Melanie am Letzten – Folge 71: Vom Urlaubs-Unglück überschwemmt

Es ist ein Wahnsinn, ein Irrsinn und nicht selten ein Blödsinn: So geht es zu im Tollhaus Welt. Der Mensch neigt zu seltsamen Verhaltensweisen, die schockieren, alarmieren oder amüsieren können. Was hilft zu guter Letzt? Die Poesie. Nicht ärgern, stänkern oder meckern, sondern dichten – meint die schwarzhumorige Poetin Melanie Arzenheimer und kommentiert die Deadlines des Lebens jeweils am Monatsende auf DAS GEDICHT blog.

 

Ach wie herrlich. So schön. Und diese Idylle! Die Menschen entdecken Deutschland ganz neu. Dank Corona. Es wird im eigenen Land geurlaubt und auf einmal sind selbst die verschlafendsten Winkel der Republik hoch attraktiv. Es erinnert ein wenig an die Zeit, in die Städter auszogen, um die Bergwelt zu erobern.

Allerdings hat man damals wie heute die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Beziehungsweise die heimische Fauna. So eine Kuh ist nun mal kein Model und Instragram-Motiv, sondern ein lebendes Wesen mit Gefühlen. Und diese tierischen Emotionen können durchaus negativ ausfallen, wenn sich mal wieder so ein Idiot einen Spaß draus mach, die Kuh zu erschrecken. Dieses „Rindvieh“ filmt sich auch noch dabei. Inzwischen haben sogar die chinesischen Verursacher jener total überschätzten TikTok App verstanden, dass Kühe in Panik zu versetzen völliger Schwachsinn ist und die entsprechenden Videos gelöscht. Leider werden die User nicht gleich mit aus dem digitalen wie analogen Verkehr gezogen. Sie überlegen sich neue Sinnlosigkeiten, mit denen sie die Welt beglücken können. Hirnlosigkeit kennt keine Grenzen. Vor allem nicht im Urlaub.

Es fallen Influencer in Gebirgsbäche, weil sie beim Einhand-Foto versagt haben, es ertrinken Stand-up-Paddler, weil mitten im See die Kraft schwindet und es verirren sich Extrem-Wanderer, weil im alpinen Umfeld ihr Smartphone-GPS keinen Empfang mehr hat. Die Heimat wird überschwemmt mit selbst verursachtem Unglück. Das ist Urlaub daheim. Grausam. Bislang hat man es einfach nicht mit bekommen, wenn Horden saufender Touristen auf dem Ballermann verendet sind oder sich selbst verwirklichende Mitfünfziger beim Hiken im tibetanischen Hochland erfroren waren. Auf der Todesanzeige verzichtet man in diesem Fällen gerne auf die Angabe der Todesursache. Aber nun findet der Irrsinn vor der eigenen Haustür statt. Live und in Farbe. Für jeden sichtbar. Und die Natur ist grausam. Sie schreckt vor nichts und niemandem zurück.

 

Stichtag am See

So viele nackte
Rücken
entzücken
die Mücken
zeigen sich
in bestechender
Form

 

© Melanie Arzenheimer, Eichstätt

 

Melanie Arzenheimer. Foto: Volker Derlath

Melanie Arzenheimer. Foto: Volker Derlath

»Melanie am Letzten« wird Ihnen von Melanie Arzenheimer präsentiert. Sie wurde 1972 in Eichstätt / Bayern geboren, wo sie heute noch wohnt. Melanie Arzenheimer arbeitet als freiberufliche Journalistin, Autorin und Hörfunkmoderatorin.
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Alle bereits erschienenen Folgen von »Melanie am Letzten« finden Sie hier.

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