hotel plus Shuttleservice bekommen und der große Kinostar gar nicht erst aus dem Bett steigen, wenn die Kasse nicht stimmt.

 

Hollywood Storyboard

007 Zwerge
kamen über die Berge
retteten die Welt
bekamen kein Geld
entführten James Bond
bei finsterer Nacht
nennen sich nun
008

 

© Melanie Arzenheimer, Eichstätt

 

Melanie Arzenheimer. Foto: Volker Derlath

Melanie Arzenheimer. Foto: Volker Derlath

»Melanie am Letzten« wird Ihnen von Melanie Arzenheimer präsentiert. Sie wurde 1972 in Eichstätt / Bayern geboren, wo sie heute noch wohnt. Melanie Arzenheimer arbeitet als freiberufliche Journalistin, Autorin und Hörfunkmoderatorin.
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Alle bereits erschienenen Folgen von »Melanie am Letzten« finden Sie hier.

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