Melanie am Letzten – Folge 69: Die Strafe Gottes wissenschaftlich betrachtet

Es ist ein Wahnsinn, ein Irrsinn und nicht selten ein Blödsinn: So geht es zu im Tollhaus Welt. Der Mensch neigt zu seltsamen Verhaltensweisen, die schockieren, alarmieren oder amüsieren können. Was hilft zu guter Letzt? Die Poesie. Nicht ärgern, stänkern oder meckern, sondern dichten – meint die schwarzhumorige Poetin Melanie Arzenheimer und kommentiert die Deadlines des Lebens jeweils am Monatsende auf DAS GEDICHT blog.

 

Ein Hoch auf die Wissenschaft! Hätten wir sie nicht, dann wäre so eine Pandemie immer noch eine Strafe Gottes und es würden diverse Heilige oder Naturgottheiten angebetet, um sie wieder los zu werden. Womöglich hat das auch mal funktioniert, aber die Wissenschaftler würden hier wohl eher von Zufällen als von beweisbaren causalen Zusammenhängen sprechen. Andererseits: Bei so einem Heiligen oder Baumgott weiß man, woran man ist und wie man sich verhalten soll. Da gibt’s keine Interpretationsmöglichkeiten, hier herrschen klare Ansagen.

Anders in der Wissenschaft. Da ändern sich die Ansagen, weil sich die Erkenntnis ändert (hier unterscheidet man sich durchaus von religiösen Gemeinschaften). Und das war schon immer so. Weil man es nicht besser wusste, hat man die Syphilis einst mit Quecksilber behandelt. Im Prinzip hats ja auch funktioniert, denn die Syphilis wurde dadurch abgetötet. Der Patient aber leider auch. Als die erste Eisenbahn von Nürnberg nach Fürth fuhr, erklärten Wissenschaftler, dass eine Reisegeschwindigkeit von mehr als 50 Stundenkilometern tödlich für den Menschen sei. Sagen Sie das heute mal einem Touristen in der Economy-Class, der sich gerade bei 600 km/h für seinen Malle-Urlaub warm trinkt. Dafür freut sich der Kreuzfahrt-Tourist, dass die Ingenieurswelt aus dem Titanic-Untergang einiges gelernt hat, nachdem dieses Schiff die ihm beschiedene Unsinkbarkeit erfolgreich untergraben hat. Andererseits: Was musste sich ein Charles Darwin alles anhören, nachdem er die Evolutionstheorie aufgestellt hatte?

Wissenschaftler haben auch davor gewarnt, dass das menschliche Gehirn Schaden nehmen würde, wenn man sich ständig ein Smartphone ans Ohr halte. Na ja, vielleicht lagen sie da doch nicht so falsch….

Fest steht: Wissenschaftler können sich irren. Aber auch Recht haben. Alle sind sie sind neugierig, viele durchaus streitlustig. Wenn sie es nicht wären, würden wir noch auf einer Scheibe namens Erde sitzen und hinter jedem Gewitter den Zorn eines himmlischen Wesens vermuten. Jetzt wissen wir, dass dem nicht so ist, auch wenn wir noch nie etwas von einem mesoskaligen konvektiven Komplex gehört haben. Hier muss man der Wissenschaft glauben. Und das Schöne dran: Man kann sogar nachfragen. Diese schlauen Typen sind eben keine Heiligen oder Götter, sondern Menschen. Mit Bedürfnissen.

 

Zwei Annäherungsversuche eines Mathematikers an eine artverwandte Spezies

Eine Kurvendiskussion
erübrigt sich
jetzt sicherlich
durch das tägliche Beschmusen
all deiner Hypotenusen

 

Es ist Dein Algorithmus
bei dem ich immer mit muss
ich Dein Sinus
Du mein Cosinus
und Kuss!

 

© Melanie Arzenheimer, Eichstätt

 

Melanie Arzenheimer. Foto: Volker Derlath

Melanie Arzenheimer. Foto: Volker Derlath

»Melanie am Letzten« wird Ihnen von Melanie Arzenheimer präsentiert. Sie wurde 1972 in Eichstätt / Bayern geboren, wo sie heute noch wohnt. Melanie Arzenheimer arbeitet als freiberufliche Journalistin, Autorin und Hörfunkmoderatorin.
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Alle bereits erschienenen Folgen von »Melanie am Letzten« finden Sie hier.

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